Charlotte Krämer, die 1. Violine im MDR-Sinfonieorchester und Adam Markowski, 1. Violine im MDR-Sinfonieorchester
Mit dem Orchester in Japan: Charlotte Kraemer und Adam Markowski. Bildrechte: Rebecca Krämer, Andreas Lander

Das MDR-Sinfonieorchester auf Japan-Tour Japan-Blog: Zurück in Leipzig

Das MDR-Sinfonieorchester geht auf große Reise. Am Montag brachen die 77 Musikerinnen und Musiker zu ihrer zweiwöchigen Japan-Tour auf. Auf dem Programm stehen Konzerte in Städten wie Sapporo, Kōbe, Fukuoka und Yokohama. Mittendrin: Charlotte Kraemer, 1. Violine und zudem jüngstes Orchestermitglied. Sie berichtet zwei Wochen lang hier im Blog von ihren Erlebnissen.

Charlotte Krämer, die 1. Violine im MDR-Sinfonieorchester und Adam Markowski, 1. Violine im MDR-Sinfonieorchester
Mit dem Orchester in Japan: Charlotte Kraemer und Adam Markowski. Bildrechte: Rebecca Krämer, Andreas Lander

Leipzig, 5.11., 12:30 | Blog!basta

Gestern Nacht sind wir nach zwölf Stunden Flug in zwei Gruppen gelandet und mit Bussen zum Augustusplatz gefahren worden. Wie klein plötzlich alles aussieht! Und wie leer die Straßen sind! Nichts blinkt, es ist ruhig, ganz ungewohnt.

Menschen auf einem Flughafen
Schlange stehen auf dem Flughafen. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Heute Morgen war ich schon kurz im MDR-Turm, um die Noten für das nächste Projekt, was schon übermorgen anfängt, abzuholen und traf auf Leute aus dem MDR-Rundfunkchor, die begeistert erzählten, sie hätten die Reise im Blog mitverfolgt. Auch unsere Pförtnerin erzählte, dass sie froh war, die zwei Wochen quasi mit uns mitzureisen. Jetzt beginnt die spannende Aufgabe, sich wieder im Alltag einzufinden.

Die Reise war spannend, inspirierend, anstrengend und wunderschön. Es war etwas unglaublich besonderes, unsere Musik auf die andere Seite des Planeten zu bringen und mit solch offenen Herzen empfangen zu werden. Egal, wie hart es zwischendurch war, wir bekamen so viel zurück, aus dem wir neue Energie schöpfen konnten, sowohl für die Tournee selbst als auch für unser Musiker-Sein im allgemeinen. Ich bin mir sicher, dass all die positiven Eindrücke aus Japan, dem Land der Kontraste, das Orchester noch lange begleiten werden. 

MDR-Sinfonieorchester in Japan: Musikerumfrage 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das grünliche Nordlicht vom Flugzeug aus gesehen
Das Nordlicht vom Flugzeug aus gesehen. Bildrechte: MDR/Annemarie Gäbler

Ich verzichte auf ein großartiges Fazit und lasse zum Abschied lieber die Orchestermitglieder durch kleine Stellungnahmen, gesammelt am letzten Abend in Tokio, darüber sprechen, was die Tournee für sie bedeutet hat:

"Es war beglückend, mit dem Orchester nach längerer Pause wieder einmal auf eine ausgedehnte Tournee zu gehen- nach Japan, welches uns Deutschen ein Stück weit nah, aber doch so fremd ist."

"Besonders beeindruckt hat mich  die Achtsamkeit, mit der die Menschen sich gegenseitig und unserer Musik begegnet sind."

Der Mond über einer großen Stadt
Der Mond über Tokio. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

"Schönstes Konzerterlebnis: Fujiko Hemming mit dem 2. Satz Mozart und unserer Begleitung - zauberhaft."

"Das Publikum war so aufmerksam und ruhig, man hätte eine Stecknadel, ach was sag ich, eine Feder hätte man fallen hören können!"

"Besonders gut fand ich: die heitere Gelassenheit, mit der wir uns untereinander begegnet sind."

"Die Tournee - wie eine Sauerstofftherapie für das ganze Orchester, trotz der Luft in den Mega-Cities."

"Weit in der Ferne ... die intensivste 'gemeinschaftsbildende Maßnahme' meiner 31-jährigen Dienstzeit und ein großes Geschenk."

"Die Begeisterungsfähigkeit des japanischen Publikums hat mich wirklich stark beeindruckt!"

"Es ist doch eine große Überraschung, wie sehr europäische Musik interessiert und wie hoch sie bei Jung und Alt im Kurs steht!"

"Unglaublich, das pulsierende Leben auf den Straßen Tokyos und die Ruhe im Park um den Meiji-Schrein. Was für ein Kontrast!"

"Vor allem die roten Bäume in Sapporo und die Idylle in Parks und Tempelanlagen inmitten des Großstadtgetümmels haben mich beeindruckt. Und am Orchester, wie wir sowohl musikalisch als auch menschlich zusammengewachsen sind."

"Fujiko Hemming, die grande Dame des Pianos, hat mich inspiriert mit ihrem expressiven Spiel, ihrer Erscheinung und ihrer großartigen Ausstrahlung."

"Ich war von der durchgehend positiven Stimmung der Kollegen und Kolleginnen beeindruckt."

"Pures Glück, dass so viel Herz in unserem Orchester lebt!"

Dienstag, 04.11., 0:00 Uhr | Wunderschönes Ende der Tournee

Eine letzte Busfahrt durch die gigantischen Hochhäuser-Schluchten. Ein letztes Mal das Bild von 80 Musikern, die aus den Bussen steigen, müde, aber fröhlich. Ein letztes Mal das Gedränge vor dem Kaffee und den Keksen. Unser letztes Konzert fand heute in der Tokyo Bunka Kaikan Hall statt. Auch sie ist richtig groß. Nicht nur im Zuschauerraum, auch auf der Bühne ist außergewöhnlich viel Platz. Hier werden sehr oft neben Konzerten auch Opern und Ballette aufgeführt. Das verraten hunderte von riesigen Plakaten und tausende von Unterschriften, die überall hinter der Bühne an den Wänden zu sehen sind. Jetzt steht der Name unseres Orchesters auch dort an der Wand, zwischen dem Bolshoi-Ballett und der Mailänder Scala. 

Eine Frau und zwei Männer in eleganter Kleidung stehen vor einer bekritzelten Wand.
Der Orchestervorstand vor dem Konzert. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Kristjan Järvi dankte uns nach unserer Anspielprobe für diese Tournee und der Orchestervorstand verteilte Geschenke an die Stagecrew. Langsam kam die Nachricht in unserem Bewusstsein an: Morgen fliegen wir wirklich zurück! 

Blick von der Bühne eines Konzertsaals in den Zuschauerraum.
Der Blick in die Halle. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Der Saal war restlos ausverkauft. Vor diesem riesigen Publikum spielten wir unser letztes Konzert, viele mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Fujiko Hemming spielte wieder so schön wie eh und je und während ihrer Zugaben ließ ich noch einmal die Tour Revue passieren und war so froh, so viele glückliche Gesichter um mich herum zu sehen. 

Die Stimmung in der zweiten Hälfte während des Beethovens war beschwingt und gelöst (unser Hornist Johannes Winkler hatte sich zur Feier des Tages sogar eine rote Blume an den Frack gesteckt), jeder gab noch einmal alles und als wir nach tosendem Applaus ein letztes Mal die Cavantine spielten, war ich tatsächlich wirklich traurig, dass die Tournee jetzt vorbei war.

Zumindest der offizielle Teil – denn als wir zurück im Hotel waren, konnte man gegen 20:00 Uhr achtzig Musiker auf dem Weg in die 49. Etage beobachten. Dort hatte unser toller Orchestervorstand Räumlichkeiten mit Blick über das Meer und die ganze Stadt organisiert, es gab Bier und Sake und ein üppiges Buffet. Was für eine gute Idee! Es war toll, nach diesen zwei anstrengenden Wochen, die wir nonstop zusammen verbracht haben, diesen  letzten Abend in Japan gemeinsam vor so einer tollen Kulisse zu feiern. 

Ein älterer Mann hält eine junge Frau im Arm.
Hans-Günther Thomasius, Viola und Dienstältester und die Dienstjüngste auf der Orchesterparty. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Es wurde gegessen und getrunken, gelacht und erzählt, wir feierten sogar noch in den Geburtstag unseres Solo-Kontrabassisten Christopher Beuchert hinein, mit Luftballons und Kuchen aus dem Hotelshop. 

Die Tournee hat das ganze Orchester noch näher zusammen rücken lassen, das hat man heute Abend deutlich gespürt. Zwei Wochen ohne Pause auf engstem Raum in so einer großen Gruppe unterwegs zu sein mag nicht jedermanns Sache sein. Aber unser Orchester hat es geschafft, diese Zeit mit positiver Einstellung und Freude wie im Flug vergehen zu lassen.

Sonntag, 03.11., 14:45 Uhr | Auf zum vorletzten Konzert!

Ein Mann steht inmitten leerer Zuschauerränge und spielt auf einem Blechblasinstrument.
Max Hilpert, Solohorn Bildrechte: Adam Markowski

Heute spielten wir in der Musashino Civic Cultural Hall. Die Busfahrt dauerte stolze zwei Stunden und als wir ausstiegen hatten alle den dringlichen Wunsch nach Kaffee und ein bisschen die müden Knochen zu dehnen, aber da wir durch die Staus des morgendlichen Straßenverkehrs in Tokio sehr viel Zeit verloren hatten, hatten wir nur zwanzig Minuten, bis wir spielbereit auf der Bühne sitzen mussten. Der Saal ähnelte sehr dem gestrigen, er war sogar noch ein Stückchen höher. Sehr modern und schlicht gehalten, aber mit einer tollen Akustik!

