Premiere von "Once upon a time"
Brad Pitt gehört mit zu Hollywoods Superstars. Bildrechte: Getty Images

Interview zu "Ad Astra" Brad Pitt: "Früher wäre ich noch nicht reif für diese Rolle gewesen"

Gerade erst war Brad Pitt als Cliff Booth an der Seite von Leonardo DiCaprio in Quentin Tarantinos "Once Upon A Time in Hollywood" zu sehen, da ist er schon auf dem Weg zum Neptun – um in James Grays Science-Fiction-Drama "Ad Astra" seinen verschollen geglaubten Vater zu finden. Im Interview erklärt er unter anderem, warum "Ad Astra" eine seiner bisher größten Herausforderungen in seiner Karriere gewesen ist und wie der Film seinen Blick auf die Männlichkeit verändert hat.

Premiere von "Once upon a time"
Brad Pitt gehört mit zu Hollywoods Superstars. Bildrechte: Getty Images

MDR KULTUR: Mister Pitt, Sie sind das Gesicht des Films "Ad Astra", sind in fast jeder Szene zu sehen. Wie groß war die Herausforderung, die Balance zu schaffen, einmal so präsent zu sein und dann auch noch weite Teile des Films über allein.

Brad Pitt: Glauben Sie mir, das war nicht leicht. "Ad Astra" ist ein Film über die Unfähigkeit eines Mannes, mit anderen zu kommunizieren. Dadurch, dass er so oft allein ist, wird das zwar klar. Aber er braucht auch ein Gegenüber, mit dem er eben nicht kommuniziert, nicht kommunizieren kann. Einen Kommunikations-Gegenpol. Ich musste gerade in meine Einzelszenen sehr viel Ausdruckskraft legen und war meist damit beschäftigt, Schwerelosigkeit zu simulieren.

Was hat Ihnen geholfen?

Das ganze Setting darum herum. Nehmen wir zum Beispiel die lange Fahrt zum Neptun. Da ist meine Figur über 80 Tage allein. Diese Einsamkeit haben wir versucht über die Umwelt zu spiegeln. Die Geräuschkulisse im All, die Musik.

Szenenbild aus dem Film "Ad Astra" mit Brad Pitt.
Im Film "Ad Astra" spielt Pitt einen Astronauten. Bildrechte: Twentieth Century Fox

Würden Sie sagen, "Ad Astra" war die bisher größte Herausforderung ihrer Karriere?

Die Rolle nicht, aber der ganze Film schon. Ich spiele ja nicht nur, ich bin auch einer der Produzenten. Das war nicht einfach, erstmal überhaupt das Geld zu bekommen. Und dann die Fertigstellung. Nehmen wir als Beispiel einfach mal den Schnitt. Wir mussten extrem darauf achten, wo wir uns im All gerade befinden, welcher Grad von Schwerelosigkeit herrscht, damit alles stimmig ist. Wie viel Off-Kommentar verträgt der Film, wie viel Musik. Wir waren oft an der Schwelle zum Kitsch und mussten unsere Strategie ein ums andere Mal überdenken.

Sie sind jetzt Mitte Fünfzig. Hätten Sie vor zehn oder zwanzig Jahren die Rolle schon spielen können?

Definitiv nein. Denn früher wäre ich noch nicht reif genug für solch eine Rolle gewesen. Ich glaube auch, dass junge Zuschauer den Film nicht richtig verstehen werden. Man braucht eine gewisse Reife und muss Verletzungen im Leben erfahren haben, um zu wissen, was Verlust bedeutet. Vielleicht auch der Verlust der eigenen Kinder.

Was haben Sie durch den Film über sich gelernt?

Der Regisseur des Films "Ad Astra" James Gray bei der Premiere in Venedig.
James Gray ist Regisseur von "Ad Astra" und seit Jahren mit Pitt befreundet. Bildrechte: Twentieth Century Fox

Der Regisseur James Gray und ich sind seit 1995 miteinander befreundet und reden sehr offen miteinander. Der Film gab uns die Möglichkeit unsere Freundschaft zu vertiefen. Und gewisse Themen anzusprechen, die uns beiden wichtig sind. Männlichkeit zum Beispiel. Und dass es eben nicht männlich ist, seine Gefühle zu verstecken, sondern das Reden darüber wichtig ist.

Wie hat der Film ihren Blick auf Männlichkeit verändert?

Für die damalige Zeit waren meine Eltern eine Art Pioniere. Sie waren sehr ländlich eingestellt, haben mich so erzogen, mich nie zu beschweren. Wenn ich mir den Arm gebrochen oder das Knie aufgeschürft haben, musste ich damit klarkommen, einfach weitermachen. Ich habe die Zähne zusammengebissen und den Schmerz irgendwann nicht mehr gespürt. Darin liegt ein Wert, sie wollten aus mir einen echten Mann machen. Zeig keine Schwäche, sei immer stark, versuche respektiert zu werden. Bis zu einem gewissen Grad gehe ich da mit. Aber eben nur bis zu einem gewissen Grad.

