Heinz Bormann
Heinz Bormann, der Modezar aus Magdeburg Bildrechte: MDR/Archiv Bormann

Porträt des Modezaren aus Magdeburg Heinz Bormann: Der Dior der DDR

Ende der 50er-Jahre verändert ein Magdeburger die damals so prüde Damen-Modewelt: Heinz Bormann. Mit ein paar Nähmaschinen aus den Trümmern gründet er die "Magdeburger Bekleidungswerkstätten". Der Beginn einer Erfolgsstory: Sein Unternehmen wird zu den größten der DDR. Die Gattin von Walter Ulbricht kauft bei ihm genauso ein wie ranghohe Wissenschaftler oder die Kostümabteilung der DEFA. Die West-Presse feiert Bormann als "Zonen-Couturier". Doch der Ruhm findet mit Honecker ein jähes Ende. Bormann wird enteignet, stirbt kurz darauf an Krebs. 2018 erfährt seine Mode ein Revival. Ein Portät des Modezar aus Magdeburg.

von Antje Schneider, MDR KULTUR

Heinz Bormann
Heinz Bormann, der Modezar aus Magdeburg Bildrechte: MDR/Archiv Bormann

"Heinz Bormann war unheimlich charmant", erinnert sich die Sängerin Dagmar Frederic.

Ich habe ihn in allerbester Erinnerung als 'Lagerfeld' in Osteuropa.  

Dagmar Frederic, Sängerin

Bormann, der pragmatische Macher

Das hat Heinz Bormanm allerdings geschickt eingefädelt, denn er hat das Modemachen nicht gelernt. "Ich habe ihn nie nähen sehen", sagt die Designerin Ursula Beutler. Er habe das seinen Leuten überlassen. "Er hatte gute Meister. Er war aber der Ökonom und der Macher."

Am Anfang hatte Heinz Bormann nichts außer einer Geschäftsidee. "Vater war pragmatisch", sagt sein Sohn Jens Bormann.

Wenn er sich was vorgenommen hat, dann hat er das in der Regel auch erreicht. Er konnte supertoll organisieren.

Jens Bormann über seinen Vater

Bormann, der Wehrmachtssoldat

Das hatten ihm seine Eltern beigebracht. Sie kamen aus einfachen Verhältnissen und hatten sich eine Existenz in Erfurt aufgebaut, wo Heinz Bormann 1918 geboren wird und wohlbehütet aufwächst. 1939 verlässt er auf Drängen des Vaters die Stadt, um sich freiwillig zum Kriegsdienst zu melden. Bormann wird Panzer-Offizier bei der Wehrmacht. Als junger Mann nimmt er gleich am Polenfeldzug teil, danach am Russlandfeldzug. Bei einem Angriff wird er verwundet. "Es war ein glatter Durchschuss und er hatte Glück, dass er das überlebt hat und zurück in die Heimat kam", erzählt sein Sohn Jens Bormann.

Heinz Bormann erholt sich und muss wieder an die Front, bevor der Krieg vorbei ist. "Er war noch in der Kesselschlacht von Berlin und konnte mit seinem Schwager fliehen", sagt Sohn Bormann. "Sie haben die Uniformen versteckt, sich Zivilklamotten besorgt und sind als Zivilisten zurückgelaufen."

Bormann ist damals bereits verheiratet. Seine junge Frau Johanna lebt in Magdeburg. Ihre Mutter besaß hier eine große Schneiderei, die aber bei Luftangriffen zerstört wird. In Trümmern der Fabrik suchen sie nach noch nutzbaren Schneider-Werkzeugen.  

Mit meiner Frau und ein paar Freunden buddelte ich 20 alte Nähmaschinen aus den Ruinen des Betriebes der Schwiegereltern.

Heinz Bormann, Modeschöpfer

Bormann, der Klavierspieler und Trinker

Im nicht zerstörten Schönebeck will er damit eine neue Schneiderei eröffnen. Doch die Sowjets erfahren von seiner Vergangenheit als Wehrmachtsoffizier und halten ihn im Rathaus fest. "In dem Raum stand ein Klavier, da hat er sich einfach ran gesetzt und gespielt", sagt Jens Bormann. Kurze Zeit später steht der Kommandant da, ein Musikliebhaber. Die Männer trinken Wodka und Bormann entgeht dem Gefängnis. Der Kommandant genehmigt die neue Schneiderei und verspricht Bormann nach dem letzten Glas sogar Werkstatt-Räume.