Wir spielten alle Stücke und heiklen Passagen einmal an, die meiste Zeit nahm Kristjan Järvi sich allerdings für das Mendelssohn Violinkonzert. Heute hatten wir nämlich einen neuen Solisten: Seiji Okamoto, einen jungen aufstrebenden Solisten aus Japan.

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Unser Solist Seiji Okamoto Bildrechte: Adam Markowski

Da wir uns erst musikalisch kennen lernen mussten, spielten wir das ganze Konzert einmal durch und es war faszinierend, mal wieder zu sehen, wie unterschiedlich man ein Stück interpretieren kann. Seiji spielte das Konzert mit einer sanften Ehrlichkeit und Liebe zum Detail, es machte großen Spaß, ihn zu begleiten.

Nach der Probe gab es schnell noch einen Kaffee und dann ging es auch schon auf die Bühne. Der Saal war wieder fast ausverkauft, die Stimmung kochte. Unser Solist spielte noch schöner als in der Probe, sowohl das Publikum als auch wir waren wie gefesselt. Als Zugabe spielte er Bach, und ich bekam zum ersten Mal auf der Tournee ein bisschen Sehnsucht nach zu Hause.

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Der Blick auf die Bühne vom Publikum aus  Bildrechte: Adam Markowski

In der zweiten Hälfte spielten wir zum letzten Mal die Brahms-Sinfonie und das Publikum warf schon in den Schlussakkord laute Bravorufe hinein. Kornelia Weiner aus den ersten Geigen erzählte nach dem Konzert, dass eine Frau in der ersten Reihe zu Tränen gerührt gewesen wäre.

Wir fuhren nach dem Konzert wieder zwei Stunden zurück, manche fuhren sogar wieder in die Stadt, um noch mehr zu entdecken. Unser Solo-Fagottist Axel Andrae erzählte später von der verrückten Situation, wie er ausgerechnet in der größten Metropole der Welt in der Subway auf unsere beiden Klarinettisten getroffen war.

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Unser japanischer Stage-Manager Raiko Hirose hat mit seinen Kindern für jeden Musiker eine Kalligrafie gemalt. Bildrechte: Adam Markowski

Die beiden Geigen-Gruppen hatten heute Abend jeweils eine kleine Gruppenparty. Die zweiten Geigen trafen sich in einem Schabu-Schabu-Restaurant zum Essen, wir ersten Geigen hatten tatsächlich eine gute alte Zimmerparty, weil unsere Kollegin Annett Greiner uns in ihr fürstliches Upgrade-Zimmer eingeladen und ein Festessen aus den besten Produkten des Hotelshops vorbereitet hatte. Es war schön, auch einmal ohne Instrumente in den Gruppen zusammenzusitzen und aus dem Leben zu erzählen. Morgen ist es dann so weit und wir spielen tatsächlich schon unser letztes Konzert. Auch wenn alle irgendwo froh sind, wieder nach Hause zurück zu fliegen, ist es doch in vielen Punkten sehr schade, dass die Tournee schon vorbei ist.

Eine junge Frau 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Samstag, 02.11., 17:00 Uhr | Straßensnack – frisch flambierter Octopus

Vermutlich haben wir durch unsere vielen Konzerte so viel gutes Karma gesammelt, dass wir an unserem freien Tag einen richtigen Sommerausbruch geschenkt bekamen. Die Temperaturen kletterten auf 25 Grad und die Sonne strahlte vom fast wolkenlosen Himmel auf uns herunter, als wir um 9:00 Uhr aus dem Hotel kamen. Es war zwar früh, aber wir hatten viel vor! 

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Streetfood in Kamakura Bildrechte: Adam Markowski

Mit dem Zug fuhren wir fast zwei Stunden nach Kamakura. Schon der Bahnhof verriet, dass wir hier in einer ganz anderen Welt weitab von Großstadtflirren angekommen waren. Kleine Häuser mit verwunschenen Vorgärten, überall alte knorrige Bäume und viel weniger Menschen. Wir besuchten verschiedene Tempelanlagen, eine schöner als die andere. Diese große Ruhe und der überall präsente Räucherstäbchengeruch ließen uns in Minutenschnelle den Smog und den Lärm Tokios vergessen. 

Die Anlagen sind aktiv und buddhistische Mönche praktizieren, während Touristen um sie herum versuchen, sich möglichst wenig fehl am Platz zu fühlen oder zu stören. Wir streiften barfuß durch die unglaublichen Gebäude und Gelände, verweilten in Zen-Gärten und aßen Eis aus grünem Tee, das uns ein Mönch verkaufte. 

Es ging von einem Tempel in den nächsten, wir liefen fast durch die ganze Stadt. Im Zentrum trifft das Stadtleben der Einheimischen auf den Tourismus. Wir kauften Souvenirs und aßen in einer Seitenstraße frisch gegrillte Fischspieße und Oktopus, der vor unseren Augen flambiert wurde.

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Gruppenfoto mit Buddha  Bildrechte: Adam Markowski

Unsere letzte Station führte uns zu einem beim ersten Eindruck schlicht und wild wirkenden Tempel mit vielen Bäumen und großen Steinen. Geht man etwas weiter hinein, versteht man aber, warum hier die meisten Leute hergekommen waren: Ein gigantischer Buddha thront in der Mitte eines großen Platzes und meditiert mit geschlossenen Augen. Auch wenn er natürlich nicht lebendig ist, ist um ihn herum eine Aura, die jeden erreicht. Wenn man ihn lange anschaut, könnte man sich sogar einbilden, ihn unendlich langsam atmen zu sehen. Was für eine erholsame und spirituelle erste Hälfte des Tages!

Wir machten im immer schwächer werdenden Licht und zunehmender Kälte noch einen Abstecher ans Meer. Der Mond war schon aufgegangen und ein Rest Tag färbte den Horizont lila. Wir sammelten Muscheln und hielten unsere Füße ins überraschend warme Wasser. Dann stiegen wir wieder in den Zug und fuhren Richtung Tokio. Inzwischen sind wir wirklich Profis, was das U-Bahn-Netz angeht. Trotzdem ist es immer wieder faszinierend, wie groß es ist, fast wie ein zweites, unterirdisches Tokio. Man läuft schon einmal locker 20 Minuten von einem Gleis zum anderen durch dieses Labyrinth. Da kann Berlin nicht mithalten! 

Als wir ausstiegen, mussten wir uns nach der meditativen Ruhe in den Tempeln kurz an diesen Kontrast gewöhnen: Tokio bei Nacht ist unvorstellbar laut und bunt, es gibt keine Chance, dieser verrückten, sprühenden Energie zu entgehen. Wir ließen uns also darauf ein und schoben uns mit den Menschenmassen durch die Straßen. Wir wagten uns in eine der großen Spielhöllen, in denen man sich fühlt wie auf einem anderen Stern und sahen anzugtragenden Männern, vermutlich gerade von der Arbeit gekommen, dabei zu, wie sie gegeneinander Fantasy-Games spielten. 

Hinter dem Fuji geht dir Sonne unter, Japan, Blog,Tokio
Hinter dem Fuji geht die Sonne unter Bildrechte: Adam Markowski

Wir aßen unglaubliches Sushi (was übrigens ziemlich weit oben auf meiner Liste der Dinge steht, die ich in Deutschland vermissen werde) und machten uns dann auf den Weg nach Golden Gai. So heißt ein kleiner abgegrenzter Teil vom Stadtteil Shinjuku, er besteht eigentlich nur aus vier langen, aber sehr engen Straßen. Dicht an dicht stehen hier winzig kleine, meist zweistöckige Häuser, in die jeweils nur 15-20 Leute passen. Man trinkt Pflaumenwein, Bier oder Sake und ist auf eine liebevolle Art dazu gezwungen, mit den Menschen, mit denen man eng zusammengequetscht dasitzt, zu reden. Ich bin ein großer Fan von solchen Situationen, in denen die Handys weggelegt werden und man neue Menschen trifft und so lernten wir neben vielen netten Tokioern an dem Abend einige irische Rugby-Fans kennen, die extra für die Weltmeisterschaften angereist waren und als sich auch noch ein Schauspieler aus Georgia zu uns gesellte, war klar, dass Golden Gai nicht nur mit das beliebteste Party-Viertel ist, sondern auch ein Ort, der Menschen aus aller Welt zusammenbringt. 

Bereichert und geplättet von all den Eindrücken fuhren wir zurück zum Hotel, wo wir wieder auf einige Kollegen trafen. Die Erlebnisse waren so zahlreich wie es nur in einer so vielfältigen Stadt möglich ist. Manche hatten den Tag am Meer verbracht, andere waren in eine völlig andere Richtung nach Chiba aufgebrochen und hatten dort verwunschene Tempel gefunden, wieder andere waren auf einen der höchsten Türme in Tokio geklettert und hatten den Sonnenuntergang über der endlosen Aussicht über die Stadt bewundert und eine Gruppe hatte im gleichen Restaurant zu Abend gegessen, in dem auch "Kill Bill" gedreht wurde. Am bewundernswertesten fand ich Christian Seifert und Anja Pottier (beide aus der Bratschengruppe), die morgens um 4:30 Uhr aufgebrochen waren, um zum berühmten Fuji zu fahren. Sie kamen aus dem Schwärmen überhaupt nicht mehr heraus und auch die Fotos, die sie zeigten, begeisterten alle. 

Dieser Tag hat allen gut getan und wir sind jetzt alle bereit und gestärkt für den Endspurt – nur noch zwei Konzerte! Wie schnell die Zeit verflogen ist …

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Christian (Crisch) und Anja am Fuji Bildrechte: Adam Markowski

Donnerstag, 31.10., 23:00 Uhr | Berührende Momente und ein Zwischenfall beim Konzert in Yokohama

MDR Sinfonieorchster in Japan
Bei den Proben: Wolfgang Max in Aktion Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Mit zuckersüßem japanischen Gebäck und Kaffee aus dem Hotelshop bewaffnet, fuhren wir heute schon vormittags los nach Yokohama. Unser Konzert fand dort in der Kanagawa Kenmin Hall statt, die direkt am Meer liegt. Der Saal ist mit fast 2.500 Plätzen der bisher größte in dem wir gespielt haben. Er ist sowohl sehr lang als auch extrem breit, sodass man auf der Bühne das Gefühl hat, in einem Stadion zu spielen. Die Akustik war im Vergleich zur Suntory Hall ziemlich trocken und direkt, aber es war eine schöne Herausforderung, sich den neuen Verhältnissen anzupassen.

