Die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Sachsen-Anhalt, Birgit Neumann-Becker
Die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Sachsen-Anhalt, Birgit Neumann-Becker Bildrechte: MDR/Florian Leue

Stasi-Akten Birgit Neumann-Becker: Politische Mandatsträger sollten ihre Biografie offenlegen

Als Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen in Sachsen-Anhalt weiß Birgit Neumann-Becker um die psychischen Belastungen einer Akteneinsicht. Noch immer werden jährlich 45.000 Anträge gestellt, davon 6.000 in Sachsen-Anhalt, was der Größe einer Kleinstadt entspricht. Über die Besonderheiten ihrer Aufgaben war Neumann-Becker mit MDR KULTUR im Gespräch.

Die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Sachsen-Anhalt, Birgit Neumann-Becker
Die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Sachsen-Anhalt, Birgit Neumann-Becker Bildrechte: MDR/Florian Leue

Birgit Neumann-Becker ist Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen in Sachsen-Anhalt. Bereits als 17-jährige bekam sie die ganze Macht des DDR-Staates zu spüren. Mit 21 wurde sie für die Staatssicherheit zum Beobachtungsobjekt, weil sie sich für den Frieden engagierte. Ihre Biografie war ein Grund, warum sie sich 2013 als Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen beworben hatte.

Schmerzhafte Rückschau

111 Kilometer Akten umfasst das Stasi-Unterlagen-Archiv schätzungsweise. Doch bei der Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen in Sachsen-Anhalt steht keine einzige. Neumann-Becker ist für Forschungsanfragen da. Und natürlich für die Menschen, die Klarheit über die Vergangenheit erlangen wollen. Es ist "eine Klärung, die zum Teil schmerzhaft ist, ja, aber danach ist es für die Menschen möglich, ihre Vergangenheit anders zu betrachten und hier vielleicht auch neu Sinn zu gewinnen und sie auch neu zu erzählen.", bemerkt Neumann-Becker dazu.

45.000 Anträge auf Einsicht hat es im vergangenen Jahr bundesweit gegeben, knapp 6.000 davon fielen auf ihre Behörde in Sachsen-Anhalt. Von der Größenordnung her sei das immer noch eine Kleinstadt, gibt Neumann-Becker zu bedenken.

Archivierte Akten lagern in den Räumen der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin.
Archivierte Akten in den Räumen der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin Bildrechte: dpa

Stasi-Vergangenheit von Kommunalpolitikern nicht verdrängen

Neben der Betreuung der betroffenen Menschen ist ihr allerdings auch wichtig, dass sich Kommunen der Vergangenheit stellen. So hat die Landesbeauftragte Briefe verschickt und Stadträte wie Kreistage darüber informiert, dass sie nach dem Stasiunterlagengesetz die Möglichkeit haben, ihre Mandatsträger zu überprüfen.

Ein Drittel dieser kommunalen Vertretungskörperschaften haben so einen Beschluss gefasst. Das Ergebnis: Von 1.100 überprüften Frauen und Männern waren 95 Prozent nicht belastet – fünf Prozent schon. Das wurde dann besprochen. Transparenz ist hier für  Neumann-Becker das Leitmotiv.

Ich finde, wer sich zu einer Wahl stellt für ein wichtiges politisches Amt, sollte seine politische Biografie der Vergangenheit offen legen. Damit meine ich nicht, dass er darauf festgelegt ist, aber er sollte informieren.

Birgit Neumann-Becker

Besorgnis wegen geplanter Akten-Auslagerung

Die bislang zwölf Außenstellen der Stasi-Unterlagenbehörde in den ostdeutschen Ländern sollen auf einen Archivstandort pro Bundesland reduziert werden. Das wirft bei einigen Bürgerrechtlern und Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Fragen auf. Auch Neumann-Becker sorgt sich: "Es wird umgelagert, neu organisiert, aber nicht erschlossen. Und die Auskunftszeit wird noch länger werden." Zudem sei ihr nicht ganz klar, was mit den dann leeren Außenstellen passieren wird.

In Sachsen-Anhalt sind das zum Beispiel zwei ehemalige Bezirksverwaltungen der Staatssicherheit – für Neumann-Becker sind das auch historische Orte. "Die sollen erhalten bleiben in irgendeiner Weise und als Erinnerungsorte gefüllt werden und an Repression ebenso wie politischen Widerstand erinnern", schlägt sie vor.

Birgit Neumann-Becker im Porträt

In Görlitz wurde Neumann-Becker 1963 geboren, in der niederschlesischen Oberlausitz wuchs sie auf. Bereits als 17-Jährige bekam sie die Staatsmacht zu spüren. Sie hatte in den 80er-Jahren, als die atomare Aufrüstung in Ost und West auf ihren Höhepunkt zusteuerte, den Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen" getragen und wurde daraufhin  zum Schuldirektor sowie zum Verhör bei der Polizei vorgeladen. Ein wichtiger Moment im Leben der Jugendlichen, den Aufnäher nahm sie ab, doch die Verpflichtung zum Widerstand war geboren.

Also für mich war vollkommen klar, dieses System ist doch vollständig unglaubwürdig, wenn es nötig ist, dass Polizisten Schüler unter Androhung von Schulverweisen dazu zwingen ihre politische Meinung zu verbergen.

Birgit Neumann-Becker

In Halle studierte Neumann-Becker Theologie, engagierte sich in der Evangelischen Studentengemeinde und in der Gruppe "Frauen für den Frieden", die sich gegen die zunehmende Militarisierung vor dem Hintergrund des zugespitzten Ost-West-Konfliktes wendete. Im Herbst 1989 übernahm sie die Mitgestaltung und Mitverantwortung für die Montagsgebete in der Wittenberger Schlosskirche und leistete in Halle Unterstützung bei den Mahnwachen in der Georgengemeinde.

Seit 2013 ist Neumann-Becker Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Sachsen-Anhalt und seit 2017 Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Sie arbeitet zudem im Stiftungsrat Gedenkstättenstiftung Sachsen-Anhalt, im Beirat "Stiftung Rechtsstaat Sachsen-Anhalt" und im Stiftungsrat Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen mit.

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Zuletzt aktualisiert: 08. April 2019, 20:30 Uhr

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