Anna Enquist, 2015
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Buchtipp Roman "Denn es will Abend werden": Wie lebt man nach einer traumatischen Erfahrung weiter?

Mit "Denn es will Abend werden" setzt Anna Enquist ihren Erfolgsroman "Streichquartett" fort, in dem eine Gruppe Musiker Opfer eines Anschlags werden. Das Buch entfaltet magisches Suchtpotential, sagt unser Kritiker.

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Anna Enquist, 2015
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Anna Enquist begann spät mit dem Schreiben: Sie war bereits 40, als sie erste Gedichte publizierte. Davor verdiente sie ihr Geld als Konzertpianistin, bis sie merkte, dass sich ihr Klavierspiel verschlechterte – und sie orientierte sich neu in Richtung Literatur. Bald kam der große Hype. Ihre Werke wurden in mehr als 15 Sprachen übersetzt. Inzwischen gilt sie als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Hollands. Jetzt veröffentlichte sie ihren aktuellen Roman "Denn es will Abend werden".

Die Geschichte knüpft an ihren 2015 erschienenen Erfolgsroman "Streichquartett" an, der von Musikern handelte, die sich regelmäßig auf einem Hausboot trafen, um gemeinsam auf Geige, Bratsche und Cello zu konzertieren. Doch eine ihrer Begegnungen endete tragisch: Ein aus dem Gefängnis ausgebrochener Schwerverbrecher schlich sich an Bord, bedrohte die Virtuosen und sprengte schließlich das Wassergefährt in die Luft. Genau an diesem Punkt setzt die Fortführung des neuen Buchs ein. Anna Enquist sondiert, welche Traumatisierungen die an dem Unglück beteiligten Figuren erfahren haben. Die Ärztin Carolien etwa, die bei der Explosion einen Finger verlor, kündigt ihren Job und reist verzweifelt nach China. Der Geigenbauer Jochem igelt sich in seiner Werkstatt ein, entwickelt einen Fimmel für Alarmanlagen und imitiert Normalität. Hugo, der ein Kulturzentrum leitete, entwickelt sich zum rastlosen Weltenbummler und flüchtet sich in eine Managerlaufbahn. Die Krankenschwester Heleen bricht den Kontakt zu ihren Freunden ab und heuert in einem Fitnessstudio an. Alle haben seelisch mit dem Ereignis zu kämpfen, reden aber nur ungern über ihre Probleme.

Ein psychologischer, feinsinniger Roman

Anna Enquist: Denn es will Abend werden
Anna Enquist: Denn es will Abend werden Bildrechte: Luchterhand Verlag

Unbedingt, und das verwundert auch wenig, denn Anna Enquist ist nicht nur ausgebildete Pianistin, sondern auch studierte klinische Psychologin und übte diesen Beruf lange halbtags aus. Von den Erfahrungen, die sie bei dieser Tätigkeit sammelte, zeugt ihr brillanter Roman "Das Meisterstück" von 1994. In ihrem neuen Buch nähert sie sich ihren Figuren wie ein Therapeutin. Sie betreibt literarische Psychoanalyse. Dabei untersucht sie die Befindlichkeiten ihrer Helden sehr feinsinnig und dringt tief in die Eigenarten von deren Charakteren ein. Der erzählerische Sog, der sich dabei entwickelt, wirkt wie ein Mahlstrom. Enquists Fabulieren entfaltet magisches Suchtpotenzial.

Es gibt ein mysteriöses Motiv, das sich wie ein roter Faden durch den gesamten Plot zieht. Es betrifft die zwei Söhne der Eheleute Carolien und Jochem. Die Jungs starben unter Umständen, die erst ganz am Schluss enthüllt werden. Beide Partner tragen unterschiedlich schwer an dieser Hypothek. Während Jochem weitgehend verdrängt, was passiert ist, kann Carolien sich nicht mit dem Tod der Kinder abfinden und leidet unter diesem Schicksalsschlag. Aus dieser Spannung erwächst ein unterschwelliges, zweites Kernthema des ohnehin mit schweren Verwicklungen und Komplikationen gespickten Romans.

Der Besondere Stil von Anna Enquist

Sie punktet mit dem Moment, den Goethe bezüglich der Novelle als "unerhörtes Ereignis" definierte. Die Detonation des Hausbootes verkörpert einen solchen markante Einschnitt, um den das Geschehen in ständig wiederkehrenden Variationen kreist. Aus der Vogelperspektive schildert die Autorin, wie die an dem Drama beteiligten Akteure auf ihre daraus resultierende Misere reagieren.

Sie wird häufig mit Margriet de Moor verglichen, die wie sie eine Pianistenlaufbahn absolvierte, aber tatsächlich existieren zwischen beiden Autorinnen wenig Ähnlichkeiten, denn Anna Enquist steht viel höher auf der Leiter des ästhetischen Niveaus und der Gestaltungsfähigkeit. Sie vermeidet das Sentimentale, ja teilweise Kitschige, das Magriet de Moors Texte häufig prägt. Wenn man sie qualitativ einstufen will, dann tummelt sie sich in der Oberliga mit Zeitgenossen wie Cees Nooteboom oder Marten t' Hart. Aber auch verstorbenen Meistern der holländischen Literatur wie Willem Frederik Hermans oder Harry Mulisch verdankt sie entscheidende Inspirationen und Impulse.

Angaben zum Buch: Anna Enquist: "Denn es will Abend werden"

Deutsche Erstausgabe
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Originaltitel: Want de avond

erschienen bei Luchterhand (2019)
Hardcover mit Schutzumschlag, 288 Seiten
ISBN: 978-3-630-87604-7

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. August 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. August 2019, 04:00 Uhr

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