Wo ist für Sie Schluss?

Ich habe mit der Zeit zum Glück gelernt, dass es nicht schlimm ist, auch mal Schwächen zu zeigen. Mit einem gebrochenen Arm kann man einfach nicht einfach so weiter machen wie vorher. Das liegt auf der Hand. Aber schwieriger wird es mit Gefühlen oder mit Selbstzweifeln. Das sind Dinge, die man erstmal mit sich selbst ausmachen muss. Wenn man das nicht zulässt, dann verleugnet man sich selbst. Um ein guter Partner zu sein, ein guter Vater, muss man offen sein und Schwächen zeigen dürfen. Nur wer zu sich selbst fair ist, kann auch zu anderen fair sein. Für mich gibt es kein Dazwischen.

Erinnern Sie sich an das größte Abenteuer Ihres Lebens?

Das Leben an sich ist doch schon ein Abenteuer, oder? Aber wenn ich mich auf eines festlegen muss, dann wohl mein Umzug aus meiner Heimat, den Ozarks, nach Los Angeles. Das war auf jeden Fall ein großer Schritt ins Ungewisse. Ich habe mein Auto mit meinen wenigen Habseligkeiten vollgeladen und bin einfach Richtung Los Angeles losgefahren. Ich kannte dort niemanden und hatte knapp 325 Dollar in der Tasche. Das war und ist noch immer ein Abenteuer. Genau wie Vatersein. Denn da wird man wirklich getestet.

Warum lag Ihnen der Film so am Herzen, dass Sie ihn auch produziert haben?

Szenenbild aus dem Film "Ad Astra" mit Brad Pitt.
Brad Pitt produzierte bereits einen von Grays früheren Filmen. Nun auch "Ad Astra". Bildrechte: Twentieth Century Fox

Ich gehe da immer nach meinem Bauchgefühl, verlasse mich auf meine Instinkte. Ich bin da ganz ähnlich wie Cliff Booth in "Once Upon A Time in Hollywood". Ich nehme Gelegenheiten, die sich ergeben mit, ohne groß darüber nachzudenken. James Gray und ich wollten schon immer mal gemeinsam einen Film machen. Seinen letzten Film "Lost City of Z" habe ich produziert. Ich habe ihm einfach vertraut, denn wir wussten beide nicht so richtig, wie groß oder klein dieser Film werden wird. Und um ehrlich zu sein, wissen wir es immer noch nicht.

Ihre Figur im Film flieht in den Weltraum. Irgendwann wird uns vielleicht nichts anderes mehr übrig bleiben, denn wir sind gerade dabei, unseren Planeten zu zerstören. Was können wir tun um unseren Planeten zu schützen?

Nehmen wir einfach mal den brennenden Regenwald. Ich weiß nicht genug über Politik, aber ich bin mir sicher, dass wir uns alle, die ganze Weltgemeinschaft, sehr große Sorgen machen und unbedingt handeln sollten. Der Amazonas ist unsere grüne Lunge, die Klimaanlage der Erde. Wir sollten das nicht als gegeben hinnehmen.

Seien wir mal optimistisch und gehen davon aus, dass es auch in 20 Jahren noch eine Erde geben wird – und Kino. Wird es dann aber noch Filme wie "Ad Astra" oder "Once Upon a Time in Hollywood" geben?

Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es. Die Frage ist eher, ob wir noch ins Kino gehen oder alle Filme zuhause auf dem Sofa gucken. Die meisten Filme sind durch die Marketingkampagnen so teuer geworden. Das ist vielen Studios oft zu riskant geworden. Deswegen verschwindet eine gewisse Art von Filmen, mit einer gewissen Größe, zu den Streaminganbietern. Das Risiko verlagert sich. Ich habe das große Glück, beides angeboten zu bekommen. "Once Upon A Time in Hollywood" war der einzige Film diesen Sommer, der nicht auf einer Comicvorlage basierte oder eine Fortsetzung war.

Sie haben noch nie Interesse daran gezeigt, in einem Superheldenfilm mitzuspielen. Kommt das noch?

Gott bewahre. Ich kann damit nicht so viel anfangen. Ich war auch nie der Star-Wars-Typ. Selbst als Kind war ich von der klassichen "Gut gegen Böse"-Geschichte gelangweilt. Ich mochte "Alien". (lacht)

Schauspieler Brad Pitt bei der Premiere zu "Ad Astra" in Venedig.
Brad Pitt ist nicht nur Schauspieler, sondern produziert selbst seit mehreren Jahren Filme. Bildrechte: Twentieth Century Fox

Das Interview führte Filmkritikerin Anna Wollner für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Filmstarts der Woche | 19. September 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. September 2019, 04:00 Uhr

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