Literatur-Empfehlung "Winter" von Ali Smith: Jeder Satz ist wie eine wärmende Decke

Die englische Autorin Ali Smith hat jeder Jahreszeit einen Roman gewidmet. Nach "Herbst" ist mit "Winter" nun der zweite Band auf Deutsch erschienen. Wie für die Jahreszeit typisch geht es um Weihnachten, die Familie und das kleine Licht in der Dunkelheit. Der nächste Teil der Reihe soll bereits nächstes Jahr erscheinen – im Frühling.

Ali Smith
Die Schriftstellerin Ali Smith Bildrechte: imago/Italy Photo Press

Der Winter in Ali Smiths Roman ist alles andere als typisch. Es schneit nicht, stattdessen ist es viel zu warm, matschig und morastig. Schon der erste Hinweis auf die Krisen, die Ali Smith in "Winter" verhandelt. War der Vorgänger "Herbst" ein Buch, das sich vor allem mit den direkten emotionalen Folgen des Brexits beschäftigt hat, geht es in "Winter" um die Folgen der Flüchtlingskrise, um Trump und um die Gräben, die Großbritannien durchziehen. Die Beziehung zwischen Arthur, auch Art genannt, und seiner Freundin Charlotte zerbricht darüber: "Du hast gesagt, wir brauchen uns nicht verantwortlich zu fühlen, weil es ihre Entscheidung war, zu flüchten, als ihre Häuser niedergebrannt und zerbombt wurden, und noch einmal ihre Entscheidung, auf ein Boot zu steigen, das kenterte?, sagte sie. Solche Sachen sagte sie dauernd."

Familienstress zu Weihnachten

Natürlich steht in einem Winterroman Weihnachten vor der Tür. Art fährt zu seiner Mutter, die in Cornwall alleine und verbittert in einem riesigen Anwesen lebt. Er heuert Lux an, eine kroatische Austauschstudentin, die irgendwie in London gestrandet ist, damit sie seine Freundin spielt.

Migranten sitzen in einem Schlauchboot vor der Küste Libyens, während einige im Wasser schwimmen.
Die Mission "Alan Kurdi" bei einem Seenotrettungseinsatz Bildrechte: dpa

Dann kommt auch noch Arts Tante Iris, die seit 40 Jahren Aktivistin für jeden nur denkbaren guten Zweck ist: Gegen Atomraketen, gegen Umweltverschmutzung, für die Aufnahme von Geflüchteten. Im Roman wird sie als ein Mensch beschrieben, "zu dem, wenn zum Beispiel ein Hütehund mit im Zimmer ist und sie dort völlig fremd, im ganzen Haus fremd ist, sogar wenn sie noch nie zuvor in dem Haus gewesen ist und den Hund noch nie gesehen hat, dieser Hund trotzdem kommt, er lässt sich mit ausgestreckten Vorderbeinen vor ihr nieder und legt sich dann vor ihre Füße, egal wo sie sitzt, und bleibt den ganzen Abend da, die Nase auf den Vorderpfoten."

Und natürlich sind sich Iris und Sophia, Arts Mutter, spinnefeind. Dieses Weihnachtsfest in dem großen Anwesen mit den sich ständig angiftenden Schwestern, dem ob seiner Trennung etwas gebeutelten Art und Lux, die sich Anfangs noch als Charlotte ausgibt, aber deren Tarnung schon nach den ersten 100 Seiten auffliegt, erzählt Ali Smith mit einem sehr feinen Gespür für die Gräben, die die britische Gesellschaft durchziehen. Das fängt schon damit an, wer welche Zeitung liest.

Er ist sehr sensibel, sagte Sophia. Das liegt daran, dass er ein spätes Kind ist. Kinder von Spätgebärenden entwickeln im Leben eine erhöhte Sensibilität für alles Mögliche, darunter auch Alkohol. Ich wette, den Quatsch hast du in der Daily Mail gelesen, sagte Iris. Sophia errötete (denn sie hatte es tatsächlich in der Daily Mail gelesen). Sie wechselte das Thema.

aus: "Winter" von Ali Smith

Licht zwischen den Streitereien

Das "Winter" bei all den Frotzeleien und Feindseligkeiten, die die Figuren untereinander austauschen, kein zynischer Roman geworden ist, liegt vor allem an Lux. Sie ist das kleine Licht im Zentrum des Buchs und sie schafft es, die verbitterte Sophia aufzutauen, sie mit ihrer Schwester wieder an einen Tisch zu bringen. Fast wie Charles Dickens drei Weihnachtsgeister in einer Person. Dazu kommt, dass Ali Smith das ganze unfassbar warmherzig aufgeschrieben hat. Jeder Satz ist wie eine wärmende Decke.

Cover zu "Winter" von Ali Smith
Cover zu "Winter" von Ali Smith Bildrechte: Luchterhand Verlag

Auch im zweiten Teil ihres literarischen Experiments präsentiert sich Ali Smith als genaue Beobachterin. Sie streift viele Themen und Diskussionen, verwebt Nature Writing, Künstlerbiografien, Politik und die Geschichten ihrer Figuren zu einem poetischen Plädoyer für ganz konkrete Dinge: Empathisch sein, einander zuhören. Das wird auch in einer Szene zwischen Art und Lux deutlich: "Sie erklärt ihm, wie das geht, dass sie ursprünglich von woanders ist und noch woanders aufgewachsen und trotzdem klingt, als wäre sie hier großgeworden. Das ist harte Arbeit, sagt sie. Dafür braucht man Verbissenheit und Scharfsinn. Es ist wie Ganztagsschule, wenn man heute in deinem Land woanders herkommt.

"Winter" von Ali Smith ist eine Weihnachtsgeschichte für das Zeitalter des Rechtspopulismus und für von Weihnachtskitsch genervten Menschen. Die frohe Botschaft des Romans: Redet miteinander, Versöhnung ist möglich. Und: Der nächste Frühling kommt bestimmt.

Angaben zum Buch Ali Smith: "Winter"
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz
320 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag
ISBN: 978-3-630-87579-8

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. November 2020 | 08:10 Uhr