Neues Theater Halle
In Halle ist derzeit viel Theater – auch außerhalb der Bühnenräume Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Aufsichtsratssitzung am Freitag Bühnen Halle – Tag der Entscheidung?

Die halleschen Bühnen machen seit längerer Zeit Schlagzeilen, auch in dieser Woche. Intendanten, Kulturbürger, Betriebsrat und das Schauspielensemble - alle positionieren sich vor der Sitzung des Aufsichtsrates der Theater, Opern und Orchester GmbH - kurz TOOH, die für heute Nachmittag anberaumt ist. Worum es dabei geht, hat MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky noch einmal zusammengefasst.

Neues Theater Halle
In Halle ist derzeit viel Theater – auch außerhalb der Bühnenräume Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Schauspielchef Matthias Brenner hatte dem Aufsichtsrat ein Ultimatum gestellt. Ich oder Er - so könnte man die Sache zuspitzen. Mit Er ist der Geschäftsführer der TOOH, Stefan Rosinski, gemeint.

In einer "Stellungnahme zur kommenden Aufsichtsratssitzung", die Brenner am Mittwoch veröffentlicht hat, spricht er von "unwürdigen Zuständen" am Haus. Brenner hatte Rosinski in einem Interview auf MDR KULTUR unter anderem Mobbing vorgeworfen. Geschäftsführer Rosinski wies im Gespräch mit MDR KULTUR diese Mobbingvorwürfe zurück.

Der Schauspieler Matthias Brenner schaut in die Kamera.
Matthias Brenner, Intendant am Neuen Theater in Halle Bildrechte: dpa

In einem anderen Fall, der ebenfalls Mobbingvorwürfe beinhaltet, sieht der Betriebsrat der TOOH den Betriebsfrieden "massiv gefährdet". Das läge an der befremdlichen, öffentlichen Darstellung des Geschäftsführers. "Wir haben kein Verständnis, warum sich Stefan Rosinski an der unsachgemäßen Berichterstattung beteiligt, anstatt zur sachlichen Darstellung beizutragen", schreibt der Betriebsrat in einer Pressemitteilung vom 6. April. Er wertet den Mobbingvorwurf als "schwerwiegend" und fordert Aufklärung.

"Betriebsklimakatastrophe"

Auch die Schauspieler, die Ensembles von Neuem Theater und Thalia Theater, äußern sich zur "Betriebsklimakatastrophe". In einem Brief vom 8. April zeigen sich die Ensembles "massiv irritiert über das destruktive Potential der Geschäftsführung". Zusammenarbeit werde "destabilisiert". Der Deutsche Bühnenverein solle zwischen Geschäftsführung, künstlerischer Leitung und Aufsichtsrat als schlichtende Instanz vermitteln.

"Den Konflikt um die TOOH wird der Deutsche Bühnenverein nicht lösen können – dazu sind wir alle aufgerufen", schreibt Rosinski in seiner "Offenen Antwort" auf den Brief der Ensembles. Er sei "sehr besorgt über den Gang der Entwicklung", weist aber die Kritik des "destruktiven Potentials der Geschäftsführung" als unkonkret zurück.


Am 22. Februar entschied der Aufsichtsrat, den Vertrag von Opernintendant Florian Lutz nicht verlängern zu wollen. Einen Tag später schrieb Regine Müller in einem Kommentar im Internet-Theaterportal nachtkritik, dass Rosinskis Machtpoker Ressentiments wecken würde, und benannte dann "AfD-Sympathisanten" im Orchester.  Damit sei die "rote Linie erreicht" gewesen, erklärt Juliana da Costa José. Sie ist Kulturmanagerin, Künstlerin und arbeitet als persönliche Referentin eines renommierten Ex-PR-Managers. Sie kennt Rosinski seit zwei Jahren. Im Interview mit MDR KULTUR erklärt sie:  "Rosinski war schon lange von seinem privaten Umfeld dazu gedrängt worden, sich selbst um seine öffentliche Darstellung zu kümmern." Da Costa Josés Chef, der Ex-PR-Manager, sei dann gefragt worden, ob er helfen könne. So kam sie ins Spiel.

