Kassette und Stift
Lässt Sie diese Kombination wissend lächeln? Wenn nicht, fragen Sie ihre Eltern. Bildrechte: IMAGO

70 Jahre Technikgeschichte Vom Bandsalat zum Smartphone - Preisendorfers "Verwandlung der Dinge"

Die Zeit scheint immer schneller zu vergehen und mit ihr verändern sich auch die Dinge in immer kürzerer Zeit. Anhand der eigenen Biografie vollzieht der Autor Bruno Preisendörfer die rasante technische Entwicklung der letzten 70 Jahre nach. Ein Muss für Nostalgiker - und zum schaurigen Staunen für die Jüngeren.

von Katja Oskamp, MDR KULTUR

Kassette und Stift
Lässt Sie diese Kombination wissend lächeln? Wenn nicht, fragen Sie ihre Eltern. Bildrechte: IMAGO

Mit sechs schrieb Bruno Preisendörfer auf der Schiefertafel, mit zehn erlernte er den Umgang mit dem Rechenschieber. Mit dreizehn kaufte er sein erstes Kofferradio, mit fünfzehn schnitt er sein erstes Mixtape zusammen. Mit fünfunddreißig montierte er (illegal) seinen ersten Anrufbeantworter, mit neununddreißig bekam er seine erste E-Mail. Heute ist der Schriftsteller Preisendörfer einundsechzig. Er hat ein umfangreiches Werk vorzuweisen, Romane, Sachbücher, wissenschaftliche Studien, und könnte alles, was er je geschrieben hat und noch schreiben wird, auf einem USB-Stick im Münzfach seines Portemonnaies mit sich spazieren tragen.

Nur Vati drückt die "Wunschklang"-Taste

Anhand der eigenen Biografie vollzieht Preisendörfer in seinem neuen Buch "Die Verwandlung der Dinge. Eine Zeitreise von 1950 bis morgen" die rasante Entwicklung unserer Kulturtechniken nach. Freilich hat er dabei nicht alle Dinge im Blick, denn die Zahl an Alltagsgegenständen, mit denen ein deutscher Mensch sich umgibt, geht in die Tausende.

Preisendörfer beschränkt sich auf vier Bereiche: Das Schreiben, das Musikhören, das Fernsehen, das Telefonieren. Heutzutage ist es möglich, all diese Tätigkeiten mittels eines einzigen, kleinen Geräts auszuführen, inklusive Fotografieren und Filmen.

Vor einigen Jahrzehnten noch gab es den Musikschrank, ein klobiges Möbelstück mit "Wunschklang"-Taste und "Fern-Dirigent", deren Bedienung im heimischen Wohnzimmer dem Familienoberhaupt vorbehalten war. Die später entwickelten Kofferradios hatten Schulterriemen, die Schreibmaschinen hießen Gabriele oder Erika, und als das DDR-Fernsehen 1952 mit seinem Versuchsprogramm an den Start ging, warb die Berliner Zeitung mit dem Spruch: "Radio - nun auch für die Augen".

Bandsalat-Rezepte

Bruno Preisendörfer gräbt Kuriositäten aus, entreißt Abkürzungen dem Vergessen (FeWAp = Fernsprechwandapparat), und mit der liebevollen Akribie des Tüftlers versenkt er sich in die Reparatur einer Musikkassette infolge Bandsalat. Er erklärt, woher das Wort "zappen" stammt, warum die Fernsehansagerinnen verschwunden sind und wieso die Langspielplatte eine Renaissance erlebt - wohingegen die Videotheken in den Achtzigern wie Pilze aus dem Erdboden schossen, um 30 Jahre später so gut wie vollständig darin zu verschwinden.

Erstaunlich rasante Zeitreise

Bruno Preisendörfer, 2006
Bruno Preisendörfer, 1957 geboren, reist in die eigene technische Vergangenheit. Bildrechte: dpa

Er zeichnet die Explosion nach, mit der das Internet in die Welt kam; er zeigt, worin sich Trend- und Zukunftsforscher geirrt haben. Und hält sich selbst mit Warnrufen aller Art zurück. Das ist das Angenehme am Buch: es hat keinerlei missionarische Absichten. Weder verteufelt es die Zukunft, noch glorifiziert es sie, dasselbe gilt für die Vergangenheit.

Dass früher nicht alles besser war, beschreibt Preisendörfer amüsant anhand der immer wieder heillos verknoteten Ringelschnur des Telefons seiner ersten WG. Es ist ein Buch für alle, die schon eine Weile auf der Welt sind und sich ob des Tempos der technologischen Entwicklung ihrer selbst vergewissern wollen, und es ist ein Buch für die Jungen, zum Beispiel für den Elfjährigen, der seinen Opa fragt: "Wie seid ihr eigentlich ins Internet gekommen, als es noch keine Computer gab?"

Angaben zum Buch Bruno Preisendörfer: "Die Verwandlung der Dinge"
Eine Zeitreise von 1950 bis morgen
272 Seiten, gebunden, 20 Euro
ISBN: 978-3-86971-166-9
Auch als E-Book lieferbar (16,99 Euro)
ISBN: 978-3-462-31843-2
Galiani Berlin

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 09. Mai 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Mai 2018, 11:16 Uhr

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