Der Sänger und Songwriter Bryan Ferry steht im Londoner Palladium auf der Bühne. 2018
Bryan Ferry - der Sohn eines Bergarbeiters studierte später Kunst und wurde mit der Band "Roxy Music" bekannt. Bildrechte: imago/Matrix

Musik im Stil der 20er-Jahre Bryan Ferry ist inspiriert von seiner Filmmusik für "Babylon Berlin"

"Babylon Berlin" heißt die Krimi-Serie nach Volker Kutschers Roman "Der nasse Fisch", der Glanz und Scheitern der Weimarer Republik nachzeichnet. Fünf Titel des opulenten Soundtracks hat das Orchester des britischen Popstars Bryan Ferry zur Verfilmung beigesteuert. Die Serie sollte zur Inspiration seines neuen Albums "Bitter-Sweet" werden.

von Heidi Eichenberg, MDR KULTUR-Musikredakteurin

Der Sänger und Songwriter Bryan Ferry steht im Londoner Palladium auf der Bühne. 2018
Bryan Ferry - der Sohn eines Bergarbeiters studierte später Kunst und wurde mit der Band "Roxy Music" bekannt. Bildrechte: imago/Matrix

"Es hat keine Epoche gegeben, die sich nicht im exzentrischen Sinne modern fühlte und unmittelbar vor einem Abgrund zu stehen glaubte" wusste der deutsche Philosoph Walter Benjamin, der seine Schreibtätigkeit im Berlin der Zwanziger Jahre begann. Damals allerdings war das Lebensgefühl zwischen Gedächtniskirche und Kurfürstendamm noch geprägt vom Glanz der Ufa-Paläste der beginnenden Tonfilm-Ära, dem eleganten Theater Max Reinhardts und den Bars und Clubs des Berliner Broadways. Ehemalige Soldaten, Gigolos und künftige Filmsternchen zelebrierten in den Ballhäusern der Weltstadt den hedonistischen Tanz auf dem Vulkan.

"Babylon Berlin" heißt die Krimi-Serie nach Volker Kutschers Roman "Der nasse Fisch", die Glanz und Scheitern der Weimarer Republik nachzeichnet. Fünf Titel des opulenten Soundtracks hat das Orchester des britischen Popstars Bryan Ferry zur Verfilmung beigesteuert.

Bryan Ferrys Welt der Musik

Der britische Sänger Bryan Ferry lächelt während eines Interviews, 2010.
Bryan Ferry Bildrechte: dpa

Dass die Serie zur Inspiration für ein ganzes neues Album werden würde, hätte man fast ahnen können. Schließlich zieht sich die intensive Beschäftigung mit Pop-Klassikern, Jazzstandards oder Coverversionen wie ein roter Faden durch Bryan Ferrys Biografie.

Zunächst schlug sein Herz für R&B, Motown und Soul. Mit dem Art-Rock seiner Band "Roxy Music" stellte Bryan Ferry Anfang der 70er-Jahre zwar die Weichen für New Wave und New Romantic, übte sich aber auch in Rock'n'Roll, Nostalgie, Jazz und Kurt-Weill-Verehrung. Gleichzeitig erwies er den Klassikern der 30er-Jahre in Soloprojekten seine Referenz. Sein 1999 erschienenes Album "As Time Goes By" versah Titel der Swing-Ära mit modernem Schwung. Wie man Klassiker zeitgemäß auf Hochglanz poliert, gehört zu den größten Stärken des ehemaligen Kunststudenten aus dem britischen Newcastle.

Der langsame Charleston "New Town" bildet den Höhepunkt des Albums

Für sein neues Album "Bitter-Sweet" hat Bryan Ferry Roxy-Music-Hits und Songs wie "Alphaville", "Bitter-Sweet" oder "Dance Away" im Stil der 20er-Jahre aufgenommen. Und hier begegnen sie uns wieder: Helden der Nouvelle Vague mit Jean-Luc Godard, Ikonen wie Kurt Weill's Seeräuber-Jenny oder Legenden des frühen Ragtime-Jazz wie Scott Joplin. Tango, Swing und Charleston verbreiten bittersüße Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Dabei entsteht ein neuer, wenn auch rein akustischer Film, in dem das fabelhafte Bryan Ferry Orchestra die Hauptrolle spielt. Es lässt mit seinen Solisten den Jazz der 20er-Jahre wieder auferstehen.

Mit von der Partie sind zum Beispiel Robert Fowler oder Alan Barnes, der schon 1999 auf "As Time Goes By" mit dem Saxophon dabei war und 2001 als bester Instrumentalist des Jahres mit dem BBC Jazz Award ausgezeichnet wurde. Der Trompeter Enrico Tomasso erinnert mit seinen melodischen Figuren an den frühen Louis Armstrong, mit dem er schon zusammenspielte, als dieser 1968 zu Besuch in England war.

Bryan Ferry & His Orchestra
Bryan Ferry & His Orchestra: "Bittersweet"
Label: BMG Rights Management      
Bildrechte: BMG Rights Management



"New Town", das als langsamer Charleston einen Höhepunkt dieses Albums markiert, erinnert an die atemberaubende Schönheit des Klarinetten-oder Saxophonspiels des großen Sidney Bechet. In diesem Song ist auch Bryan Ferry in seiner Rolle als Sänger am stärksten präsent. Unverzichtbar ist sie auf dem Album nicht. Sie klingt eher wie ein einvernehmliches Mitschwingen im Wissen darum, dass die Vergangenheit einst Gegenwart war, so wie die Zukunft einst Vergangenheit sein wird. Denn eins ist unausweichlich: dass irgendwann alles bittersüße Erinnerung ist.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Album der Woche | 03. Dezember 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Dezember 2018, 04:00 Uhr

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