MDR Sinfonieorchster in Japan
Notbügeln hinter der Bühne Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Nach unserer Mendelssohn- und Beethoven-Probe wäre eigentlich direkt das Mozart-Konzert an der Reihe gewesen, aber Fujiko Hemming wollte sich in Ruhe auf der Bühne warm spielen, also zogen wir uns kurz zurück, manche tranken Kaffee hinter der Bühne, die meisten setzten sich allerdings ins Publikum und lauschten den Klavierklängen.

Frau Hemming spielte ihre Zugaben an und es war entspannend, einfach nur da zu sitzen und zu genießen, wie schön es klang. Nach ein paar Minuten waren ein paar Kollegen - inklusive mir - sogar eingenickt. Die Stagecrew weckte uns allerdings schon bald und wir probten den gesamten Mozart einmal durch. Dann war auch schon gar nicht mehr viel Zeit, um uns konzertbereit zu machen. 

Der Saal war sehr gut besucht, was das Bild eines Stadions noch verstärkte. Das Publikum war auf eine gewisse Art sehr sensibel, der Applaus verebbte und wuchs in Sekundenschnelle, je nachdem was auf der Bühne passierte. Nach unserem ersten Stück wurde der Flügel hereingerollt und wir waren bereit für das Klavierkonzert. Frau Hemming ließ sich allerdings mit dem Auftritt Zeit und so saß das gesamte Orchester vor gefülltem Saal und nichts passierte für eine relativ lange Zeit. Gerade als es sich seltsam anzufühlen begann, wurde das Licht heruntergedimmt und Fujiko Hemming betrat gemeinsam mit ihrem Assistenten, der sie stützte, im Halbdunkel die Bühne.

MDR Sinfonieorchster in Japan
Der Konzertsaal in Yokohama ist mit fast 2.500 Plätzen der bisher größte in Japan, in dem das MDR Sinfonieorchester bisher gespielt hat. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Wir kannten ihre Spielweise nun schon, deswegen war der Mozart deutlich entspannter als beim ersten Mal. Mir fiel noch deutlicher auf, wie wunderschön sie spielte. Auch die zwei Zugaben, die sie spielte, berührten uns alle sehr. Wie sie da sitzt, eine 87-jährige zerbrechlich wirkende Frau, und mit ihrer Musik so inspirierend Geschichten erzählt, zeigt, wie jung die Musik die Seele hält. 

Nach der Pause spielten wir dieses Mal wieder Beethovens Schicksals-Sinfonie. Gegen Ende des ersten Satzes riss plötzlich die E-Saite unserer Konzertmeisterin Waltraut Wächter. Geistesgegenwärtig reagierte Katja Pfänder am zweiten Pult, hielt Waltraut ihre eigene Geige hin und ging mit der "defekten" Geige mitten im Konzert von der Bühne. Sie zog eine neue Saite auf und wartete den Moment zwischen dem zweiten und dritten Satz ab, um Waltraut ihre Geige wiederzubringen. Und das alles mit so einer Gelassenheit - Hut ab! Solche Dinge passieren schon mal, aber trotzdem ist es jedes Mal spannend.

MDR Sinfonieorchster in Japan
Kristjan Järvi bei den Proben fürs Konzert Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Nach diesem kleinen Geigendrama ging es ohne weitere Zwischenfälle in den Endspurt: Kristjan Järvi wählte heute besonders furiose Tempi, womit wir allerdings ohne Probleme mithalten konnten - der Beethoven ist nach dieser Tournee auf jeden Fall in unserem Blut! Das Publikum brach in tosenden Applaus aus, der mit jedem Mal, wenn Kristjan Järvi wieder auf die Bühne kam und uns aufstehen ließ, noch stärker wurde. Beim dritten Auftritt erlaubte sich Kristjan einen kleinen Scherz und machte eine Bewegung, die den Applaus verstummen ließ, aber in der nächsten Sekunde tat er so, als würde er dem Publikum einen Einsatz für erneutes Klatschen geben. Alle mussten lachen und in diese gelöste Stimmung hinein kündigte er mit sehr rührenden Worten unsere Zugabe, die Cavatine an: "We will play a beautiful piece for you, so that you can go home with peace and calmness inside, which you may keep until tomorrow, until next week or maybe until the rest of your life." Natürlich war die Erwartung nach dieser Ansage sehr hoch, aber wir spielten so schön wir konnten und das Publikum war verzaubert.

MDR Sinfonieorchster in Japan
Hat auch hinter der Bühne seinen Spaß: Das MDR Sinfonieorchester in Japan Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Nach dem Konzert fuhren fast alle zurück zum Hotel, aber ich schloss mich einer kleinen Gruppe an, die noch in Yokohama blieb. Wir ließen uns treiben und fanden uns plötzlich in Chinatown wieder. Wenn man auf Tournee ist, verliert man das Gespür für Zeit und Datum komplett und so hatten wir gar nicht auf dem Schirm, dass heute Halloween war. Wir waren die einzigen Menschen weit und breit, die nicht als gruselige Wesen verkleidet oder geschminkt waren. Die Vielfalt der Kostüme war unglaublich und man kam kaum von der Stelle, so voll waren die Straßen. Wir kauften noch mit Shrimps gefüllte Dumplings und wahnsinnig leckere mit Gemüse und Fleisch gefüllte Teigtaschen, die Gyōza heißen und aßen sie in der Subway Richtung Tokio, wo wir die frühen Abendstunden im absoluten Trubel zwischen den bunt blinkenden Hochhäusern verbrachten, ein bisschen einkauften und noch einmal Gyōza bestellten.

Als wir später ins Hotel zurückkamen, saß im Hotelfoyer ein großer Teil des Orchesters beisammen und wir gesellten uns dazu und ließen den Tag in dieser netten Runde Revue passieren. Die Stimmung war sehr ausgelassen, weil morgen einer der wenigen freien Tage sein wird und es tausend Sachen zu unternehmen gibt: Surfen, Wandern, Tempellandschaften erkunden und essen, essen, essen. Nach diesen sehr intensiven und mit Arbeit gefüllten Tagen ist diese Auszeit für uns alle sehr wichtig. Ich bin gespannt, was wir erleben werden!

Mittwoch, 30.10., 23:00 Uhr | In der berühmten Suntory Hall Tokio 

Heute Abend war das Konzert in der Suntory Hall! Wir freuten uns alle morgens schon sehr darauf. Weil aber die Busse erst um 15 Uhr abfahren sollten und das Wetter extrem gut war, entschieden wir mit einer relativ großen Gruppe schon vorher in die Stadt hinein zu fahren. Wir besorgten uns Karten mit allen Subways, Straßenbahnen und Zügen und ahnten schon allein durch das Wirrwarr der Farben und verstrickten Linien, wie riesig Tokio ist. Die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bestätigte das. Man fährt ewig weite Strecken in brechend vollen, aber bewundernswert geordneten Zügen. Wir versuchten uns mit unseren Instrumenten auf den Rücken möglichst gut einzugliedern.

Gebäude in Tokio
Häuserschluchten in Tokio Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Mit einer großen Gruppe in so einer gigantischen Stadt unterwegs zu sein, ist immer ein kleines Abenteuer und bei jedem Umsteigen wurde eifrig diskutiert und recherchiert. Meist war es allerdings am einfachsten, einfach jemanden zu fragen, in welchem Zug wir als nächstes steigen sollten. Jeder war freundlich und hilfsbereit und schien die ganze Karte auswendig zu wissen. 

MDR-Sinfonieorchester in Japan 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das MDR Sinfonieorchester ist zu Gast in Japan und macht Halt in der berühmten Suntory Hall - ein Ort voller Erhabenheit, der 1986 als Tokios erste reine Konzerthalle eröffnet wurde. Ein Blick in die heiligen Hallen.

Fr 01.11.2019 15:31Uhr 01:25 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/video-sonstige/video-mdr-sinfonieorchester-suntory-hall-tokio-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Park in Tokio
Ein Park in Tokio Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Tatsächlich schafften wir es, vollständig und ohne uns zu verfahren, an unserem ersten Ziel anzukommen, dem Shinjuku Gyoen Park. Er wird 国民公園 (kokumin kōen), nationaler Garten genannt und ist für alle gegen einen kleinen Eintritt frei zugänglich. Wenn man das Eingangstor passiert hat, fühlt man sich direkt ein paar Jahrhunderte zurückversetzt. Gigantische Bäume und dicht wachsende, ausgefallene Pflanzen schlucken den Lärm der Stadt und dimmen das Licht zu einem mystischen Dunkelgrün herunter. Wir schlenderten durch den Park, der durch den Taifun letzte Woche ein wenig in Mitleidenschaft gezogen, aber dadurch nicht weniger schön war. Ich mochte den Kontrast von den weiten Wiesen, auf denen junge Familien picknickten, den Schildkröten und großen Fischen, die sich in den vielen kleinen Seen mit den Brücken darüber tummelten und den uralten Bäumen, die ihre Zweige ins Wasser tauchten, zu den modernen Hochhaus-Giganten, die um den Park herum in den Himmel ragten. 

Gebäude in Tokio
Kontraste in Tokio Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Nachdem wir uns in einem alten Teehaus mit eisgekühltem grünen Tee gestärkt hatten, gingen wir in zügigem Tempo weiter und nachdem wir uns durch Hochhaus-Viertel und über Ampelkreuzungen von der Größe des halben Berliner Ku’damms gekämpft hatten, gerieten wir wieder in eine völlig andere Welt. Wir spazierten durch ein etwa zehn Meter hohes Eingangsportal (Torii) und fanden uns gemeinsam mit unzähligen Einheimischen und Touristen im Meiji-Schrein wieder. Hierher pilgern in der Regel allein schon in den ersten zwei Tagen des japanischen Neujahrs (Hatsumōde) um die fünf Millionen Besucher! So viele waren heute natürlich nicht da, aber es war sehr voll. 