Vater war zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich auch recht trinkfest, so dass er da ganz gut mithalten konnte

Jens Bormann über seinen Vater

Bormann, der Freund der Sowjets

Bormann stellt 30 Leute ein, die lange Unterhosen und die Uniformen der Sowjets flicken. Der Kommandant ist mit Bormann zufrieden, die Russen bezahlen in Naturalien. Bormann hat inzwischen eine kleine Familie zu ernähren, denn sein erster Sohn wird geboren. Ein Offizier lässt ihm zwei Säcke mit Kaffeebohnen in den Flur stellen, die Gold wert sind. "Da haben die dann nachts immer die Bohnen geröstet und mussten aufpassen, dass sie da nicht so viel Aroma verbreiteten, weil das ja nun begehrt war", sagt Sohn Bormann.  

Sowjetische Panzer am 17.6.1953 auf dem Marktplatz in Leipzig
Voksaufstand am 17. Juni 1953 Bildrechte: dpa

Heinz Bormann, der Mann, der einst in Stalingrad kämpfte, wird zum großen Freund der Sowjets. Als am 17. Juni 1953 während des Volksaufstandes auch in Schönebeck sowjetische Panzer rollen, bezieht er keine Stellung. Seine politische Zurückhaltung bringt ihm Vorteile. Die DDR-Regierung erkennt, dass die Menschen auch wegen der schlechten Versorgung auf die Straße gingen und will sie mit neuen Konsumgütern ruhig stellen. Die Chance für Bormann. Schon lange wollte er auf moderne Damenmode umstellen, jetzt erhält er die Genehmigung. Sein Privatunternehmen zählt inzwischen zu den großen der DDR. Über 200 Angestellte arbeiten für ihn.

Die Nachfrage ist riesig und der Trümmerfrauen-Look der Nachkriegszeit ab jetzt Geschichte. Der 34-jährige Bormann klettert auf der Erfolgsleiter nach oben. Obwohl er versucht, unpolitisch zu bleiben, muss er Linientreue beweisen.

Bormann, der Dior der Zone

Mit seiner Frau Johanna eröffnet Heinz Bormann 1954 in Schönebeck ein Atelier für Damenmode. Maßanfertigungen, die exklusiv und teuer sind. Doch Bormanns Schneiderinnen stoßen an ihre Grenzen. Eine zufällige Begegnung rettet Bormanns neues Atelier. "Auf einer Feier fiel Vater ein tolles Kleid auf und er sprach die Frau an, wer das gemacht hat", erzählt Jens Bormann, "und da fiel der Name Zeilhofer. Da hat sich Vater mit der Dame in Verbindung gesetzt und sie eingestellt."

Bormann Mode - Eleganter schwarzer Herrenanzug mit Weste, festlicher Damen-Kurzoverall mit Bindeguertel und Silberborte und Kopftuch
Mode von Bormann Bildrechte: dpa

Helena Zeilhofer ist eine junge Modedesignerin aus München, die vom Westen in den Osten kommt. Im Magdeburger Kristallpalst bringt Bormann ihre erste Kollektion auf den Laufsteg. Ein historischer Moment und eine der meist beachteten Modenschauen der DDR. Für Bormann ist es der Durchbruch. Er wird berühmt und geht mit seinen Models auf Tournee. Auch im Westen will man jetzt seine Mode sehen. In Wien, Stockholm, Göteborg. Die Presse feiert seine Kleider und seine Models. Bormann bekommt den Spitznamen "Dior der Zone". "Er fand das toll", sagt Roswitha Salabaschew.

Dior hatte schon immer einen Namen, es gab ja keine großen Designer zu der Zeit bei uns. Und er war eben der Rote Dior.

