Roman "Serpentinen" Bov Bjerg so düster wie nie

Düster ist die Gedankenwelt in Bov Bjergs neuem Roman. Er schreibt über Väter voller Wut, die sie an ihren Kindern auslassen. Und an sich selbst – Vater, Großvater und Urgroßvater des Erzählers haben sich das Leben genommen. Der Erzähler entdeckt diese dunkle Seite in sich und will dagegen ankämpfen. Unsere Kritikerin ist beeindruckt von Bjergs poetisch dichtem Text.

Bov Bjerg - Serpentinen, Buchcover
Auf dem Cover des Buches "Serpentinen" beginnt auf dem Mittelstreifen ein Text mit: "Am liebsten würde ich sitzen bleiben ..." und verliert sich im nicht mehr Lesbaren Bildrechte: Ullstein Verlag

In Bov Bjergs neuem Roman "Serpentinen" geht es um alles oder nichts. Es ist ein sich windendender, beklemmender Text, dessen Erzähler – wie in Bjergs Roman "Auerhaus" – den Namen Höppner trägt. Dieser Höppner, ein Soziologieprofessor, ist mit seinem sieben- oder acht-jährigen Sohn auf die Schwäbische Alb gefahren. Dorthin, wo sein Elternhaus steht und die Geister der Vergangenheit hausen: Vater, Großvater und Urgroßvater des Erzählers haben sich das Leben genommen. Bjerg beschreibt es: "Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Pioniere. Ich war noch am Leben. Vor Angst schlief ich ein."

Die Reise mit dem Mietwagen über die kurvigen Straßen der Alb soll eine Art Therapie sein. Ein letzter Versuch, den dunklen Familienfluch zu durchbrechen. Denn das Erbe von Höppners Vater wiegt schwer: Ein psychotischer Trinker, der Frau und Kinder blutig schlug, nicht nur sich, sondern auch alle anderen hasste – und ein überzeugter Nazi war.

Der Vater war ein Nazi, bis zu seinem Ende. Keiner von denen, die den Massenmord abstritten. Er war ein richtiger Nazi. Einer, der den Mord gut fand. (…) Er hatte kein Nazi der Tat mehr sein können. Er musste ein Nazi der Meinung bleiben. Ein Mörder nur in der Fantasie und auf dem Wahlzettel.

Bov Bjerg in "Serpentinen" über den Vater des Erzählers Höppner

Die Nazi-Väter

Knapp zehn Prozent gaben 1968 bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg der NPD ihre Stimme, Höppners Vater war also nicht allein. Und auch die Väter von Ralf, Wolfgang, Martin und anderen Nachbarsjungen wurden misshandelt und gezeichnet für ihr Leben. Weshalb der Erzähler einmal überlegt, ob es für sie alle nicht besser gewesen wäre, wenn "sie die Männer ihrer Mütter getötet hätten. Ein Messer in den Hals, ein Föhn in die Badewanne, es hätte einfach sein können. Die Schweinereien nicht mehr hinzunehmen. Das Dulden nicht mehr zu erleben." Nur der Tod, die völlige Auslöschung scheint den ewigen Kreislauf der Gewalt durchbrechen zu können.

Das Leiden der Kinder

Der Bildungsaufstieg des Erzählers, der als anerkannter Soziologieprofessor lehrt, hellt weder seine Depressionen auf, noch vertreibt er die unkontrollierbare Wut, die er nun wiederum an seinem unschuldigen Sohn auslässt. Höppner haut mit der Faust auf den Tisch, schmeißt einen Teller an die Wand oder verlässt das Zimmer, um für den Rest des Tages zu schweigen. Für ihn ist das eine normale Reaktion – es geht nicht anders. Bei anderen hätte er sich entschuldigen müssen, sein Junge kennt es jedoch nicht anders, nimmt es hin und duckt sich nur kurz weg.

Diese Scheißwut der Scheißväter. Gegen sich, gegen alle. Die Kinder mussten für die Kindheit ihrer Väter büßen. Ich war auch nur ein Scheißvater.

Bov Bjerg in "Serpentinen"

Dass man den eigenen Erfahrungen kaum Entkommen kann, spiegelt Bjerg auch formal, indem er in kurzen Absätzen Gegenwart und Vergangenes ineinander übergehen und verschiedene Motive immer wieder auftauchen lässt in diesem rhythmisch komponierten, poetisch dichten Text.

Bov Bjerg
Der Schriftsteller Bov Bjerg hat 2004 den MDR-Literaturpreis gewonnen. Bildrechte: imago/Horst Galuschka

Absolute Dunkelheit

Mit "Serpentinen" wag sich Bjerg tief hinein in die fensterlose Kammer, die den depressiven Frieder im Auerhaus noch in Panik versetzt hat und es ist manchmal schwer erträglich, dass tatsächlich kein Lichtstrahl durchzudringen scheint. So tief ins Herz der Finsternis vorzustoßen ist auch erzählerisch ein Wagnis, das Bjerg aber in diesem beeindruckenden Buch überzeugend meistert, gerade weil er sich immer wieder bis an die Grenzen des Sagbaren vorwagt.                                 

Angaben zum Buch Bov Bjerg: "Serpentinen"
Roman
272 Seiten, 22 Euro
ISBN-13 9783546100038
Ullstein Verlag

Über Bov Bjerg

Der 1965 im schwäbischen Heiningen geborene Schriftsteller und Kabarettist Bov Bjerg heißt eigentlich mit bürgerlichem Namen Rolf Böttcher. Er hat Politik und Literaturwissenschaften studiert und auch das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig absolviert. Bjerg schreibt für Satirezeitschriften und ist Mitbegründer verschiedener Lesebühnen wie "Heim und Welt". Mit seinem Roman "Auerhaus" gelang ihm 2015 der literarische Durchbruch.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Februar 2020 | 07:10 Uhr

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