Wir nahmen an dem üblichen Reinigungsritual teil, wo uns eine Gruppe freundlicher Menschen auf englisch fragte, ob wir ein Orchester wären. Als wir ebenfalls auf englisch antworteten dass wir aus Deutschland kämen, mussten sie sehr lachen und es stellte sich heraus, dass es Mitglieder aus der Hamburger Staatsoper waren, die ebenfalls gerade Japan bereisen. Wieder einmal merkten wir, wie klein die Musikerwelt ist und wir freuten uns riesig, Kollegen aus der Heimat ausgerechnet in einem der größten Schreine in einer der größten Städte der Welt getroffen zu haben.

Dann wurde die Zeit knapp und wir eilten wieder durch die Straßen, fuhren mit verschiedenen Subwaylinien und kamen einigermaßen erschöpft an der Santory Hall an, von der man schon so viel gehört hat, manche Kollegen waren schon einmal hier und schwärmten in den höchsten Tönen. Betritt man die Halle durch den Künstlereingang, spürt man direkt die Erhabenheit dieses Ortes, die Mitarbeiter tragen Frack und Kummerbund und auch unsere Bühnencrew schmiss sich in Schale und machte in Anzug und Krawatte den Aufbau. 

Orchester in der Suntory Hall, Tokio
Die Suntory Hall Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Der Saal ist 1986 als Tokios erste reine Konzerthalle eröffnet worden und erinnert vom Schnitt durch ihre Offenheit und die Anordnung der Sitzplätze sowohl an die Berliner Philharmonie als auch durch ihren klassischen Schnitt an den Musikverein in Wien. Bei der Anspielprobe wurde klar, warum dieser Saal zu den berühmtesten der Welt zählt – Der Klang unseres Orchesters explodierte förmlich. Wir merkten schnell, dass wir fast keine Mühe hatten, einen kraftvollen, kompakten Sound zu erzeugen, weil der Saal allein schon sehr viel dafür tat. 

Zwei Männer mit Blechblasinstrumenten
Johannes Winkler und Tino Bölk vor dem Konzert  Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Kurz vor dem Konzert standen wir alle backstage und bewunderten die Wände, auf die jedes Orchester das hier schon aufgetreten war einen Sticker mit ihrem Logo aufgeklebt hatten. Auch wir verewigten uns mit unserem eigens für die Tour designten Aufkleber.

In einem solchen Saal zu spielen, in dem schon fast jedes renommierte Orchester gespielt hat, der so herrlich klingt und in dem schon wieder so ein herzliches Publikum saß, motivierte uns alle, auch das fünfte Konzert mit Begeisterung zu spielen und Spitzenleistung zu erzielen. Wir spielten sogar zwei Zugaben, erst wieder "Sången" und dann ein Arrangement von Beethovens 9. Sinfonie. Als die Melodie von "Freude schöner Götterfunken" erklang, ging ein Raunen durchs Publikum und manche summten sogar mit. 

Kristjan Järvi und Anne Akiko Meyers
Kristjan Järvi und Anne Akiko Meyers während der Probe  Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Nach dem Konzert fuhren manche direkt nach Hause, manche nutzten die Gelegenheit, dass unser Orchestervorstand einen "Mitternachts-Bus" organisiert hatte und ging vor Ort noch essen.

Tokio, was für eine Stadt! Sie ist bunt, riesig und steckt an mit ihrer Rastlosigkeit und dem Elan. Unglaublich, dass wir auf der Zielgeraden unserer Tournee immer noch so viel Kraft haben! 

Mittwoch, 30.10., 21:45 Uhr | Frenetischer Applaus in der Sumida Triphony Hall Tokio

Regen, Regen, Regen. Grauer Himmel, eine steife Meeresbrise. Was soll man mit dem freien Vormittag bei so einem Wetter anfangen?

Natürlich üben und die von der Tournee beanspruchten Finger ein bisschen pflegen. Wem das irgendwann reichte, ging heute in die nahe gelegenen Outlets und stöberte in dem gigantischen Angebot, suchte sich etwas Essbares oder besuchte das japanische Saunabad im vierten Stock des Hotels.

MDR Sinfonieorchester
Probe Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Um 15 Uhr rollten die Busse zu unserem ersten Konzert in Tokio. Die Sumida Triphony Hall liegt im Stadtteil Sumida und ist ein stattliches Gebäude aus Beton und Glas. Der Saal ist außergewöhnlich lang, die hinteren Reihen in den Rängen sind von der Bühne aus kaum mehr zu sehen. Wir probten ausführlich die erste Sinfonie von Brahms, die wir zuletzt in Leipzig gespielt hatten und jetzt quasi frisch in unser Japan-Programm aufgenommen wurde.

In den Minuten zwischen Probe und Konzert wurden in den Umkleidekabinen Essen und Snacks geteilt, die am Vormittag erstanden worden waren. Es war die perfekte Konzertvorbereitung, zwischen Abendkleid und Frack anziehen, Lippenstift nachmalen und Fliege umbinden, sich an getrocknete kleine Fische und Edamame-Erbsen heranzuwagen.

Dann war es so weit und beim Betreten der Bühne lag schon ein besonderes Flirren in der Luft, diese positive Spannung zwischen Publikum und Orchester.

MDR Sinfonieorchester
Solopauke Toni Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Die Brahms Sinfonie kam in der ersten Hälfte des Konzerts. Es war schön, mit den zusätzlich angereisten Kollegen vereint auf der Bühne zu sitzen, also fast mit dem vollständigen Orchester. An dieser Stelle ist es wirklich mal an der Zeit, die Kollegen zu grüßen, die in Deutschland geblieben sind. Schade, dass ihr nicht dabei seid! Wir freuen uns, euch bald wiederzusehen.

Froh darüber, auch endlich wieder Brahms spielen zu dürfen, spielten wir die Sinfonie sehr spannungsreich und mit einer großen Portion Elan, was vom Publikum mit großer Begeisterung honoriert wurde. Zunächst dachte ich, mir nur einzubilden, dass der Applaus noch lauter war als schon beim letzten Konzert.

Aber als nach der Pause das Finale der Beethoven-Sinfonie so stark und rauschend verklungen war, dass ich viele Kollegen über beide Ohren grinsen sah, sprangen die Leute von den Plätzen. Laute Bravo-Rufe wollten einfach nicht weniger werden und als ich mich umsah, war wirklich jeder von uns auf und vor der Bühne am Lächeln.

MDR Sinfonieorchester
Tino Bölk (Horn) und Britta Croissant (Piccoloflöte) Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Unser Hornist Tino Bölk erzählte nach dem Konzert, dass Frank Engel, deutscher Touragent, der schon mehrere Orchester in dieser Halle erlebt hat, voller Begeisterung gewesen wäre und meinte, dass er so einen frenetischen Applaus hier noch nie erlebt hätte.

Zwei Sinfonien in einem Konzert – da wackeln die Wände und klingeln die Ohren. Es geht auch ganz schön an die Substanz, zum Glück hatten wir bei der Zugabe Gelegenheit, zu entspannen. Dieses Mal erklang nämlich nicht Beethovens Cavatine sondern die wunderschöne Komposition "Sången" von Wilhelm Stenhammar, die den Abend sehr gut abrundete.

Auf der Busfahrt nach Hause stießen wir mit japanischen Bier an und waren uns einig, dass dieses Konzert wirklich inspirierend und bereichernd gewesen war. Die Erschöpfung war allerdings jedem anzusehen und so ging jeder ziemlich bald ins Bett, womöglich mit einem Potpourri aus allerlei Ohrwürmern.

Montag, 28.10., 21:00 Uhr | Im "Orient-Express" durch Tokio

Heute sind wir von Sapporo nach Tokio gereist, unsere letzte Station dieser Tournee, wo wir aber noch eine ganze Woche bleiben und die nächsten fünf Konzerte in verschiedene Konzerthallen spielen werden. 

Unser Bus fuhr aus weiser Voraussicht eine halbe Stunde früher ab, als geplant. Was gut war, weil es schon wieder kleine Hürden mit den Instrumenten zu überwinden gab. Zwei Celli hätten um ein Haar wieder nicht mitfliegen können, weil es nicht ausreichend Gurte im Flugzeug gab, um sie an den Sitzen festzuschnallen. Am Ende standen die Celli kopfüber auf den Sitzen und wurden am schlankeren "Hals" festgeschnallt. Kreativ gelöst! 

Bevor das Flugzeug losrollte, stellten wir beim Blick aus dem Fenster fest, dass sich die Mitarbeiter des Flughafens höflich vor dem Flugzeug verbeugten. Nach zwei Stunden kam unter uns Tokio in Sicht und es war noch viel größer, als ich erwartet hatte. Man sah überhaupt kein Ende, und selbst aus unserer Höhe sahen die Häuser sehr hoch aus.

Ein luxuriöser Reisebus ist sogar mit einem Kronleuchter ausgestattet
Der luxuriöse Reisebus erinnert an den Orient-Express. Bildrechte: MDR/Adam Markowski
Andreas und Barbara Hartmann (Konzertmeister und erste Geige) im Reisebus
Andreas und Barbara Hartmann (Konzertmeister und erste Geige). Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Auch nachdem wir gelandet waren, wurde unser Flugzeug freundlicherweise von sich verneigenden Mitarbeitern begrüßt. Wir fuhren mit einem "Orient-Express" – einem Reisebus mit Kronleuchtern, dicken Vorhängen und WIFI – durch die riesige, flirrende und neblige Stadt zum Hotel, einem 50 Stockwerke hohen, gläsernen Giganten mit Highspeed- Aufzügen und Shopping Malls. Mit großer Freude begrüßten wir die Kollegen, die extra für die letzten Konzerte aus Leipzig angereist waren. Sie sahen deutlich frischer und wacher aus als wir.