Roswitha Salabaschew, damals Modell

Bormann, der Designer von Frau Ulbricht

Und dann die Sensation: Versandhäuser wie Neckermann werden auf Bormann aufmerksam. Nun liefert Bormann auch an Otto und Co. Kollektionen an Kleidern, Röcken und Blusen von der Stange. Näherinnen aus Schönebeck fertigten die Versandhaus-Kleider. Bormannkleider konnten sie sich selbst damals nicht leisten.

Die DDR verdient an Bormanns Westaufträgen mit, denn er muss einen Teil der Devisen abgeben. Zu dieser Zeit wird auch die als bieder verschriene Lotte Ulbricht auf Heinz Bormann und seine Mode aufmerksam. Sie bestellt eine Kollektion.

Bormann, der Priviligierte

Ende der 50er-Jahre wird Bormanns Betrieb zu 50 Prozent verstaatlicht. Die Genossen wollen Gewinnanteile. Bormann macht gute Miene zum bösen Spiel.

Ich glaube, dass die staatliche Beteiligung der einzig richtige Weg war, denn wir helfen mit am Aufbau des Sozialismus für unseren Staat und unsere Menschen.

Heinz Bormann

Als Gegenleistung bekommt Borrmann großzügige Kredite. Mit seinem Betrieb zieht er nach Magdeburg um und wird auch privat privilegiert. Für seine Familie darf er eine Villa mitten in der Stadt kaufen. Bormann richtet im Erdgeschoß ein Atelier für Luxus-Kunden ein und beginnt, private Modenschauen zu organisieren.

Heinz Bormann und Models
Heinz Bormann unterwegs mit seinen Models Bildrechte: Horst Fahlberg

Bormann, der Ehebrecher

Seine Partys sind legendär. Während seine Frau sich um die Kinder kümmert, genießt er das Leben.

Nur schöne Frauen um sich, welcher Mann kann da wiederstehen?

Roswitha Salabaschew

"Ich weiß auch,  dass er einige kleine Beziehungen hatte", sagt Roswitha Salabaschew. Die Models reißen sich um einen Job bei Bormann.

Bormann, der heimatverbundene Globetrotter

Die Leipziger Messe wird zum Erfolgsgaranten für das Unternehmen. Der internationale Durchbruch! Bormann fliegt für Shootings um die Welt. In den Alpen ist er am liebsten, doch auch in Paris, Amsterdam, Kairo und Beirut reißt man sich um ihn. Bei allem Erfolg bleibt Magdeburg seine Heimat. Von hier wegzugehen, kann er sich nicht vorstellen. Auch nicht, als am 13. August 1961 in Berlin die Mauer gebaut wird. Bormann ist an diesem Tag in Paris und reist unverzüglich nach Hause.

Rüber zu gehen und neu anzufangen? Ich glaube nicht, dass das zum damaligen Zeitpunkt irgendwie überlegenswert für ihn, auch nicht gut für ihn gewesen wäre.

Jens Bormann

Die DDR-Regierung lässt ihren Devisenbringer Heinz Bormann weiterhin frei reisen. An nichts soll es ihm fehlen. Schicke, schnelle Autos aus dem Westen und eine große Datsche am See machen ihm das Leben im Arbeiter- und Bauernstadt weiterhin erträglich. Weil der Westen ihn nach dem Bau der Mauer weniger bucht, orientiert Bormann sich nach Moskau. Damit der Rubel rollt, schließt er mit den Russen einen langfristigen Kooperationsvertrag.

Frau Bormann, die ihm den Rücken freihält

1964 wird sein jüngster Sohn Jens geboren. Heinz Bormann hat nach wie vor wenig Zeit für die Familie. "Mutter stand leider Gottes immer im Schatten", erinnert sich Jens Bormann. "Sie hatte aber einen genauso großen Anteil am Aufbau des Betriebes wie Vater. Sie hat mir gegenüber nie erwähnt, dass sie es sehr schwer hatte. Ich denke, sie hat sich gut damit arrangiert und ihm gut den Rücken freigehalten.

Vater war selten da und viel unterwegs. Wenn es irgendwelche Probleme gab, sagte er: Mutter macht das.

