Neues Album "Rough and Rowdy Ways": Bob Dylan singt über die Perversionen unserer Zeit


Bob Dylan hat 2012 sein letztes Album mit Originalsongs herausgebracht. Nun erschien mit "Rough and Rowdy Ways" das mittlerweile 39te Studioalbum des Musikers, der inzwischen auch Literatur-Nobelpreisträger ist. Es ist das erste, dass mit dem Song "Murder Most Foul" einen Nummer 1 Billboard-Chart-Hit hat – und eines seiner besten Alben der letzten Jahrzehnte, findet unser Kritiker.

Bob Dylan
Bob Dylan hat sein 39. Album "Rough and Rowdy Ways" veröffentlicht Bildrechte: Sony Music

Auf “Rough and Rowdy ways“ zeigt Bob Dylan einmal mehr, dass er ein Künstler mit vielen Klängen ist, mit vielen künstlerischen Seiten, mit viel gelebtem Leben. Im Eröffnungsstück "I Contain Multitudes" beschreibt er in einer sehr feinen Selbstanalyse: "Ich bin ein Mann der Wiedersprüche, ich bin ein Mann vieler Stimmungen." Als Inspiration soll dem Song das Walt Whitman-Gedicht "Song of myself" gedient haben.

Persönlich und global

Bei der Textzeile "Ich schlafe zur gleichen Zeit im Bett mit dem Leben und dem Tode" fragt man sich, ob Dylan sich da "nur" seiner eigenen Endlichkeit bewusst – er ist immerhin 79 – oder ob er gar die Welt am Ende sieht. In dem einzigen Interview, das er zu diesem Album gegeben hat, sagt er sinngemäß, dass er sich gar nicht so um sich Gedanken mache, sondern es ihm vielmehr um das Globale gehe: um das mögliche Ende des nackten Affen, den wir Mensch nennen. Wenn Dylan über seinen eigenen Tod nachsingt und nachdenkt, denkt er auch gleich über den möglichen Untergang der Menschheit nach. Das ist nicht großspurig, sondern er bietet – wie er das immer macht –  Interpretationsmöglichkeiten an. Man kann es privat verstehen, als Dylans nahenden Tod, oder eben global.

Sterblichkeit, Krieg, Liebe, Sehnsucht

Cover: Bob Dylan – Rough and Rowdy Ways
Bob Dylan "Rough and Rowdy Ways" Bildrechte: Columbia

Dylan bevormundet seine Hörerinnen und Hörer nicht, er schert sich allerdings auch nicht wirklich um sie. Er begreift sie vielmehr als interessierte Zuhörende und Zuschauende an (s)einer Dylanwirklichkeit. Dabei zeichnet ihn aus, dass er immer die richtigen Sachen anspricht. Dinge, die Menschen bewegen: Sterblichkeit, Krieg, Liebe, Sehnsucht. Und weil er das schon seit 50 Jahren macht, ist er nicht mehr nur die Stimme einer Generation, sondern mittlerweile die Stimme aller Generationen, ein universeller Dichter, aber nur für alle, die das auch wollen.

Düstere Grundstimmung, aber überraschend

"Rough and Rowdy Ways", das nach einen Jimmy Rodgers Song benannt ist, ist ein sehr vielseitiges Album, auf dem Dylan viele musikalische Terrains betritt. Die Grundstimmung ist indes durchgehend dunkel bis düster. Die endzeitlichen Szenarien, die Beschreibungen einer zerrissenen Welt überwiegen.

"Rough and Rowdy ways" ist ein sehr abwechslungsreiches, überraschendes Album mit ganz vielen Sounds: meditativer leichter Jazz, fast wütend stampfender Blues, Gospeleinflüsse, die Akkordeon getragene Floridameditation "Key West – Philosopher Pirate" und romantische, harmonische Songs wie "I´ve made up my mind to give myself to you". Es gibt Rock à la Dylan, Tex-Mex-Walzer in der morbiden Ballade vom verrückten Wissenschaftler, der künstliches Leben erschaffen will ("My own vision of you") oder Boogie in "Goodbye Jimmy Reed", Dylans Verbeugung vor dem Harmonika-Bluesstar – hier klingt die Band sehr vertraut, wie man sie auch aus den Konzerten kennt.

Das alles wird sehr gut eingefangen vom Produzenten Chris Shaw, der einen ganz homogenen Sound kreiert hat, der über alle Stilistiken hält, von samtweich in "Black Rider" bis hin zu den obertonreichen angezerrten Blues und Rocksounds wie in "False Prophet".

Der wichtigste Song der letzten 25 Jahren

Präsident John F. Kennedy mit seiner Frau Jackie und John Connally in einem Auto
Präsident John F. Kennedy kurz vor dem Attentat Bildrechte: imago images / UPI Photo

Auch Bob Dylans erster Billboard-Nummer-1-Hit, auf den er lange warten musste, ist auf diesem 39ten Album zu finden: "Murder most foul" ist Dylans längster Song, geht knapp 17 Minuten und viele Kritiker halten ihn für den wichtigsten der letzten 25 Jahre. Alleine schon das Sujet des Songs – der Tag des Attentates auf John F. Kennedy – ist ein starkes politisch aufgeladenes Setting. Ein politischer Song über die Perversionen unserer Zeit gespiegelt in einem historischen Ereignis, einem Trauma.  Die Brutalisierung der heutigen Welt, der nie verschwundene Rassismus, der Verlust menschlichen Anstandes – all darüber singt Dylan in "Murder most foul" und nutzt als Codierung dafür aber eine sehr genaue Beschreibung des Tathergangs des Mordes. Das Bild des blutenden zusammengesunkenen JFK ist somit für Dylan mehr als nur eine Beschreibung, sondern ein Gleichnis für  die heutige Zeit: Die Hoffnung verblutet – mit Blick auf die Unruhen in den USA wird der Song gleich nochmal politischer.

Dylan sagt in dem Interview, dass die jetzige Zeit und der Zustand seines geliebten Landes der Auslöser dafür waren, sich der großen amerikanischen Tragödie, dem Mord an JFK, genau jetzt nochmal zu nähern in Form eines Epos, das ihm als Form die Chance gibt, ganz ausführlich das Morbide neben das Glorreiche zu stellen. Das Glorreiche ist für Dylan die großartige Musikgeschichte Amerikas, weswegen all die Musikernamen auftauchen: The Who, Little Richard, Charlie Parker, Stan Getz, um nur einige zu nennen, außerdem soll es in dem Song über 70 Referenzen zu anderen Songs geben. Das alles dient aber nicht als Verklärung einer guten alten Zeit, sondern als Erinnerung daran, wofür Amerika auch stehen kann, nämlich für große kulturgeschichtliche Leistungen.

Geniale Beschreibung Amerikas

Das gesamte Album mit dem Schlusssong "Murder most foul" ist eine geniale Beschreibung Amerikas, so groß und musikalisch beeindruckend umgesetzt, dass man sagen kann: Hier hat Dylan noch einmal richtig abgeliefert, hat eines seiner besten Alben der letzten Jahrzehnte eingespielt, obwohl er  mit "Modern Times", "Love and Theft" oder "Tempest" aus dem Jahr 2012 schon ganz beachtliche Spätwerke veröffentlicht. Aber "Rough and rowdy ways" ist nochmal stärker, weil es geschlossener klingt und weil Dylans Stimme so ungemein frisch und selbstsicher klingt, wie schon lange nicht mehr. All das nährt die Hoffnung dass die Reise des großen Erklärers, Forschers und Mythensammlers Bob Dylan noch lange nicht zu Ende ist.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Juni 2020 | 08:40 Uhr