Bruno Ganz, 2017
Bruno Ganz Bildrechte: dpa

Zum Tod des Schauspielers Die Magie des Bruno Ganz

Bruno Ganz, 2017
Bruno Ganz Bildrechte: dpa

Der Schauspieler Bruno Ganz ist tot. Das teilte sein Management mit. Der Schweizer ist im Alter von 77 Jahren verstorben. Im Sommer 2018 wurde bei ihm Darmkrebs festgestellt. Ganz hat die deutschsprachige Film- und Theaterlandschaft maßgeblich geprägt. Filme wie "Der amerikanische Freund" oder "Der Untergang", in dem er Adolf Hitler spielte, erlangten internationale Aufmerksamkeit. Seine letzten Kinorollen waren 2018 in dem Lars-von-Trier-Film "The House That Jack Built" und "Der Trafikant" von Nikolaus Leytner. Der Theaterkritiker Thomas Irmer blickt im Gespräch mit Thomas Bille von MDR KULTUR auf das Lebenswerk des Schauspielers zurück.

MDR KULTUR: Bruno Ganz ist einer der ganzgroßen Schauspieler im deutschsprachigen Raum. Und das nicht erst seit gestern, sondern im Grunde genommen seit fast 50 Jahren. Das Interessante ist ja, dass Bruno Ganz sozusagen seine Ausbildung in der Schweiz genossen hat, dann aber nach Westdeutschland gegangen ist, zunächst nach Göttingen, dann 64 bis 69 an das Theater am Goetheplatz in Bremen, um dort mit einem gewissen Kurt Hübner und einem gewissen Peter Zadek zusammen zu arbeiten. Er hat Glück gehabt in seiner Schauspielerkarriere - kann man das so sagen?

Ja, er hat Glück gehabt und er hat früh bereits eine große Karriere antreten können. Ich würde diese Bremer Jahre ab 1964 unbedingt dazu zählen, wo eben dieser besagte Kurt Hübner als Intendant eine neue Truppe versammelte. Da war auch Jutta Lampe dabei, Peter Stein kam als Regisseur, Peter Zadek.

Dennis Hopper und Bruno Ganz, 1977
Bruno Ganz (r.) und Dennis Hopper 1977 in dem Film "Der amerikanische Freund" Bildrechte: imago/United Archives

Und mit Stein und Zadek hat er dann auch die ersten großen Erfolge gehabt, in Gestaltung von Goethes "Tasso" etwa oder im "Frühlingserwachen" oder als Franz Moor in einer legendären Inszenierung von den "Räubern".

Dass er eine besondere Sprechkultur mitgebracht hat, das kann man durchaus auch seiner Schweizer Herkunft zuschreiben. Schweizer wachsen ja gewissermaßen zweisprachig im Deutschen auf. Und das kann eben auch eine besondere Sprechkultur hervorbringen.

Und der Schweizer Dialekt wird grundsätzlich in Deutschland geliebt! Das ist sicherlich auch keine schlechte Voraussetzung, beim Publikum Erfolg zu haben. Was zeichnet ihn ansonsten als sprachintensiven, sprachgenauen Schauspieler aus? Denn er hat ja auch Höchstleistungen vollbracht, beispielsweise Faust I & II – schlappe 21 Stunden in der Inszenierung von Peter Stein. Das muss man erstmal leisten können!

Der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz (l) in der Rolle des Faust und Johann Adam Oest als Mephistopheles spielen während einer Probe zu Goethes Faust I und Faust II am Rande der Weltausstellung 2000 in Hannover.
Bruno Ganz (l) in der Rolle des Faust und Johann Adam Oest als Mephistopheles in Goethes Faust I & II bei der Weltausstellung 2000 in Hannover. Bildrechte: dpa

Genau, dieser Monumentalfaust auf der Expo, zunächst in Hannover, dann auch in Berlin und in Wien, das war natürlich eine physische Höchstleistung. Diese Rolle kann dafür stehen, wie sehr sich Bruno Ganz so als Ganzes praktisch in Rollen hineinbegeben konnte.

Er war insofern auch so ein Selbstverwandler als Schauspieler, der eine Rolle durchaus vollkommen von innen heraus gearbeitet hat. Das konnte man eigentlich immer wieder beobachten. Man kann es auch durch Vergleiche sehen. Dieser Faust ist eine ganz andere Person, als beispielsweise was er im "Himmel über Berlin" als Engel gespielt hat. Er hat eine große Palette gehabt.

