Rollenbilder Philosoph Björn Vedder erklärt "Väter der Zukunft"

Der Philosoph Björn Vedder hat ein Buch über die "Väter der Zukunft" geschrieben. Darin geht es etwa darum, wie sich Väter in Zeiten des Klimawandels und einer nicht mehr so klaren Rollenverteilung zwischen Mann und Frau verhalten sollten. In dem philosophischen Essay schreibt Björn Vedder Sätze wie: "Vaterlosigkeit und Asozialität sind eng verbunden", oder: "Väter, die ihre Kinder nach Regeln und Gesetzen erziehen, sind Schwächlinge." Starke Aussagen, die Väter irritiert zurücklassen könnten. MDR KULTUR-Rezensentin Annegret Faber hat Vedders Essay gelesen und sieht darin eine flammende Rede für ein gutes Verhältnis zum Kind.

Vater und Tochter beim Basteln
Was macht heute Väter aus? Bildrechte: imago/Westend61

MDR KULTUR: Ist zu Vätern von heute nicht alles gesagt?

Philosoph und Autor Björn Vedder: Ich glaube, ehrlich gesagt, nicht. Denn wenn schon alles gesagt wäre, dann gäbe es ja auch nicht dieses Unbehagen mit der Vaterrolle. (...) Mein Eindruck war, es gibt eine ganze Menge sehr guter historischer Bücher auch, die zeigen, wie sich das Vaterbild entwickelt hat. Es gibt eine ganze Menge toller Ratgeber und Erfahrungsberichte und so weiter. Aber im Hinblick darauf, was die Philosophie über den Vater zu sagen hat, habe ich wenig Aktuelles gefunden.

Sie sind Vater von drei Kindern. Hätten sie auch ohne diese Erfahrung einen Essay über die Väter der Zukunft schreiben können?

Björn Vedder
Der Philosoph Björn Vedder hat selbst drei Kinder. Bildrechte: Robert Carruba

Können sicher, vielleicht sogar noch besser, aber wollen wahrscheinlich nicht. Das ist schon so, dass das nicht nur ein akademisches Problem ist, das ich da gefunden habe, sondern eben auch ein persönliches. Weil ich eben selber auch nicht so genau wusste, was macht man eigentlich als Vater? Also mache ich einfach die Mutter nach oder wurschtle ich mich so durch? Oder kann es nicht vielleicht doch eine definierte Vaterrolle geben, die von der Mutterrolle verschieden ist?

Um eine Art Tätigkeitsbeschreibung zusammenzutragen: Was macht den Vater der Zukunft aus?

Ich glaube, dass es wichtig ist, dass der Vater einerseits anschließt an diese klassische Vaterrolle, die eine Form der Orientierung ist, auch der Öffnung in das Leben, in die Gesellschaft hinein. Und dass man da aber zwei Klippen umschiffen muss: Die eine ist die, dass man diese ihre Vaterrolle klassischerweise mit dem biologischen Mann verknüpft und so tut, als könnten Frauen dazu gar nicht beitragen. Das ist ja vollkommener Humbug, weil es ist ja nicht so, dass die jetzt nur Stricken in der Schule hätten oder so, sondern ich wüsste nicht, warum jetzt Männer oder Frauen unterschiedlich begabt sein sollten, Kinder in die Kultur, in die Gesellschaft, einzuführen.

Gut, dass sie das sagen. Sonst hätte ich sie nämlich gefragt!

Das andere Problem ist aber auch, durch diese klassische Vaterrolle, die der Vater vertritt – das Gesetz, die Moral, die Ökonomie und so weiter – entsteht immer eine Entfernung. Denn wenn ich etwas vertrete, dann geht es nie um mich selbst. Man kann das wunderbar sehen an den Bildern, die es von der Heiligen Familie gibt. Da sitzen Maria und Jesus eng in der Mitte und Josef steht immer am Rande. Indem der Vater also etwas vertritt, umkreist er die Familie wie ein Mond und ist nie richtig dabei. Ihm fehlt also auch diese Intimität, die sich Väter heute wünschen. (...)

Eine der Aussagen ihres Buches besagt, wer sich in der Beziehung auf Regeln und Gesetze beruft, ist schwach. Aber lernen wir nicht gerade in Corona-Zeiten, wie sinnvoll etwa Stundenpläne sein können?

Schauen Sie, das kann man ganz gut sehen an den vielen Szenen des väterlichen Gerichts, von denen Filme und Bücher voll sind. Wenn ich mein Kind auf das Gesetz beziehe, dann beziehe ich mich auf das Gesetz und das Gesetz auf das Kind. Also gibt es diese Distanzschaffung zwischen uns. Zweitens etabliert ein Gesetz eine bestimmte Ordnung und ordnet einen Einzelfall, das Verhalten meines Kindes, einer allgemeine Regel unter, die ihm vielleicht gar nicht angemessen ist. Also ich glaube, dass man als Vater, als Elternteil überhaupt, besser tut, statt seinem Kind den Gehorsam von Gesetzen einzubläuen – die nur wie ein äußeres Korsett sind, das uns Menschen hilft, zu stehen – eben so eine Art von innerer Festigkeit, also ein Ethos, zu vermitteln. (...)

Das Gespärch führte Moderatorin Beatrice Schwartner für MDR KULTUR.

Mehr zum Buch Björn Vedder: "Väter der Zukunft. Ein philosophischer Essay"
Büchner-Verlag, 170 Seiten
ISBN 978-3-96317-195-6
Preis: 18 Euro

Erziehung und Elternsein

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. März 2020 | 18:05 Uhr

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