Wir hatten uns alle sehr darauf gefreut, endlich unsere Koffer auszupacken und die Klamotten zu lüften – aber unsere Zimmer sind sehr, sehr klein, deswegen gibt es nicht einmal einen Schrank. Dafür hat man aus dem Fenster einen Blick über den Hafen Tokios und kann das Meer und die vielen großen Schiffe und Kräne bestaunen.

Nur unser Geburtstagskind Annett Greiner hatte verdient Glück mit der Zimmergröße: Als sie in ihr Zimmer kam, war dort versehentlich schon jemand eingecheckt. Also bekam sie ein Upgrade und hat jetzt doppelt so viel Platz. Wir sind alle schon gespannt, wann zur Zimmerparty geladen wird!

Blick aus dem Hotel über den nächtlichen Hafen von Tokio
Blick auf den Hafen von Tokio. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Wenn man eine Stunde später durchs Hotel streifte, hörte man aus vielen Gängen Musik ertönen. Es wurde fleißig geübt! Viel passierte an dem Abend nicht mehr, wir aßen und fuhren anschließend mit einem gläsernen Panorama-Aufzug in die 50. Etage zur Sky-Lounge, wo wir einen Cocktail mit Aussicht auf Tokio tranken und uns sehr freuten, morgen in diese riesige Stadt einzutauchen.

Sonntag, 27.10., 22:30 Uhr | Tolle Akustik in Sapporo

Die Musikerinnen und Musiker stärken sich mit Trinkpäckchen.
Zur Stärkung gibt es Trinkpäckchen. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Meine Prognose war genau richtig: Um sechs Uhr drängten sich 80 müde Musiker in der Hotellobby um einen Tisch, auf dem Wasser, Orangensaftpäckchen und Sandwiches lagen. Um sieben Uhr rollten die Busse und ich war wirklich überrascht, wie gut die Stimmung war – obwohl sich am Tag vorher alle gesorgt hatten, wie das wohl werden würde: Im Morgengrauen aufstehen, fliegen und direkt vom Flughafen zum Konzert. So eine Tournee sorgt eben nicht nur für Jetlags und Müdigkeit, sondern auch für gute Stimmung und Zusammenhalt!

Der Check-In war etwas mühsam, was Musiker allerdings im Allgemeinen gewohnt sind. Instrumente durch Sicherheitskontrollen zu schleusen, ist immer ein etwas "diven-hafter" Prozess. Da kann das Management alles so toll organisieren wie bei uns – man weiß nie, wie es kommt. Fünf Minuten vor Abflug waren immer noch nicht alle durch den Check – da wird man ja-panisch! Trotzdem saßen alle rechtzeitig im Flieger und es ging los Richtung Sapporo.

Der Blick aus dem Fenster zeigte wie sich das Häusermeer Kobes langsam in eine  anderen Welt verwandelte: Wir flogen über weite Felder, hohe Gebirge und vor allem atemberaubend schöne rote Wälder.

Rotbraune Wälder aus einem Flugzeug heraus fotografiert.
Rotbraune Wälder breiten sich unter dem Flugzeug aus. Bildrechte: MDR/Adam Markowski


Als wir aus dem Flughafen in Sapporo herauskamen, begrüßte uns gefühlt eine neue Klimazone, es war richtig kühl. Die Sonne strahlte und überall in der Stadt leuchtete der Herbst. 

Ein Baum in herbstlichen Farben.
Herbstliche Farben im Nakajima-Park. Bildrechte: Dmitri Stambulski

Die Sapporo-Kitara-Konzerthalle steht mitten im Nakajima-Park, der wirkt, wie ein Museum mit den schönsten Herbstbäumen Japans: Kleine gebogene Brücken führen über glitzernde Bäche, Pavillons und Bänke laden zum Verweilen ein. Aber das Schönste sind mit Abstand die Bäume in allen Rottönen, die sich im Wasser spiegeln. Kein Wunder, dass so viele Menschen dort unterwegs waren. 

Neugierig warfen wir einen Blick in die Konzerthalle, wo gerade unsere Stage Crew auf Hochtouren arbeitete. Die Instrumente waren auch erst kurz vor uns angekommen und die Zeit für den Aufbau war sehr knapp (unnötig zu erwähnen, dass die Crew diese Hürde meisterte). Im Gegensatz zu den eher prunkvollen Sälen in Fokuoka und Kobe war der in Sapporo schlicht gehalten, aber optisch der interessanteste: ganz helles Holz, klare Linien und verschachtelte Sitzebenen im Publikum, sowohl vor als auch hinter der Bühne. 

Bei einer Probe macht der Dirigent Tempo.
Bei der Probe lässt sich Kristjan Järvi vom Konzertsaal in Sapporo beflügeln. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Die Anspielprobe zeigte: Auch die Akustik war die interessanteste bisher. Man hörte sich selbst sehr gut und trotzdem klang das Orchester rund und strahlend. Als unsere Violin-Solistin Anne Akiko Meyers während der Probe für das Mendelssohn-Konzert bemerkte, wie besonders sie die Akustik fände, antwortete Kristjan Järvi mit einem strahlenden Lächeln: "I absolutely love it".

Es gab noch ein bisschen Zeit zwischen Probe und Konzert, in der manche durch den Park spazierten und andere der aufkommenden Müdigkeit mit Kaffee und grünem Tee den Kampf ansagten. In der Umkleidekabine wurde viel über den Saal geredet, fast jeder war restlos begeistert und man konnte sich nicht einigen, ob er dem Gewandhaus, der Berliner oder der Kölner Philharmonie am meisten ähnelte.

Das Konzert war dieses Mal zwar nicht restlos ausverkauft, aber sehr gut besucht. Auch hier war wieder toll, dass sehr viel junges Publikum da war.

In einer Konzerthalle wird Musik dargeboten.
Der Konzertsaal in Sapporo. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Anne Akiko Meyers wurde laut bejubelt. Als sie auf japanisch ihre Zugabe ankündigte, indem sie nur den Namen des gefeierten Komponisten Taki Rentarō aussprach (der übrigens auch als erster japanischer Komponist in Leipzig studiert hat!), brach das Publikum sofort wieder in starken Applaus aus. 

Nach der Pause lösten wir mit unserer 5. Sinfonie von Beethoven allerdings solche Begeisterungsstürme aus, dass Kristjan Järvi jeden einzelnen Solobläser und -Pauker per Handschlag aufstehen ließ und dann mit einem "Arigato" an das Publikum die Zugabe der Streicher einleitete. Diese war an diesem Abend besonders schön und andächtig gespielt, und als wir von der Bühne traten, waren wir alle ganz gelöst und froh darüber, wie gut das Konzert gelaufen war und das, obwohl wir seit sechs Uhr in der Früh ohne Pause auf den Beinen waren.

Während der Busfahrt zum Hotel zeigte sich dann doch die Erschöpfung, die meisten schliefen sofort ein und wachten erst auf, als wir angekommen waren. Auf der Suche nach Abendessen wagten wir uns in einen von außen unscheinbaren Laden, in dem wir frisches Fleisch und Gemüse eigenhändig auf Feuerstellen grillen konnten. Die erste richtige Mahlzeit an dem Tag! Weil die Stimmung danach so außerordentlich gut war, kauften wir in unserem inzwischen altbekannten "7 Eleven" Getränke und Snacks und saßen noch kurz beisammen, erzählten und lachten, bis die Müdigkeit dann doch gewann.

Das war ein langer Tag! Und morgen früh geht es ohne Verschnaufpause direkt weiter. Acht Konzerte in knapp zwei Wochen sind schon eine Hausnummer. Aber es ist wunderbar, zu sehen, mit welchem Elan und welcher Freude das Orchester an die Tournee herangeht und wie sich das auch auf das Publikum hier überträgt. Tokio, wir kommen! 

Samstag, 26.10., 20:30 Uhr | Am Abend in Kōbe

Inzwischen sind wir schon Profis, was das Besorgen von Frühstück unter Zeitdruck angeht: Der Bus rollte Richtung Anspielprobe und ich aß zum ersten Mal Sushi zu meinem Kaffee. Die Kōbe Kokusai Hall wurde 1995 vom großen Erdbeben komplett zerstört und deswegen ganz neu wieder aufgebaut. Das war auch der erste Eindruck den man hatte, wenn man auf die Bühne kam: Ein moderner, majestätischer, riesengroßer Saal, der wieder komplett in Holz verkleidet war. Über dem Parkett hingen ähnlich wie Wespennester hölzerne Balkons, die Ränge waren in warmem, subtilen Licht beleuchtet. Die Atmosphäre war ähnlich wie im Inneren eines Tempels.

Während sich das Orchester warm spielte und das übliche Tohuwabohu vor einer Probe auf der Bühne herrschte, kam ganz langsam, auf ihren Assistenten gestützt, Fujiko Hemming, die Klaviersolistin, auf die Bühne. Sie ist eine wahre Erscheinung: Obwohl sie mit ihren 87 Jahren schon durchaus gebeugt geht, strahlt sie Erhabenheit aus. Ihr Kleidungsstil sowie ihre Frisur sind sehr extravagant. Seelenruhig spielte sie sich neben uns warm und als Kristjan Järvi entschied, zunächst Beethoven und Mendelssohn in der neuen Akustik zu testen, saß sie geduldig weiter am Flügel und hörte uns zu. 

