Theaterkritik Leider vergeigt: "Brüder und Schwestern" am DNT in Weimar

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Am Deutschen Nationaltheater in Weimar kam mit "Brüder und Schwestern" eine Romanadaption zur Uraufführung. Birk Meinhardts Familienchronik über den Zerfall einer DDR-Familie sollte als Theaterfassung zum 30. Jahrestag des Mauerfalls das deutsch-deutsche Verhältnis in der Gegenwart ausloten. Ein Vorhaben, das mit dieser Inszenierung nicht gelingt.

Szenenbild aus "Brüder und Schwestern" am DNT Weimar
"Brüder und Schwestern" am DNT Weimar Bildrechte: Candy Welz

Die Familienchronik "Brüder und Schwestern" am Deutschen Nationaltheater in Weimar erzählt von Vater, Mutter, zwei Söhnen und einer Tochter sowie einer Halbschwester, weil der Vater eine Freundin in Berlin hat. Das Stück fokussiert den Zerfall einer DDR-Familie: Der Vater ist Direktor einer Druckerei in einer Kleinstadt in Thüringen, die Mutter bleibt in der Inszenierung merkwürdig unterbelichtet – außer, dass sie nach dem Krieg von sowjetischen Soldaten vergewaltigt wurde, und sich am Ende der Geschichte das Leben nimmt.

Die drei ehelichen Kinder: Tochter Britta fliegt aus der Schule, weil sie ein staatsfeindliches Gedicht an die Wand geheftet hat und landet beim Zirkus als Akrobatin; Sohn Erik ist ein Verlierer-Typ, der von NVA über Stasi bis – nach der Wende: Handelsvertreter – alle Klischees bedienen darf; und Sohn Matti ist schließlich der Regime-skeptische Literat, der Haltung zeigt, der immer auch einen klugen Satz parat hat – etwa als Nachwende-Beobachtung: "Die Entwertung der Erinnerung ist schlimmer als die Entwertung des Geldes".

Zu kalkuliert und ausgedacht

Alles ziemlich klischeehaft – andere würden vielleicht sagen: künstlerisch verdichtet – aber für meinen Geschmack auch sehr kalkuliert und ausgedacht, was hier der Inszenierung zugrunde liegt. Allerdings wurde der Roman auch 2013 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert – das ist die andere Seite der Medaille.

Szenenbild aus "Brüder und Schwestern" am DNT Weimar
"Brüder und Schwestern" am DNT in Weimar Bildrechte: Candy Welz

Der Roman von Birk Meinhardt liegt in zwei Teilen vor: Teil 1, erschienen 2013, behandelt die Jahre 1973 bis zum Mauerfall; Teil 2, erschienen 2017, erzählt dann die Zeit weiter bis 2001. Diese Zweiteilung bedeutet in der Inszenierung ganz praktisch: vor und nach der Pause. Wobei hier eine starke Unwucht ins Spiel kommt. Vor der Pause wird quasi die DDR-Geschichte zwei Stunden lang erzählt; Nach der Pause bleiben etwa 20 Minuten für die Nachwende – diese Zeit wird hier auch gar nicht gespielt – sondern wie in einem Abspann beim Film quasi nur vorgetragen, dazu sitzen die Schauspieler an der Rampe und sprechen frontal ins Publikum.

Das eigene Ziel verfehlt

Und abgesehen davon, dass der Text hier auch wieder sehr viele Klischees bedient – und damit oberflächlich und immer noch wie zusammengesucht wirkt, frage ich mich als Zuschauer: Was soll mir diese merkwürdige Dramaturgie eigentlich sagen? Zwei Stunden DDR-Erinnerung; danach fast nichts mehr! Was soll dieses Erinnerungstheater ohne aktuelle Bezüge? Zumal dann, wenn die Spielzeit am DNT mit "Blühende Landschaften“ überschrieben ist und die selbstgestellte Aufgabe lautet – Zitat DNT: "Wir wollen herausfinden, in welchem Verhältnis sich das Deutsch-deutsche-Verhältnis im 30. Jahr des Falls der innerdeutschen Grenze befindet."

Szenenbild aus "Brüder und Schwestern" am DNT Weimar
"Brüder und Schwestern" am DNT in Weimar Bildrechte: Candy Welz

Vor dieser selbstgestellten Aufgabe ist das Ergebnis hier einfach nur belanglos – fast immer plakativ, manchmal auch albern und ein ziemlicher Klamauk, wenn plötzlich mit Federschmuck und Friedenspfeife hantiert wird, was wohl ironische Distanz und/oder zweite Ebene bedeuten soll, was dann aber wiederum auch nicht als Mittel durchgezogen wird.

