Poprock Blond im Interview: Wir haben Chemnitz viel zu verdanken

Die Chemnitzer Band Blond hat mit "Martini Sprite" ihr Debütalbum veröffentlicht. Ein fröhliches Poprockalbum über feministische Themen wie Angst, blöde Sprüche und Menstruation. Im Interview sprechen Sängerin Nina Kummer, Schlagzeugerin Lotta Kummer (die Schwestern der Kraftklub-Musiker Till und Felix Kummer) und Bassist Johann Bonitz über vermeintliche Tabuthemen, Musikvideos für Blinde und warum Chemnitz toll ist.

Die Schwestern Nina (l) und Lotta Kummer mit Johann Bonitz bilden die Band "Blond".
Die Schwestern Nina (l.) und Lotta Kummer (r.) mit Johann Bonitz bilden die Band "Blond" Bildrechte: check your head/dpa

MDR KULTUR: Am Anfang habt ihr auf Englisch gesungen. Wieso seid ihr jetzt auf Deutsch umgestiegen?

Nina Kummer: Bislang haben wir ja nur zwei EPs herausgebracht. Und auf der zweiten war ein deutscher Song: "Spinaci". Und da haben wir gemerkt, dass es viel mehr Spaß macht, auf Deutsch zu singen. Ich kann da auch besser schreiben. Vorher hab ich mich nicht richtig getraut.

Johann Bonitz: Und es gibt viel direktere Resonanz vom Publikum.

Nina: Ich finde die Sprache auch viel schöner. Wir hatten viele Songs für das Album erst auf Englisch, aber haben es es dann auf Deutsch umgeschrieben, weil das nicht so blumig klang.

So wird auch viel deutlicher, über was ihr singt. Mehrere Lieder sprechen feministische Themen an, ohne dass ihr daraus Kampfansagen macht. In "Es könnt grad nicht schöner sein" geht es zum Beispiel um Menstruation und dass schöne Situationen dadurch gestört werden. Wie kommt ihr auf eure Themen?

Nina: Das ist alles aus meinem Kosmos, also Sachen, die mich beschäftigen. Die Frauen und die Periode sind ein Thema, das mehr Platz einnimmt als man denkt. Ich rege mich oft drüber auf, dass ich deswegen irgendwas nicht machen kann.

Lotta Kummer: Wir finden es auch schade, dass es so ein Tabuthema ist. Und wir dachten, das ist witzig, wenn man einen Song darüber macht. Ich finde es ein bisschen seltsam, dass das nicht so thematisiert wird. Und komisch, dass es noch keinen Song darüber gab.

Nina: Mal schauen, wie das Publikum darauf reagiert. Wir haben noch nie etwas nicht gemacht, weil wir Angst hatten. Wir haben immer alles in die Welt geballert und geschaut, was zurückkam. Ich hoffe, dass alle mitsingen, egal ob Männer oder Frauen: "Bloody storm in my uterus". Es ist ein Mosh-Pit-Song! 

Eine Frau die mit roter Farbe bespritzt ist. 4 min
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Das Musikvideo zum Song "Es könnte grad nicht schöner sein" der Band Blond.

Do 30.01.2020 15:46Uhr 03:56 min

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Video

Im Song "Thorsten" rechnet ihr mit Mackertum im Musikbusiness ab. Und das Lied "Sie" beginnt mit der aufregend klingenden Zeile "Mein Herz macht Boom-Boom", ist am Ende aber eine Beschreibung der Angst, die fast jede Frau hat, die nachts alleine unterwegs ist.

Nina: Ja, denn das betrifft mich und ganz viele Mädchen in meinem Umfeld. Wenn man sich unterhält, merkt man eigentlich, dass jede schon mal was Krasses erlebt hat, was jetzt auf ihr lastet und sie den Rest ihres Lebens beeinflussen wird. Das kriegt sie nicht mehr los. Egal ob das Stalking-Fälle sind, sexuelle Belästigung im Club oder irgendwo anders ist oder alle möglichen Sachen innerhalb von Beziehungen.

Lotta: Wir kennen eigentlich kein Mädchen, dem noch nie etwas passiert ist.