Ja, und man hat ihm alles abgenommen. Ein schönes Beispiel in "Der Himmel über Berlin" macht uns Bruno Ganz den Engel – und in "Der Untergang" macht er uns den Führer. Ich war offen gestanden etwas skeptisch, als ich davon gehört habe. Ich bin immer noch skeptisch, nachdem ich es gesehen habe. Aber auf jeden Fall wurde er dafür geliebt und gefeiert – auch das phänomenal.

Bruno Ganz in seiner Rolle als Adolf Hitler in einer Szene des neuen Kinofilms - Der Untergang.
Bruno Ganz in seiner Rolle als Adolf Hitler in dem Kinofilm "Der Untergang" Bildrechte: dpa

Es war phänomenal. Es wurde viel diskutiert. Es war auch etwas Neues in der Hitler-Darstellung, zumindest im deutschen Film. Ihn nämlich so selbst, als kranken, gebrochenen, wahnsinnigen zu zeigen, das hat es eben vorher nicht gegeben. Da ging auch die Diskussion darüber, ob man das machen soll. Also sozusagen so eine Art schwache, kaputte Seite von Hitler zu zeigen. Aber das war eine höchst kunstvolle Gestaltung und sehr aussagekräftig. Harald Schmidt hat es dann satirisch auf den Punkt gebracht: "Besser als der Führer selbst."

Gut, den Satz kann man so stehen lassen. In Memoriam Harald Schmidt, der dann ja auch sein Glück auf der Theaterbühne gesucht und gefunden hat. Und dann eine ganz merkwürdige Rolle, als ob er es auch ein bisschen geahnt hat: Bruno Ganz als kluger Führer ins Totenreich in dem Film von Lars von Trier "The House that Jack Built". Inwiefern war das eine Rolle für Bruno Ganz?

Zwei Männer
Bruno Ganz (l.) und Matt Dillon in dem Lars-von-Trier-Film "The House that Jack Built" Bildrechte: Concorde Filmverleih GmbH/photo by Zentropa: Christian Geisnaes

Ja, das kann man jetzt durchaus als sein Denkmal bezeichnen. Lars von Trier ist ja hier so kontrovers diskutiert, aber eigentlich ist das ein absolutes Meisterwerk der Film-Weltkunst. Und es ist schön, da Bruno Ganz zunächst nur zu hören. Er ist so eine Art Erzählerstimme im ersten Teil des Films. Und dann wird er praktisch wie bei Dante in die Hölle zum Führer dieses Serienmörders, um den es in dem Film geht. Das ist einfach brillant und da sieht man auch nochmal, mit welcher Magie Bruno Ganz arbeiten konnte, auch in der Fremdsprache.

Man blickt zurück auf eine unglaubliche Karriere. Bruno Ganz ist seit 1996 auch Träger des Iffland-Ringes – es gibt nur ganz wenige Menschen, die diesen Ring tragen durften. Kann man sagen, mit Bruno Ganz stirbt auch einer der letzten Vertreter einer großen Theaterepoche, die es so nicht mehr gibt?

Anezka (Emma Drogunova), Franz Huchel (Simon Morzé), Sigmund Freud (Bruno Ganz)
Bruno Ganz als Sigmund Freud (r.) in dem Film "Der Trafikant" Bildrechte: Tobis Filmverleih

Ja, also, er war sozusagen auch das Gesicht einer Theaterepoche, nämlich dieses ganzen Aufbruchs des westdeutschen Theaters in den 60er- und 70er-Jahren. Es wird andere Theaterepochen geben, deswegen würde ich nicht sagen, das ist jetzt alles zu Ende.

Aber er war natürlich einer der ganz großen und hat den Iffland-Ring vermutlich jetzt nicht mehr weitergeben können. Das wird jetzt also anders geregelt werden müssen. Aber er hat alle bedeutenden Preise im Film und Theater bekommen, den Europäischen Filmpreis für das Lebenswerk, er war Ritter der Französischen Ehrenlegion, also da häufen sich die Preise auf jeden Fall.

Das Interview führte Thomas Bille für MDR KULTUR

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Februar 2019 | 12:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2019, 17:17 Uhr

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