Brigitte Reimann
Brigitte Reimann wurde am 21. Juli 1933 in Burg bei Magdeburg geboren und starb am 20. Februar 1973 in Ost-Berlin. Bildrechte: DRA

Neuerscheinung zum 85. Geburtstag Brigitte Reimanns faszinierende Geschwisterbriefe

Die Schriftstellerin Brigitte Reimann starb mit 39 Jahren früh an den Folgen ihrer Krebserkrankung. Ihr Schaffen wirkt jedoch bis heute. Am 21. Juli wäre die Autorin von "Franziska Linkerhand" 85 Jahre alt geworden. Wie umfassend und bedeutsam ihr Werk ohne ihren frühen Tod gewesen wäre, mag man nur erahnen. Nun sind unter dem Titel "Post vom schwarzen Schaf" die Briefwechsel mit Reimanns drei Geschwistern erschienen, die ihr Werk und Leben aus einem anderen Blickwinkel beleuchten.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Brigitte Reimann
Brigitte Reimann wurde am 21. Juli 1933 in Burg bei Magdeburg geboren und starb am 20. Februar 1973 in Ost-Berlin. Bildrechte: DRA

Der Briefwechsel zwischen Brigitte Reimann und ihren Geschwistern ist gerade im Aufbau Verlag erschienen. Am 21. Juli wäre die Schriftstellerin 85 Jahre alt geworden. Sie starb mit nur 39 Jahren früh und hat trotzdem, oder gerade deswegen, bis heute ihren festen Platz in der deutschen Literaturlandschaft. Nach der Wiedervereinigung wurden die Bücher der ostdeutschen Autorin neu aufgelegt, ihre Tagebücher wurden zu Bestsellern und nach und nach wurden auch die umfangreichen Briefwechsel herausgegeben. Denn die Reimann hat unermüdlich geschrieben, an ihre Eltern, an ihre Geliebten, an ihre Freundin Christa Wolf. Und auch an ihre drei Geschwister. Der Briefwechsel zwischen ihnen und Reimann ist gerade erschienen.

Eigene Biografie wirkt in Reimanns Schaffen

Brigitte Reimann - Post vom schwarzen Schaf. Geschwisterbriefe
Die "Geschwisterbriefe" Reimanns sind im Aufbau Verlag erschienen Bildrechte: Aufbau Verlag

"Die Geschwister" heißt eine 1963 erschienene Erzählung von Brigitte Reimann über Elisabeth und Ulrich. Während Ulrich die DDR Richtung Westen verlassen möchte, will Elisabeth ihn mit allen Mitteln davon abhalten. Wie nah diese Geschichte am wahren Leben der Schriftstellerin ist, beweist nun der Briefwechsel Brigitte Reimanns mit ihren eigenen Geschwistern. Heide Hampel und Angela Drescher haben ihn unter dem Titel "Post vom schwarzen Schaf" herausgegeben.

Die Reimann-Geschwister, das sind Ulrich, Ludwig und Dorothea, alle jünger als Brigitte und alle besonders eng mit einander verbunden. Im echten Leben ist es jedoch nicht Ulrich, der das Land verlässt, sondern Ludwig, den alle nur Lutz nennen. 1960 geht er nach Hamburg und schreibt im Jahr des Mauerbaus, im Februar 1961, an seine große Schwester: "Ein Idealstaat ist das hier nicht, aber mit der sogenannten DDR schon nicht mehr zu vergleichen. Wir sind über die schwersten Hürden hinweg und möchten nun auf keinen Fall zurück. Nur gut, dass wir gegangen sind. Ich hoffe, wir werden bald Gelegenheit haben, über tausend Dinge uns gegenseitig die Köpfe heiß zu reden. Nur noch soviel: ich schließe mich voll und ganz der Ansicht Nehrus an. Einen guten Zweck kann man nicht mit schlechten Mitteln erreichen. Manchmal packt einen die kalte Wut, wenn man bedenkt, wie man die Jugend drüben zu belügen versucht und ihre Ideale missbraucht."