Konzertsaal in Kobe, Japan
Konzertsaal der Kōbe Kokusai Hall Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Dann probten wir zum ersten Mal das Klavierkonzert von Mozart gemeinsam mit unserer Solistin. Mit einem uns unbekannten Solisten zusammenzuspielen ist in der ersten Probe immer erst ein musikalisches Kennenlernen und ein Abtasten von beiden Seiten. Bei Frau Hemming war das eine besondere Herausforderung, da sie durch und durch eine Künstlerin im besten Sinne ist und jede Phrase von Mal zu Mal anders interpretiert, plötzlich langsamer und schneller wird und man sich so nie auf die Version des Konzertes verlassen kann, die man kennt. Trotz des Jetlags und unseres konstant hohen Müdigkeitslevels war am Ende der Probe auch diese knifflige Aufgabe gemeistert und Frau Hemmings Spiel gefiel uns allen sehr gut. 

Eine Frau und ein Mann mit Blasinstrument
Tino Bölk (Horn) und die leicht kopflose Susanne Rasbach  Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Es ist schon eine besondere Beanspruchung für die Musiker, während der Anstrengungen einer Auslandstournee immer konstante Top-Leistungen zu erzielen. Zum Glück haben wir ein traumhaftes Team, die im Hintergrund schalten und walten, die unsere Instrumente von A nach B transportieren, schon Stunden vorher am Konzertort sind, immer ein liebes Wort für uns haben und – um unseren schmerzenden Rücken zu helfen – Kissen für die unbequemen Stühle besorgen. Martin Günther, Stefan Rauchmann und Michael Schulze sind die guten Geister unseres Orchesters.

Morgen, wenn es für uns schon um 6:45 Uhr los geht, sind sie bereits zwei Stunden früher in der Luft als wir und werden deswegen heute Nacht schon am Flughafen übernachten. Sie sorgen dafür, dass unsere Instrumente, Kleidung und Noten in großen Kisten sicher per Luftweg transportiert werden. Tausend Dank von uns allen an euch! Ohne euch wäre das alles gar nicht möglich. 

Nachdem sich alle mit Tee und japanischen Süßigkeiten, die unsere in Kobe geborene Geigerin Yuka Tanabe von zu Hause mitgebracht hatte, gestärkt hatten, ging es auch schon direkt los. Also schnell in die Konzertkleidung und auf die Bühne! Wieder freuten wir uns: Die riesige Halle war fast ausverkauft. Vorwiegend junges, weibliches Publikum war zu sehen, was vermutlich auch mit unserer Solistin zusammenhängt, die eine Begründerin der Frauenbewegung in Japan ist. 

Konzertsaal in Kobe, Japan
Konzertsaal der Kōbe Kokusai Hall Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Das Orchester klang toll in diesem wunderbaren Saal und auch das Klavierkonzert klappte problemlos. Frau Hemming spielte zwei Zugaben, das Publikum lag ihr zu Füßen. Nach der Pause wurden wir wieder mit begeistertem Applaus empfangen und wir spielten erneut Beethovens 5. Sinfonie, angesteckt von der tollen Stimmung im Publikum noch beschwingter als sonst. Auch das ist eine Kunst: Immer wieder die gleichen Stücke zu spielen als ob es das erste Mal wäre. Der Applaus nach dem großen Finale im letzten Satz brachte uns alle zum Schmunzeln, er war deutlich weniger “kultiviert” als beim Konzert in Fokuoka und es wurde gejubelt und Bravo gerufen. Nach unserer Zugabe, der Cavantine von Beethoven, einem sehr ruhigen, Liebeslied-ähnlichen Stück, das nur die Streicher spielen, war es zauberhaft still im Saal, bis Kristjan Järvi die Spannung löste und der Applaus wieder aufbrandete.

Drei Männer auf der Bühne im Konzertsaal
Stage Crew in Kōbe Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Wenn das Orchester nach dem Konzert von der Bühne geht, müssen jedes Mal die Kontrabassisten und der Pauker entweder noch einmal zurückkehren oder direkt auf der Bühne bleiben, um die Instrumente reisefertig zu machen. Unser Solopauker Toni Hartung bemerkte, während er seine Pauken sicherte, zunächst gar nicht, dass noch das gesamte Publikum im Saal war. Erst als er von der Bühne ging und dabei zum Abschied in die Menge winkte, worauf alle lachten und wieder laut zu applaudieren begannen, wurde ihm bewusst, dass sie nur auf ihn gewartet hatten. Scheinbar ist es in Japan eine Form der Höflichkeit, nicht den Saal zu verlassen, bevor alle Künstler von der Bühne abgetreten sind. 

Drei Männer auf der Bühne im Konzertsaal
Auf Wiedersehen Kōbe! Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Beschwingt von diesem schönen Konzert verbrachte jeder noch den restlichen Abend, viele gingen essen, andere legten sich erschöpft schlafen oder saßen noch kurz im Hotelfoyer beisammen. Richtig lang wurde es allerdings bei keinem mehr, denn morgen klingeln bei uns die Wecker sehr zeitig. Ich habe meinen gerade auf 5:45 Uhr gestellt und bin gespannt, wie der morgige Flug und das anschließende Konzert in Sapporo sein werden. Eine mögliche Prognose: Wir werden alle müde sein ...

Freitag, 25.10., 22:00 Uhr | Inspiriert in Kōbe

Menschen gehen unter Anzeigetafeln entlang
Auf nach Kōbe Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Um 11:00 Uhr eilte das ganze Orchester bepackt mit Instrumenten und "7 Eleven"-Tüten durch Fokuoka zum Bahnhof. Wir waren ziemlich knapp dran, wie das manchmal so ist, wenn knapp 80 Menschen zusammen reisen. Die Fahrt ging dann im wahrsten Sinne des Wortes rasend schnell vorbei, der Zug brauste mit bis zu 300 km/h durchs Land. Draußen wechselten sich traumhaft schöne grüne Hügellandschaften blitzschnell mit riesigen Industriegebieten und großen Hafen-Anlagen ab.

Eine Frau zeigt auf etwas, zwei Personen stehen daneben.
Am Nunobiki-Wasserfall  Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Angekommen in Kobe fuhr ein Teil des Orchesters direkt zum Hotel, um sich von der Reise zu erholen oder zu üben, während ca. 20 Leute entschieden, sich den Nunobiki-Wasserfall anzuschauen. Überraschend schnell kamen wir vom Bahnhof aus in absolut stiller Natur an. Dicke, verschlungene Baumstämme bildeten einen Tunnel, durch den wir in Stein gehauene Steinstufen nach oben kraxelten. Nach einer Weile nahm man das Rauschen schon war und dann sahen wir den Wasserfall, der aus enormer Höhe nach unten stürzte. Wir standen und staunten und wurden wieder mal sehr nass, aber das störte keinen. Beflügelt von diesem schönen Anblick kletterten wir immer weiter nach oben. Überall waren kleine buddhistische Schreine in der Natur versteckt mit geheimnisvollen Zeichen auf moosbewachsenen Steinen, Klangschalen, Gebetsketten und kleinen Buddhas. Ein gewisser Zauber lag auf dieser Landschaft, das Wetter war sehr nass und die Nebelschwaden zogen langsam durchs Tal. Surreal, dass man fast die ganze Zeit eine herrliche Aussicht auf das hochmoderne Kōbe hatte. 

Gebäude und Glashäuser in einem Garten
Ein märchenhafter Garten Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Nahe der Seilbahn war ein großer Kräutergarten angelegt, der so märchenhaft war, wie man sich einen Kräutergarten nur vorstellen kann. Jedes nur denkbare Gewürz, jede Heilpflanze wuchs hier auf sanften Hügeln, daneben baumelten Hängematten und freundliche Mitarbeiter grüßten. Wir standen am höchsten Punkt des Berges und blickten auf das abendliche, neblige Kobe und plötzlich erklang aus den Lautsprechern der Gartenanlage gregorianischer Gesang. Es war ein unglaubliches Gefühl, diese vertraute Musik zusammen mit dem Blick auf dieses fremde Land zu genießen. Mit der Seilbahn ging es steil hinunter, unsere müden Füße waren darüber sehr dankbar. 

Stefan Panzier (Fagott), Christoph Engelbach (viola), Walter Klingner (Englischhorn),Hans-Günther thomasius (Viola), Toni Hartung (Pauke), Elisabeth marasch (Violine), Katharina Sprenger (Violine), Adam Markowski (Violine) Vordere Reihe: Liv Bartels (viola),Sebastian hensel (viola), annemarie Gäbler (Violine), Christian seifert (viola), Anja Pottier (viola), Yukiko Suzuki (Violine), Kathrin Körber (viola), Norbert Strobel (Oboe), Thomas Fleck (Violine)
Gruppenfoto nach der Wanderung Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Die Gruppe teilte sich, manche machten sich zum Abendessen auf die Suche nach dem berühmten Kobe-Rind, mein kleines Grüppchen landete eher zufällig in einem winzig kleinen Lokal. Der Sushi-Meister selbst bereitete das Sushi vor unseren Augen zu, wir wagten uns an Fisch-Sorten, die wir noch nie gegessen hatten. Die Stimmung war sehr familiär, der Meister konnte sogar ein paar Worte Deutsch sprechen, wir fühlten uns sehr wohl. Als wir erzählten, wer wir seien und dass wir morgen ein Konzert in der Stadt hätten, war die Reaktion wie jedes Mal, wenn hier jemand erfährt, dass wir klassische Musik machen: besonders hochachtungsvoll und begeistert. Als ich am Ende mit Hilfe des Google Übersetzers fragte, wie lange man braucht, um Sushi-Meister zu werden und die quäkende Stimme der Google-Dame die Frage in den Raum hinausplärrte, brach das gesamte Lokal in schallendes Gelächter aus. Der Meister erklärte mit einem nachdenklichen Lächeln, dass man genau wie bei einem Instrument sein Leben lang nie wirklich aufhört zu lernen.

Frau steht an Mauer und schaut auf Stadt
Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Nach einer 30-minütigen Fahrt mit der U-Bahn – während der ein tief schlafender Japaner immer wieder auf meine Schulter sackte, was ich ihm nicht übel nahm – kamen wir beim Hotel an. Während wir über den riesigen Vorgarten staunten, der dank LED-Lichtern in allen Farben strahlte, fiel uns wieder auf, dass der ganze riesige Platz vor dem Hotel und die Lobby sowie sämtliche Gänge im Hotel mit KlassiK beschallt wurden. Nicht mit der typischen "Fahrstuhl-Musik", sondern mit Beethoven, Mendelssohn und Schubert. 

