Das Blaue Wunder in Dresden.
Die Loschwitzer Brücke in Dresden wird "Blaues Wunder" genannt, offiziell hieß sie bis 1921 "König-Albert-Brücke". 1936 verbreiteten die "Dresdner Nachrichten" die Zeitungsente, dass die Brücke ursprünglich grün angemstrichen wurde und sie sich aufgrund von Verwitterungen nun blau aussehe. Das Gerücht konnte sich lange halten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Architektur Blaues Wunder in Dresden vor 125 Jahren eingeweiht

von Hartmut Schade und Sabrina Gebauer, MDR KULTUR

Das Blaue Wunder in Dresden.
Die Loschwitzer Brücke in Dresden wird "Blaues Wunder" genannt, offiziell hieß sie bis 1921 "König-Albert-Brücke". 1936 verbreiteten die "Dresdner Nachrichten" die Zeitungsente, dass die Brücke ursprünglich grün angemstrichen wurde und sie sich aufgrund von Verwitterungen nun blau aussehe. Das Gerücht konnte sich lange halten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Flussstädte werden nicht erst heutzutage nach ihren Brücken beurteilt und verurteilt - Stichwort Waldschlößchenbrücke. Schon vor 125 Jahren war die Brückenwelt in Dresden in Aufruhr: Da wurde eine Brücke eingeweiht, die heute in jedem Reiseführer steht und als "Blaues Wunder" gilt.

Vorgeschichte: Die nächste Brücke war eine Stunde entfernt

Das am Elbhang liegende Loschwitz und das gegenüberliegende Blasewitz sind Vorortdörfer von Dresden, getrennt durch die Elbe. Die wohlsituierten Loschwitzer Villenbesitzer fuchst es, dass die nächste Brücke eine ganze Stunde entfernt ist. Und auf kürzestem Wege nur zu Fuß erreichbar. Privat finanzierte Brückenprojekte scheitern, also soll der Staat einspringen. Im Oktober 1883 bittet die Gemeinde Loschwitz, "die hohe königliche Staatsregierung" um eine Elbbrücke. Die Staatsregierung rückt 400.000 Mark raus, und die Königliche Wasserbaudirektion macht genaue Vorgaben - fordert das "Wunder": Keine Pfeiler in der Elbe. Damit sind alle Steinbrückenprojekte aus dem Rennen. Gebaut wird - welch ein Zufall - der Entwurf des Direktors der Königlichen Wasserbaudirektion, Claus Koepcke.

Elbbrücke "Blaues Wunder" in Dresden
Bis 1985 fuhren Straßenbahnen über die Loschwitzer Brücke - aufgrund der zu geringen Tragfähigkeit wurde der Verkehr jedoch eingestellt. Bildrechte: cine plus

Dresdner sind nicht begeistert - Abriss wird gefordert

Doch die stählerne Brücke wird gescholten: Ein gewisser A. von Wedell bereimt im Sommer 1892 in Versen den Bau der Loschwitz-Blasewitzer Brücke und auch das Unbehagen, das die Dresdener ergreift:

Was muss ich sehn! Das war doch sonst nicht Brauch / dass man ein Heiligtum durch solche Untat schände. / Mein Loschwitz ach! Mein Kleinod meiner Seelen, / will nun die Großstadt Deinen Zauber stehlen?

A. von Wedell

Und der "Brückenbaupapst" und Rektor der Technischen Universität Dresden, Georg Mehrtens, urteilt 1900 in seinem dreibändigen Standardwerk "Der deutsche Brückenbau im 19. Jahrhundert":

In ästhetischer Hinsicht wirkt die Loschwitzer Brücke zu schwer, was durch die durchweg vernieteten schweren Obergurte in Verbindung mit dem ungewöhnlich hohen Pfeilverhältnis [...] und der unschönen Versteifung des Mittelgelenks durch aufgelegte Trägerstücke veranlasst wird.

Georg Mehrtens, "Brückenbaupapst" und Rektor der Technischen Hochschule
Der Schaufelraddampfer "Leipzig" auf der Elbe am Blauen Wunder in Dresden
Das Blaue Wunder wiegt etwa 3.500 Tonnen, ist 280 Meter lang, 12 Meter breit und 24 Meter hoch. Bildrechte: IMAGO

In den 20ern fordert der Dresdener Architekt und Heimatforscher Karl Emil Scherz gar den Abriss des landschaftsverschandelnden Bauwerks: "Das Blaue Wunder ist ein Kind seiner Zeit, es gab damals noch keinen Heimatschutz und der weittragende Eisenbeton war noch unbekannt. [...] Jetzt ist nun der Zeitpunkt gekommen, wo man großzügig vorgehen sollte [...] und das Landschaftsbild wieder herstellen, wie es vor dem Brückenbau bestanden hatte."

Ausblick: Wie lange wird die Brücke noch halten?

Das Blaue Wunder bleibt stehen - auch das ein Wunder: Bürger verhindern die Sprengung der Brückedurch die Wehrmacht, das Blaue Wunder trotzt zudem der Dresdener Bombennacht und der Vernachlässigung zu DDR-Zeiten. Und als der Streit um die Waldschlösschenbrücke hochkocht, da gilt das Blaue Wunder nicht als abrisswürdig, sondern als Muster gelungenen Brückenbaus. Verkehrstechnisch ist es das immer gewesen: Obwohl der Bau mit 2,2 Millionen Mark mehr als doppelt so teuer wie geplant ist, sind die Einnahmen aus dem Brückenzoll so hoch, das er zehn Jahre früher als geplant, aufgehoben werden kann. Das ist vielleicht das wahre Wunder dieser Brücke - eine Steuer wird einfach wieder gestrichen.

125 Jahre alt ist die Loschwitzer Brücke nun - wie lange sie noch durchhält, ist umstritten. Stahlbrücken seien nicht ewig haltbar, der Leiter des Straßen- und Tiefbauamtes der Stadt, Reinhard Koettnitz. "Aber ich gehe noch von mindestens 20 Jahren aus." 2020 soll das denkmalgeschützte Bauwerk seinem Namen auch wieder alle Ehre machen: Bis dahin soll es einen frischen Anstrich haben. Der blaue Farbton soll dann wieder der gleiche sein wie zur Eröffnung im Jahr 1893. "Wir haben überpinselte Reste aus der Entstehungszeit gefunden", so Koettnitz.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Juli 2018 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Juli 2018, 04:00 Uhr