Persönliche Dissonanzen und Harmonien

Brigitte Reimann an Bord eines Schiffes auf einem sibirischen See
Reimanns Roman "Franziska Linkerhand" erschien unvollendet nach ihrem Tod Bildrechte: Thomas Billhardt

Die von dem Bruder angesprochenen Ideale verfolgt auch Brigitte Reimann lange. Sie führen zu erbitterten Wortgefechten und langem Schweigen zwischen Bruder und Schwester. Doch fünf Jahre später, 1966, schreibt die Schriftstellerin ernüchtert an Lutz: "Weißt du, manchmal in letzter Zeit spüre ich, was für eine Kluft zwischen unseren Büchern und dem Leben klafft: wir leben nämlich in einem ungeheuer aufregenden Lande, man ist nur ewig in Gefahr, große Prozesse aus dem Auge zu verlieren, weil sie sich im Alltag als eine Kette von kleinen Freuden, kleinen Ärgernissen darstellen. Manches, was hier vorgeht, ist viel kühner und fantastischer als in unseren Schreibereien, manches viel gefährlicher und bedrückender."

Obwohl man über politische Fragen nicht immer einer Meinung ist, zeugen die Geschwisterbriefe der Reimanns von einem ungewöhnlich warmherzigen Band innerhalb der Familie. Alle Schicksalsschläge, alle Geburten, Trauerfälle und nicht zuletzt alle Neuerscheinungen der schreibenden Schwester werden gemeinsam durchlebt.

Selbsternanntes schwarzes Schaf der Familie

Der Schreibtisch von Brigitte Reimann
Brigitte Reimanns Schreibtisch in ihrem ehemaligen Wohnhaus in Neubrandenburg mit einem Porträt der Schriftstellerin. Bildrechte: dpa

Dass die Briefe tatsächlich etwas erzählen vom Leben und Denken ihrer Verfasser, von Sorgen und Nöten wie vom kleinen Glück in einem engen Land, das macht sie so eindrucksvoll. Und auch, wie der bedingungslose familiäre Zusammenhalt immer wieder zum Rettungsanker wird, vor allem für das selbsternannte schwarze Schaf der Familie, die kinderlose und ruhelose Schriftstellerin. So schreibt die von Krankheit und Liebeskummer gezeichnete Brigitte Reimann 1969 an ihren Bruder Ulrich und dessen Frau Sigrid: "Liebe Sigrid, lieber Uli, habt herzlichen Dank für euren lieben Brief. Es ist tröstlich, zu wissen, dass man nicht allein ist, wenn man Kummer hat und notfalls seine Geschwister um Hilfe anrufen kann. Natürlich habt ihr recht: andere Mittel als die Zeit und die Arbeit gibt es nicht. Wenn nur erst eine lange Spanne Zeit vergangen wäre … Und unsere Arbeit ist ja leider auch dazu angetan, einen in Grübelstimmung zu versetzen. Mir graut schon beim Gedanken daran, dass ich irgendwann wieder an mein Buch gehen muss."

Obwohl vermutlich nie zur Veröffentlichung gedacht, handeln die Geschwisterbriefe der Reimanns nicht nur von Familienbanden, sondern führen weit über sie hinaus. Tatsächlich hat man es hier mit einer deutsch-deutschen Mentalitätsgeschichte der 1960er- und 1970er-Jahre zu tun. Und während sich mit "Post vom schwarzen Schaf" also weit mehr als eine außergewöhnliche Schriftstellerin wieder und neu entdecken lässt, steht unweigerlich eine Frage im Raum: Was geht wohl alles verloren in einem Zeitalter, in dem kaum noch einer Briefe schreibt?

Angaben zum Buch Brigitte Reimann: "Post vom schwarzen Schaf. Geschwisterbriefe"
Herausgegeben von Heide Hampel und Angela Drescher
416 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-351-03736-9
Aufbau Verlag

Über Brigitte Reimann Die Schriftstellerin Brigitte Reimann kam am 21. Juli 1933 in Burg zur Welt und starb am 20. Februar 1973 in Berlin an Krebs. Reimann war zunächst vom Sozialismus überzeugt, gewann dann aber zunehmend Distanz zum SED-Regime. Sie veröffentlichte zahlreiche Erzählungen sowie den unvollständigen Roman "Franziska Linkerhand". Dieser wurde, genau wie ihre Tagebücher und einige Briefe, posthum veröffentlicht. Ihr bewegtes Leben wurde 2004 mit dem Titel "Hunger auf Leben" verfilmt, in der Hauptrolle Martina Gedeck.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Juli 2018 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Juli 2018, 12:49 Uhr

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