Die klassische Musik hat hier einen sehr hohen Stellenwert und wird mit Hochachtung und Warmherzigkeit aufgenommen, wie wir heute immer wieder gespürt haben. Das tut allen gut!  Dieser Tag war der letzte entspannte vor einer sehr langen anstrengenden Etappe, auf die wir uns trotzdem sehr freuen. Nie war ein Tag vor einem Konzert so inspirierend! 

Freitag, 25.10., 13:24 Uhr | Cello im Flugzeug

Cellist Johannes Weiss hatte auf der Flugreise sein Cello immer neben sich – die Konzerte in Japan können kommen.

Donnerstag, 24.10., 21:00 Uhr | Ein Konzert im Dauerregen

Man sollte immer zweimal überlegen, die fünfte Tasse Grüntee zu trinken, wenn man vorhat, in der Nacht ruhig zu schlafen. Noch dazu hat jetzt allmählich das Jetlag seinen großen Auftritt. Ziemlich gerädert stieg ich morgens in den Bus, der uns zur Konzerthalle fahren sollte. Und es war beruhigend zu hören, dass eigentlich niemand wirklich gut geschlafen hatte. Fast jeder erzählte davon, wie er mitten in der Nacht plötzlich hellwach gewesen sei und beim besten Willen nicht mehr einschlafen konnte. Während wir durch den strömenden Regen fuhren, wurde über Tricks und Kniffe geredet, wie es mit dem Einschlafen dann doch klappt und auf einmal war die Stimmung wieder im Lot.

Eine Geige liegt in ihrem Geigenkasten vor einer Reihe von beleuchteten Spiegeln.
Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Die Fokuoka Symphony Hall ist nur ein Teil eines riesigen Gebäudes, in dem man mit großen Rolltreppen auf verschiedene Ebenen gelangt, wo Veranstaltungsbüros, riesige Brautmodengeschäfte und weitere große Kongresshallen zu finden sind. Die Konzerthalle ist im Untergeschoss und die Gänge um sie herum verschachtelt wie in einem Labyrinth, was das ein oder andere mal für Verwirrung sorgte. 

Dann war Zeit für die Anspielprobe. Der Saal ist riesig und in hellem Holz verkleidet. Von den Decken hängen gigantische Kronleuchter, die aussehen wie von einem anderen Stern und in Konzertbeleuchtung subtil in verschiedenen Farben leuchten. Es gab natürlich ein großes 'Hallo', weil viele sich erst jetzt richtig wiedersahen und es wurde viel erzählt, während die Instrumente ausgepackt wurden. Kristjan Järvi gab den ersten Einsatz und Beethovens 5. Sinfonie, die wir frisch aus Leipzig mitgebracht hatten, erklang in völlig neuer Akustik. Es ist spannend, was für einen Unterschied jede noch so kleine Veränderung macht, wie unterschiedlich ein Orchester von Saal zu Saal klingt. 

Impressionen aus Fokuoka

Ein mann spielt auf einer Trompete.
Bildrechte: MDR/Adam Markowski
Ein mann spielt auf einer Trompete.
Bildrechte: MDR/Adam Markowski
Ein Orchester bei einer Probe in einem Konzertsaal.
Bildrechte: MDR/Adam Markowski
Eine Frau, die einen Geigenbogen in der Hand hält, unterhält sich mit einem Mann.
Bildrechte: MDR/Adam Markowski
Ein Mann knöpft vor einem Spiegel sein Hemd zu.
Bildrechte: MDR/Adam Markowski
Ein Horn liegt auf einer Kiste, im Hintergrund sind Personen unscharf zu erkennen.
Bildrechte: MDR/Adam Markowski
Zwei Frauen halten jeweils eine Geige sowie ein Bogen in der Hand und unterhalten sich.
Bildrechte: MDR/Adam Markowski
Ein mann hält eine Geige in der Hand.
Bildrechte: MDR/Adam Markowski
Ein Mann und eine Posaune.
Bildrechte: MDR/Adam Markowski
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Der Flügel für das Klavierkonzert von Mozart, das wir mit Fujiko Hemming, einer 87-jährigen Legende aus Japan, die auch politisch sehr viel für das Land getan hat, spielen sollten, stand schon bereit. Aber uns erreichte die Nachricht, dass sie verspätet in Fokuoka landen würde und wir nicht mit ihr proben konnten. Spontan wurde entschieden, dass das Orchester in der ersten Hälfte Mendelssohn und Beethoven spielen würde und Fujiko Hemming nach der Pause Solo-Werke zum besten gibt. 

Nach der Probe ging es für alle zurück zum Hotel und es gab ein paar Stunden zum ausruhen, was allen sehr entgegen kam. Kurz vor der Busabfahrt zum Konzert war plötzlich sehr viel los beim "7 Eleven", einem Supermarkt, der genau zwischen unseren beiden Hotels liegt. Mit frischen Snacks und Sushi eingedeckt ging es dann Richtung Konzerthalle, wo unten schon die Kisten mit der Konzertkleidung bereit standen. Und dann dauerte es auch nicht mehr lang, bis alle in voller Montur mit ihren Instrumenten backstage auf den Auftritt warteten. Auf Monitoren sahen wir, wie der Saal sich immer weiter füllte und auch, wie sich immer mehr Menschen durch die Eingangshalle drängten. Es waren so viele, dass das Konzert fünf Minuten später anfangen musste. Als wir auf die Bühne traten sahen wir: Es war tatsächlich bis auf den letzten Platz voll. 

Es war tatsächlich eine andere Stimmung im Publikum als wir es von zu Hause gewöhnt waren, aber keineswegs weniger herzlich. Selbst der Applaus klingt anders, die Art zu klatschen erzeugt einen helleren Klang als man es kennt und wird so gleichmäßig stärker und schwächer, dass es wirkt als würde man an einem Lautstärkeregler drehen.

Das MDR-Sinfonieorchester bei einem Konzert in Fokuoka , Japan.
Schlussapplaus in der Fokuoka Symphony Hall Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Für uns war das Konzert ja nach den ersten beiden Stücken und einer Zugabe beendet, deswegen ging es relativ zeitig zurück ins Hotel. Wir machten uns in Gruppen noch einmal auf den Weg, die Müdigkeit war durch das Konzert vorerst vergessen. Wir aßen in einer Art Shopping-Mall, in der unzählige Menschen an kleinen Ständen aßen und tranken das für Fokuoka typische Ramen und tranken japanisches Bier, mit dem dann die Müdigkeit allerdings zurückkam. Hoffentlich klappt es bei allen mit dem Einschlafen heute ein bisschen besser. Tricks haben wir ja jetzt.

 

Mittwoch, 23.10., 22:30 Uhr | Ein Tag in Fukuoka 

Dieser Tag war wirklich vollgestopft mit neuen Eindrücken, Gerüchen, Geschmäckern und Bekanntschaften!

Nach schlaftechnisch ziemlich unterschiedlich erfolgreichen Nächten, waren wir außerhalb unserer Hotels auf Nahrungssuche (manche Hotels in Japan bieten kein Frühstück an) und hatten einen guten Riecher: Es gab japanischen Frühstücks-Salat mit pochiertem Ei, mächtige Bananen-Pfannkuchen und Cappuccino aus japanischer Rösterei.

Japanische Teezeremonie.
Biem Frühstück bekamen wir eine Einladung zu einer traditionellen Teezeremonie. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Während wir einen Plan für die Stadttour entwarfen, machte sich ein sehr elegant gekleideter Herr am Nachbartisch bemerkbar, der leider kein Englisch sprach. Da sich unser Japanisch momentan noch auf "arigato" (danke), "hai" (ja), "Kanpai" (Prost) und "Konnichiwa" (Hallo) beschränkt (und wir mit der Aussprache noch etwas wackelig auf den Beinen sind) waren wir sehr froh, dass es den Google-Übersetzer gibt. Unser Gespräch sah wirklich lustig aus, wie wir uns gegenseitig Handys unter die Nase hielten, aber es funktionierte und am Ende lud uns der feine Herr auf eine traditionelle Teezeremonie am Abend ein.

Als nächstes kletterten wir auf das Dach unserer Konzerthalle, die Acros Fukuoka Symphony Hall, die mitten in der modernen Innenstadt liegt und auf einer Seite vertikal bepflanzt ist. Wenn man sich die vielen Stufen durch diesen kleinen Wald hinaufgeschlängelt hat, wird man mit einer Aussicht über Fukuokas Dächermeer bis hin zu den Bergen belohnt. Mit uns gemeinsam schwitzte eine Schulklasse, die wahrscheinlich gerade Sportunterricht hatte und in voller Schuluniform die Treppen hinauf- und hinunter raste. 

Zwei japanische Kinder stehen auf dem Dach eines Gebäudes und blicken auf die Hochhäuser einer Stadt.
Was für ein Ausblick von der Konzerthalle auf die Innenstadt von Fukuoka. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Um 15:00 Uhr war Regen angesagt, deswegen beeilten wir uns, um noch mindestens einen der vielen Tempel zu besichtigen, die überall in der Stadt verteilt sind. Es ist faszinierend, was für stille Oasen der Andacht mitten in dieser Rastlosigkeit und dem Trubel stehen. Man wird sofort merklich ruhiger.

Eine junge Frau reinigt sich die Hände.
Reinigungsritual im Tempel Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Nach einem Reinigungsritual darf man die Tempelanlage betreten und kann nur über die Vielfältigkeit der Gebete und Zeremonien staunen. Überall sind betende Menschen, die ab und zu laut in die Hände klatschen, an großen schweren Tauen ziehen und Glocken erklingen lassen, die Räucherstäbchen anzünden oder ihre Wünsche und Orakel in Bäumen aufhängen. Auch die Tempel an sich mit all den Drachen, Symbolen, typisch gebogenen Dächern und großen Statuen strahlen diese besondere Atmosphäre aus. 