Nina: Und es nervt, dass dich das in den Arsch macht. Wenn ich ein blödes Erlebnis habe, führt das dazu, dass ich mein Leben lang ängstlicher bin, als ich es vorher war. Da ist ein megagroßes Stück von meiner Freiheit weg. Und das macht einen sauer. Dass es völlig normal ist, dass Frauen nachts mit ihrem Schlüssel zwischen der Faust nach Hause gehen. Das machen alle so!

Dennoch klingen eure Lieder nicht traurig.

Lotta: Wir haben schon immer viel mit Humor gearbeitet, das ist auch unser Schutz und unsere Waffe. Humor ist immer hilfreich. Auch wenn man sauer ist, will man sich davon nicht unterkriegen lassen. Man hat ja auch tolle Leute um sich rum. Aber so witzig finde ich den Song jetzt trotzdem nicht, auch nicht instrumental. 

Nina: Es ist vielleicht wirklich ein bisschen unsere Art, dass man im traurigsten Moment noch einen Scherz macht. So schwarzer Humor.

Lotta: Man geht gestärkt aus dem Song heraus. Das ist doch super.

Nina: "Match"  ist zum Beispiel melancholisch, soll aber kein trauriger Liebessong sein.

Er handelt davon, dass man sich gerne verlieben würde, es aber nicht klappt und man dann halt Spaß mit seinen Freunden hat. Ein anderes Lied beschreibt Stalking. Warum habt ihr kein Liebeslied auf der Platte?

Nina: Es wurden schon genug gute Liebeslieder über ganz klassische Liebesbeziehungen geschrieben. Ich finde es auch interessanter, denn es geht ja trotzdem um Liebe. Die eine ist halt eine unerwiderte Liebe, die in Stalking dann übergeht. Und die andere ist über das Verlangen nach Liebe.

Ihr macht auch immer sehr künstlerische Videos zu den Songs. Johann, du bist blind. Wie wirst du in die ästhetischen Fragen integriert?

Bandfoto: Blond
Legen Wert auf Ästhetik: Blond Bildrechte: Blond

Johann: Mir wird viel beschrieben, und wenn mir irgendwas nicht so gefällt, sage ich das auch. Ich bringe mich natürlich ein und sage, was man besser machen könnte. Aber mein Part ist schon eher der musikalische. Das Optische liegt mir dann doch nicht so.

Nina: Du vertraust uns einfach! Es herrschte schon immer ein Grundprinzip des Vertrauens.

Lotta: Johann hat noch kein Musikvideo von anderen Bands gesehen, aber weiß trotzdem, dass unsere Musikvideos anders sind als die von anderen Bands.

Johann: Ja, ich rede auch viel mit anderen Menschen und lass mir erklären, was die so machen. Ich kriege schon sehr viel mit.

Thorsten 3 min
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Das Musikvideo zum Song "Thorsten" der Band Blond.

Do 30.01.2020 15:45Uhr 03:29 min

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Video

Kraftklub, bei denen auch eure Brüder mitspielen, und Trettmann haben in den letzten Jahren Chemnitz bereits auf die musikalische Karte gebracht. Ist die Stadt ein guter Ort für Musikerinnen und Musiker?

Nina: Ich glaube, gerade Kraftklub haben – so wie wir – viel dem Chemnitzer Netzwerk zu verdanken. Wenn wir in Berlin wären, würde das alles nicht so funktionieren. Wir klären total viel über Beziehungen. Das ganze Kreative, das wir im DIY-Style machen, funktioniert nur hier. Zum Beispiel haben wir das "Match"-Video auf der Hinterbühne vom Opernhaus Chemnitz gedreht, weil wir dort jemanden kannten. Der wollte keine Raummiete, in Berlin hätten wir 800 Euro bezahlt. Dann haben das zwei Freunde gefilmt, die einfach Bock hatten. Und dann hat's ein Kumpel von uns geschnitten. Das ist immer so: Alle haben irgendwie Lust, was zu machen, und sind noch nicht so übersättigt.

Lotta: Wir haben hier einen riesigen Freundeskreis und unsere Familien, die uns mega unterstützen. Das wäre nicht schlau, hier wegzuziehen.

Johann: Ich kenne auch viele Leute, die herkommen, und sagen: Es ist sehr schön.

Debutalbum Blond
Nina Kummer, Johann Bonitz und Lotta Kummer (v.l.n.r.) Bildrechte: MDR/Anett Linke

Das Interview führte Juliane Streich für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 23. Januar 2020 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Januar 2020, 04:00 Uhr

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