Spätestens am 23. Februar 2019 sei das öffentliche Bild Rosinskis "komplett kaputt" gewesen, nachdem der halleschen Staatskapelle die schon erwähnte AfD-Zugehörigkeit unterstellt worden sei. Im März hatte da Costa José eine befristete Anstellung für zwei Monate in der Öffentlichkeitsabteilung der TOOH aufgenommen. Sie sollte sich u. a. um Social Media kümmern, das Bild der TOOH in der Öffentlichkeit analysieren und Verbesserungsvorschläge machen. Aber nach drei Tagen bat sie um Vertragsauflösung, weil Arbeitsmittel nicht funktionierten und ein Nacktfoto von ihr unter Theatermitarbeiten kursierte. Da Costa José erhob daraufhin Mobbingvorwürfe. Schon vor ihrer Anstellung, am 7. Februar 2019, hatte sie den Wikipedia-Artikel für Stefan Rosinski angelegt, und Wikipedia-Artikel über Matthias Brenner und Florian Lutz geändert. Über Stefan Rosinski sagt sie: "Wenn dann auch noch ein Geschäftsführer hinkommt, der kein wirkliches Feingefühl hat, was Menschen angeht, sondern wie ein Baggerführer vorgeht, dann zerstört er solche sensiblen Strukturen ganz vehement."

Provinzposse oder relevanter Theaterstreit?

Hallenser Bürger weisen in einem offenen Brief vom 2. April an den Aufsichtsrat der TOOH drauf hin, dass sich die Bilder mit Blick auf Rosinskis letzte drei Arbeitsstellen gleichen. Als Generaldirektor der Stiftung Oper in Berlin habe es ein "völliges Zerwürfnis mit dem Regierenden Bürgermeister" gegeben; in Rostock, wo Rosinski ebenfalls als Geschäftsführer am Volkstheater engagiert war, hätte er zwischen 2011 und 2016 ein "völliges Durcheinander bei der Neustrukturierung der Theaterszene" hinterlassen.

Stefan Rosinski, 2016
Stefan Rosinski, Geschäftsführer der Bühnen Halle Bildrechte: dpa

Schon im Sommer 2017 erklärte Antje Jonas, die Vorsitzende des Rostocker Theaterfördervereins, gegenüber MDR KULTUR, "Das von Rosinski formulierte Hybridmodell zum strukturellen Umbau des Rostocker Vier-Sparten-Theaters in ein Musiktheater- und Opernhaus war vermutlich mehr von eigenen Ambitionen als Opernregisseur getragen als von der realistischen Einschätzung der Gegebenheiten vor Ort."

Seit August 2016 ist Rosinski Geschäftsführer der Bühnen Halle. Unterm Strich hat sich hier in den letzten Monaten und Jahren viel Ärger angestaut. Im Ergebnis dürfte auch viel Zeit in einem Betrieb verloren gegangen sein, der offenkundig nicht mehr rund läuft. Dadurch bleibt weniger Zeit für die künstlerische Arbeit.

Der Druck auf den Aufsichtsrat der TOOH ist also groß. Nach Informationen, die MDR KULTUR vorliegen, soll es in der Sitzung am Freitagnachmittag vor allem um einen Antrag gehen. Er soll fordern, den Geschäftsführer zu beurlauben, bis Vorwürfe bzw. auch Verfahren, die im Raum stehen und derzeit in Gang sein sollen, geklärt sind. In einem Fall wird dem Geschäftsführer vorgeworfen, ein Tondokument mit brisantem Inhalt innerhalb der TOOH weitergeleitet zu haben.

Mehr zum Bühnenstreit in Halle

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. April 2019 | 07:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. April 2019, 07:09 Uhr

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