Jens Bormann

Bormann, der Modezar der Schagerstars

Zehntausend Exklusivmodelle bringt Heinz Bormann damals jährlich auf den Markt. Die Schlagerstars der DDR hatten die Eleganz des Bormann-Tuchs für sich entdeckt. Der Modezar reist mit ihnen durch die Republik. Mit Dagmar Frederic arbeitet er in Berlin zusammen. Sie ist damals Anfang 20 und am Beginn ihrer Karriere.

"Renate Holland Moritz, eine gefürchtete Eulenspiegelkritikerin und Journalistin, schrieb, dass die Kleider bei der Daggi am allerbesten ausgesehen haben", erinnert sich Dagmar Frederic. "Das war ein Ritterschlag, viel mehr als den Säbel von der Königin von England hätte ich da nicht kriegen können."

Bormannm, der Enteignete

Auch die DDR-Filmfabrik DEFA holt Bormann ans Set. 1969 drehen sie an der Adria eine Gangster-Komödie und Bormann koordiniert die Modenschauen im Film. Doch der Film floppt.

Heinz Bormann Kleiderfabrik
Bormann-Kleiderfabrik in Magdeburg Bildrechte: Stadtarchiv Magdeburg

Auch zu Hause läuft es plötzlich gar nicht mehr gut, denn Ulbricht wird entmachtet und Erich Honecker gewinnt immer mehr Einfluss. Unter ihm werden alle großen Betriebe verstaatlicht. Vielleicht auch, weil Honeckers Frau Bormann-Mode nicht mag, trifft es Bormann als einen der Ersten. Sein Betrieb, der zu dem Zeitpunkt über zwei Millionen Mark wert ist, wird 1972 zum Volkseigentum erklärt. Der Modezar muss gehen.

"Als er sich verabschiedet hat, mussten wir alle in den Speiseraum", erinnert sich Näherin Ruth Duhm. Am 8. März 1972 bricht das Mode-Imperium Bormann wie ein Kartenhaus zusammen.

Das Bild vergesse ich nie: So’n großer starker Mensch hat vor uns allen geweint.

Ruth Duhm, Näherin

Bormann, der Zurückgezogene

Die Familie zieht zurück in die Provinz nach Schönebeck. Bormann bekommt 200.000 Ostmark Abfindung in Raten. Davon kauft er ein kleines Haus. Die Familie hofft auf Ruhe. Doch es kommt noch schlimmer: Bormann und seine Frau erkranken an Krebs. Johanna stirbt im Winter 1984.

Heinz Bormann beginnt zu reisen. Obwohl er sehr krank ist, zieht es ihn in die Berge in den Kaukasus. Mit der schillernden Modewelt möchte er nichts mehr zu tun haben und bricht fast alle Kontakte ab. Heinz Bormann stirbt im Februar 1989.

Das war ja einer der ganz großen Fehler unseres damaligen kleinen Landes, eben solche Leute zu enteignen und einfach in die Wüste zu schicken.

Dagmar Frederic

Bormann, das Revival

2018 wäre Heinz Bormann 100 Jahre alt geworden. Zum Bormann-Jubiläum wird in Magdeburg seine Mode auf dem Laufsteg gefeiert. Auf der Modavision 2018 – dem größten Fashionspektakel in Mitteldeutschland – glänzen seine Kleider wieder im Rampenlicht. Für viele im Saal ist er die Neuentdeckung.

Wenn ich mir seine Kleider angucke, wenn ich mir seine Schnitte anschaue, dann bin ich tiefst beeindruckt, wie ein Mann vor 60 Jahren in ganz anderen Bedingungen Ähnliches gemacht hat wie wir heute.

Holger Salmen, Modekenner

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Modedesigner Heinz Bormann mit Models auf DDR-Tournee in Oberhof 54 min
Bildrechte: imago/Harald Lange

Der Magdeburger Heinz Bormann war einer der erfolgreichsten Modeschöpfer der DDR - bis sein Betrieb 1972 verstaatlicht wurde. Ehemalige Mitarbeiter erinnern sich. Ein Feature von Rosemarie Mieder und Gislinde Schwarz.

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https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/audio-radio/audio-feature-dior-ddr-100.html

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe "Heinz Bormann - Der Modezar aus Magdeburg" | 13. Dezember 2018 | 23:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2018, 13:51 Uhr

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