Schauspieler bringen eigene Biografie ins Spiel

Die Schauspieler sind tatsächlich ein kleiner Lichtblick, weil es wiederum Spaß macht, zuzusehen, wie sich Sebastian Kowski als Vater und auch Lutz Salzmann als Dichtersohn hier zu dem Text verhalten – sie bringen ja eine eigene Ostbiografie mit ins Spiel – und ich hatte den Eindruck, dass sie deswegen den Text immer auch mit dem Selbst-Erlebten in Schwingung bringen. Wenn wir uns das Bühnenbild ansehen, dann behauptet das eine Probenatmosphäre, und die Schauspieler, die gerade nicht spielen, gucken den anderen immer zu – verhalten sich also zur Szene, kommentieren das, was die anderen spielen.

Szenenbild aus "Brüder und Schwestern" am DNT Weimar
"Brüder und Schwestern" am DNT in Weimar Bildrechte: Candy Welz

Allerdings fehlen hier neben Kowski und Salzmann gleichwertige Frauen – die beiden Schauspielerinnen sind hier jung – zu jung besetzt, sodass die ganze Geschichte, die hier seit 1976, seit der Biermann-Ausbürgerung, erzählt wird, ins Leere läuft. 1976 bis heute, das sind 43 Jahre – da wäre es konsequent und sinnvoll gewesen, eine Endfünfzigerin auf die Bühne zu stellen, die eben auch eigene Erlebniswelten mitbringt.

Witzigerweise – oder Ironie des internen Theaterbetriebs – kommt eine der Frauen, die Schauspielerin Isabel Tetzner, am kommenden Sonnabend mit einer Premiere raus, die trägt den Titel: "Oldtimer - als der Mauerfall, mein Ford Fiesta und ich 30 wurden" – und genau da geht es, wenn man sich das in der Ankündigung durchliest, und diesmal auch passgenau, um genau dieses Verhältnis von Spiel und Selbsterlebtem.

Auf der Mauer entsteht ein Bild

Die Bühne ist hinten von einem Stück Berliner Mauer begrenzt. Da flüchten auch die Schauspieler mal rüber. Und gucken dann vom Westen in den Osten. Und dann wird diese Mauer bemalt. Live-Painting sozusagen. Das ist ja gerade auch eine Mode, dass Maler Bühnenbilder machen – in Dresden ist es Tilo Baumgärtel, in Leipzig Titus Schade, oder auch Neo Rauch in Bayreuth.

Hier ist es der Maler Dieter M. Weidenbach, alte Leipziger Schule also, Meisterschüler von Willi Sitte. Er bemalt während des ganzen Stückes die Mauer im Hintergrund – links, in real-sozialistischer Malweise, erkennen wir als Vorbild Böcklins "Toteninsel". Der Tote ist hier ein Karl-Marx-Kopf, und Weidenbach schreibt darunter: "40 Jahre Sozialismus" – da ist also genau der Todeszeitpunkt markiert: nämlich 1989. Und ganz rechts malt Weidenbach eine Gesellschaft hin, die fratzenhaft daherkommt, geschminkt ist, Party macht – und die zentrale Figur sieht hier aus wie der Joker aus dem Batman-Film – da malt Weidenbach das neue Bauhaus-Museum in Weimar dazu – das erst in diesem Jahr eröffnet hat. Also auch wieder eine deutliche Zeitmarke.

Szenenbild aus "Brüder und Schwestern" am DNT Weimar
"Brüder und Schwestern" am DNT in Weimar Bildrechte: Candy Welz

Und zwischen 1989 links und 2019 rechts haben wir drei Farbflächen – vielleicht für die drei Jahrzehnte: Schwarz-Rot-Gold. Der Plan ist, dass Maler Weidenbach diese Fläche dazwischen bemalen wird – und natürlich ist das die eigentlich spannende Frage, was das sein wird? Möglicherweise gibt es dann am Ende eine Antwort. Aber das wäre dann ein Bild. Und ein Bild ist kein Theater. Deswegen ist die Inszenierung hier leider ziemlich vergeigt.

Mehr über "Brüder und Schwestern" Schauspiel nach dem Roman von Birk Meinhardt
Bühnenfassung von Christian Tschirner
Premiere: 10. November 2019

Regie: Hasko Weber
Dramaturgie: Beate Seidel
Darsteller: Sebastian Kowski, Philipp Otto, Lutz Salzmann, Nadja Robiné, Isabel Tetzner, Nahuel Häfliger, Dieter M. Weidenbach

Kommende Aufführungen:
13. November 2019, 20 Uhr
27. November 2019, 20 Uhr
15. Dezember 2019, 20 Uhr
12. Januar 2020, 18 Uhr

Aktuelle Theaterrezensionen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. November 2019 | 13:10 Uhr

Abonnieren