Der Regen kam erst gegen Abend, genau dann als wir uns zur Teezeremonie aufmachten. Es war natürlich auch genau die Sorte Regen, bei der es reicht, zwei Sekunden draußen zu sein, um komplett durchnässt zu werden. Dementsprechend kamen wir dann etwas abseits des Zentrums in einer dunklen Seitenstraße an, zunächst etwas skeptisch und schließlich angenehm überrascht: Die Zeremonie fand in einer winzig kleinen Sake- und Teebar statt, die sehr schlicht, aber außergewöhnlich schön eingerichtet und nur schwach von Kerzenlicht erleuchtet war, während im Hintergrund leise Musik lief.

Wir waren mit dem elegant gekleideten Herrn vom Frühstück und dem Teemeister mit seinem Gesellen insgesamt zu acht dort und es war schon fast bis auf den letzten Platz voll. Wir saßen an einer Bar um eine Art Herd herum, auf der der Meister uns seinen Grüntee zubereitete. Diesmal ließen wir den Google-Übersetzer links liegen, denn sofort war klar, dass es sich hier um eine ganz besondere Situation handelte. Jeder einzelne Handgriff von ihm war so bewusst und mit Andacht, dass man einfach nur bewundernd zusehen konnte. 

Zwei Männer und zwei Frauen bei Kerzenschein in einem Restaurant.
Bei der Teezeremonie (v.l.): Toni Hartung (Solo-Pauke), Annemarie Gäbler (2. Violine), Johannes Weiss (Cello) und ich. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Wir tranken sehr, sehr viel Grüntee – verschiedenste Sorten, darunter eine Sorte, von der jährlich in Japan nur vier Kilogramm existieren. Manche Sorten schmeckten völlig fremd, gar nicht wie Tee, manche bitter, manche nach Pfirsich. 

Als Dankeschön für diese herzliche Einladung spielten Annemarie und Adam aus den zweiten Geigen ein Duo für die Gastgeber, die sich riesig darüber freuten. Nach einem sehr lieben Abschied machte sich unsere kleine, gerade getrocknete Gruppe auf zur nächsten Station, wo wir auf eine größere Gruppe stoßen wollten, die gerade Sushi aß. Dort angekommen waren wir natürlich alle wieder nass. Dafür war das Sushi aber unglaublich lecker, manche wagten sich auch an Spezialitäten wie Fischköpfe.

Es war schön, nach diesem freien Tag zu erfahren, was die anderen so erlebt hatten. Und da war von Shopping über Tempel und Riesenspinnen bis hin zu Instrument Üben und Bekanntschaften mit Klassik-Fans, die sich mit Fragen und Komplimenten überschlugen, alles dabei. 

Was für ein schöner Tag! Morgen kommt das erste Konzert vor ausverkaufter Halle. Ich glaube, wir sind alle ganz gespannt, wie es sein wird, vor einem japanischen Publikum aufzutreten. 

Dienstag, 22.10., 21:00 Uhr | Ein Taifun zur Begrüßung 

Da ich völlig außer Gefecht gesetzt war und dank der Medikamente, mit denen mich liebe Kollegen versorgt haben, die knapp 14 Stunden über den Wolken im Tiefschlaf verbracht habe, kann ich erst ab dem Zeitpunkt berichten, an dem der Kapitän des Flugzeugs die Durchsage machte, dass wir aufgrund eines Taifuns über Tokio einen kleinen Sicherheits-Umweg fliegen müssten und wir uns auf eine "quite bumpy" Landung einstellen sollten.

Japan begrüßte uns mit enorm starkem Wind und schweren, tief hängenden Wolken, was die letzten 30 Minuten des Fluges wirklich abenteuerlich gestaltete. Nach zwei weiteren Stunden Flug sind nun endlich fast alle Orchestermitglieder – inklusive aller Instrumente! – vereint in Fukuoka, Japans achtgrößter Stadt direkt am Meer. Lediglich zwei heldenhafte Cellisten mussten zwei Maschinen später fliegen, weil im Flugzeug Anschnallgurte für die Celli fehlten.

Eine junge Frau schaut in ein Heft mit japanischen Schriftzeichen
Gar nicht so leicht, das richtige Essen auszuwählen, wenn man kein Wort lesen kann. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Wir bezogen erst einmal unsere Zimmer und meldeten uns auf der anderen Seite des Planeten bei Familien und Freunden, die gerade erst aufgewacht waren. Da die beiden Gruppen in unterschiedlichen Hotels untergebracht sind, bestand heute Abend das Programm eher darin, in kleinen Grüppchen die ersten Eindrücke dieser völlig fremden und faszinierenden Welt aufzusaugen. Wir spazierten am Wasser entlang, bestaunten Straßen voller Menschen, blinkender Lichter und Lampions und wagten uns mutig an das erste Restaurant heran, in dem es keine Menüs in irgendeiner uns verständlichen Sprache gab und wir quasi "japanisch Roulett" spielten. Aber es war sehr lecker!

Morgen haben wir noch einen komplett freien Tag, um in Ruhe anzukommen und die lange Reise aus den Knochen zu schütteln. Ich bin gespannt, was wir alles entdecken werden! 

Montag, 21.10., 19:12 Uhr | Mit Kräutertee über den Wolken

Blick aus einem Flugzeug über den Wolken auf die Erde
Violinist Adam Markowski sendet Grüße aus dem Flugzeug. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Nachdem es unsere Texterin Charlotte beinah zuhause gehalten hätte (Magen-Darm) und sich ihre aktuellen Körperaktivitäten aufs Kräutertee-Trinken beschränken, ereilte uns prompt der nächste Schreck: Wegen eines fehlenden Zollstempels (von ca. 1,5 Quadratzentimeter Fläche und geschätzt 0,000000000001 Gramm Abtropfgewicht) war plötzlich nicht mehr gewährleistet, dass unser Orchester die kommenden Konzerte MIT Kontrabässen spielen würde. Dank unseres Stage-Managers und seiner unglaublichen Crew gelang es innerhalb weniger Stunden an diesen so kostbaren Fleck Tinte zu kommen! Punktlandung ...

Charlottes heutige Indisponiertheit erklärt auch das Verfassen dieses Blogbeitrages durch meine Wenigkeit. Wie gut, dass sie trotz ihres Zustandes diesen 14-stündigen Hinflug auf sich nimmt – in der Hoffnung auf schnelle Besserung!

In zwei Gruppen geteilt fliegen wir (Team A immer eine Flügellänge voraus) mitsamt kleineren und größeren Instrumenten im Handgepäck. Ein ziemlich aufsehenerregendes Bild, das schon zu einigen interessanten Gesprächen mit anderen Reisenden führte. Wann auch immer dieser Eintrag erscheint, es ist mit Sicherheit ein Gruß aus der siebenstündigen Zukunft in die wir gerade fliegen – ins Land der aufgehenden Sonne.

Sonntag, 20.10., 16:30 Uhr | Euphorie beim letzten Heimspiel

Die Musiker des MDR-Sinfonieorchester Backstage.
Auch hinter der Bühne herrschte beim letzten Konzert in Leipzig gute Stimmung. Bildrechte: MDR/Adam Markowski

Was für ein tolles Auftakt-Konzert für die Tournee! Im fast ausverkauften Gewandhaus haben wir heute Vormittag einen Teil unseres Tour-Programms aufgeführt und die Stimmung auf und vor der Bühne war wirklich mitreißend. Sogar der Schwung, mit dem unser Dirigent Kristjan Järvi seinen Blumenstrauß ins Publikum warf, war so außerordentlich, dass er glatt die Mikrofone traf, die von der Saaldecke hängen. Ich habe seit heute Mittag noch immer den Schlussakkord von Beethovens fünfter Sinfonie im Ohr, was mein Pack-Chaos deutlich majestätischer erscheinen lässt, als es ist. Das war auch heute während der Konzertpause in der Kantine ein großes Thema bei allen: Was nimmt man mit auf so eine lange Tour durch ein so großes, vielseitiges Land? Wie wird das Wetter? Wo gibt es das beste Sushi? Wie sind die Konzerthallen?

Während sich langsam aber sicher mein Koffer füllt, wächst die Vorfreude immer mehr! Morgen um diese Zeit schwebt das Orchester irgendwo über den Wolken und stößt vermutlich auf eine schöne Tournee an. Ich kann es kaum erwarten!

Samstag, 19.10. | Vorfreude auch bei Instagram

Parallel zu diesem Blog begleitet Violinist Adam Markowski die Reise auf dem Instagram-Kanal @mdr-klassik und ist schon zwei Tage vor der Reise voller Vorfreude

Wer bloggt hier?

Charlotte Krämer, die 1. Violine im MDR-Sinfonieorchester
Bildrechte: Alexander Bischoff

Charlotte Kraemer Spielt im MDR-Sinfonieorchester die 1. Violine, ist das jüngste Mitglied des Orchesters und erst seit Beginn der aktuellen Spielzeit im Team dabei. Die 26-Jährige freut sich auf Japan, darauf, ihre neuen Kollegen besser kennen zu lernen und den Blog mit all den schönen gemeinsamen Erlebnissen zu füllen.

Adam Markowski
Bildrechte: Andreas Lander

Adam Markowski Spielt bei den 2. Violinen im MDR-Sinfonieorchester. Seit 2011 ist er im Orchester dabei und unterrichtet zudem Violine in Leipzig. Der 36-Jährige liebt Fotografie und begleitet das Orchester auch auf diesem Wege schon seit einigen Jahren. Sein Ziel ist einen Blick aus dem Inneren des Orchesters nach Außen zu tragen. Während der Japan-Reise wird Adam Markowski den Instagram-Account des Orchesters (@mdr_klassik) mit Inhalten füllen. Einige seiner Inhalte werden auch hier im Blog zu sehen sein.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Oktober 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. November 2019, 09:00 Uhr