Bret Easton Ellis
Bret Easton Ellis Bildrechte: dpa

Ein Schriftsteller betrachtet sein Land Bret Easton Ellis ist genervt von der Trump-Hysterie

Der amerikanische Autor Bret Easton Ellis gilt seit seinem dritten Roman "American Psycho" als Skandalautor. Darin ging es um den Soziopathen Patrick Bateman und ist eine Analyse der materialistischen 90er-Jahre in den USA. Mit großen Abständen legte er weitere Romane vor wie "Glamorama" oder "Lunar Park. Zuletzt schrieb Ellis Drehbücher und meldete sich hauptsächlich über Twitter. Mit "Weiss" legt Ellis nun nach ca. 10 Jahren wieder ein Buch vor: Es geht um ihn und die böse Gesellschaft.

von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Bret Easton Ellis
Bret Easton Ellis Bildrechte: dpa

Bret Easton Ellis hat die Nase gestrichen voll. Anders allerdings als zu Zeiten von "American Psycho", an die er sich nur bruchstückhaft erinnert, was natürlich auch mit der Nase zu hat. Ellis ist genervt von der Trump-Hysterie, die besonders die intellektuelle Linke der USA beherrscht. Kein Abendessen, keine Party, wo der Trump-Schock nicht zur Sprache kommt. Ellis' jüngerer Lebensgefährte hat nach der Wahl die gemeinsame Wohnung kaum verlassen, ist äußerlich verwahrlost. Trump, so scheint es, ist die zweite amerikanische Tragödie des 21. Jahrhunderts nach 9/11. Ellis, der sich schon für "American Psycho" mit Trump beschäftigt hat, und diesen ungefähr 40 Mal im Roman erwähnt, bittet seine Landsleute, die Füße still zu halten. Der Kerl ist nun mal gewählt, da müsse man jetzt durch, Hillary wäre nicht besser gewesen. Danach sind die Gespräche meist vorbei, obwohl Ellis selbst gar nicht zur Wahl gegangen ist. Es ist wie damals bei "American Psycho":

Auszug aus "Weiss": "Während und nach der Kontroverse, die der Roman erzeugte, sprach ich nicht darüber; erst in den letzten Jahren habe ich zugegeben, dass Patrick Bateman auf verschiedenen Ebenen mich repräsentierte, jedenfalls solange ich an dem Buch schrieb. Wir teilten eine illusorische und distanzierte Beziehung zu einer Welt, die uns anwiderte, und doch wollten wir beide eine Verbindung zu ihr herstellen. Wir ekelten uns vor der Gesellschaft, die uns geschaffen hatte, leisteten Widerstand gegen das, was von uns erwartet wurde, und der Gedanke, dass es keinen Ausweg gab, machte uns wütend."

Der Roman als literarische Form interessiert Ellis nicht mehr

Diese Haltung ist geblieben, auch wenn Bret Easton Ellis der Roman als literarische Form inzwischen nicht mehr interessiert. Das hat für ihn mit der veränderten Wahrnehmung und Bedeutung von Kunst in der Gegenwart zu tun.

 Auszug aus "Weiss": "Aber inzwischen beschäftigen Romane die Öffentlichkeit, das Publikum, nicht mehr so. Ebenso hat die Idee vom großen amerikanischen Hollywoodfilm oder der großen amerikanischen Band kleineren, engeren Vorstellungen Platz gemacht. Durch den Überfluss an Sinnesreizen und die angebliche Wahlfreiheit, die uns von der Technologie zur Verfügung gestellt werden, und kurz gesagt die Demokratisierung der Künste, ist alles herabgestuft worden."

Die verheerenden Folgen der sozialen Medien

Im Zentrum dieses Memoirs stehen die verheerenden Folgen der sozialen Medien. Bret Easton Ellis holt groß aus, spricht über Filme, Schauspieler, Musik und Lebensstil. Über sein gespaltenes Verhältnis zum Autor David Foster Wallace, der nach seinem Tod eine Art Heiligsprechung erfuhr. Er erzählt von seinem eigenen Podcast, den er seit ein paar Jahren betreibt, von Shitstorms, die ihn auf Twitter erreichen, wenn er sich mal wieder nicht an die Richtlinien der Political Correctness gehalten und Meinungsfreiheit propagiert hat.

Auszug aus "Weiss": "Wenn alle
sich als Spezialisten ausgeben, deren Stimme gehört zu werden verdient, dann verliert die Stimme jedes Einzelnen an Bedeutung. Wir haben uns bloß in die Falle gelockt – um etwas verkauft zu kriegen, kategorisiert, zum Ziel erkoren, unserer Daten beraubt zu werden. Aber das ist die logische Endstufe der Demokratisierung der Kultur und des gefürchteten Inklusionskults, der darauf pocht, dass alle sich dem gleichen Regelwerk unterwerfen: einem Mandat, das uns allen diktiert, wie wir uns ausdrücken und verhalten sollen."

In der Welt der Likes verschwinden Diskurs und Disput

Buchcover - Bret Easton Ellis: Weiss
Buchcover von "Weiss" Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

In einer Welt der Likes, in der es nur noch ums Mögen und Gemochtwerden geht, verschwindet jede Form von Diskurs und Disput. Künstlerische Freiheit ist der Erregung und dem Beleidigtsein gewichen. Und da ist Ellis in seinem Element. Gerade ist er mit "Weiss" auf Tour in den USA und hat in einem Interview der New York Times die Attacken seines Buches nochmal kurz zusammengefasst. Es gab heftige Reaktionen. Schon der Titel "Weiss" ist feine Ironie, da dieses Wort in jüngster Vergangenheit ja nur noch im Plural verwendet wird - verbunden mit den Worten "Alte" und "Männer". Und genau diesen Vorwurf bekommt Ellis prompt. Besonders wenn er sich über die Millenials, also die um die in der Jahrtausendwende Geborenen, auslässt, gerät er unter Feuer.

Auszug aus "Weiss": "Ich hatte meine Belustigung und Verzweiflung in den letzten Jahren gelegentlich per Tweet unter dem Stichwort »Generation Weichei« kundgetan. Meine groben Verallgemeinerungen bezogen sich auf die Übersensibilität der Millennials, ihre Anspruchshaltung, ihr Beharren darauf, immer recht zu haben, manchmal trotz überwältigender gegenteiliger Beweislage, ihre Weigerung, irgendetwas im Kontext zu betrachten, ihre gleichzeitige Tendenz zur Überreaktion und passiv-aggressiver Positivität. Aus diesen Kindern konnten sicher Erwachsene werden, die zwar sehr selbstbewusst, kompetent und optimistisch wirkten, aber beim kleinsten Anflug von Düsternis oder Negativität oft wie gelähmt waren und nur mit Fassungslosigkeit oder Tränen reagieren konnten – Du hast mich gerade diskriminiert! Und dann zogen sie sich im Grunde in ihre Kindheitsblasen zurück."

Wir bekommen viel Autobiografisches in diesem Memoir und noch mehr schonungslose Gegenwartsanalyse. Gut, dass Bret Easton Ellis noch da und bei klarem analytischem Verstand ist.

Informationen zum Buch: Bret Easton Ellis: "Weiss"
aus dem amerikanischen Englisch von Ingo Herzke
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch
320 Seiten, 20,00 €
ISBN: 978-3-462-05351-7

Sachbücher zur Gesellschaft

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Mai 2019 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2019, 04:00 Uhr