Donald Trump spricht am Elko Regional Airport bei einer Wahlkampfkundgebung der Republikaner.
Donald Trump ist der momentane Führer der US-Konservativen Bildrechte: dpa

Buch: "Der reaktionäre Geist" Corey Robin: "Trump ist so etwas wie das Schwarze Loch des sich auflösenden Konservatismus"

Dass die vermeintlichen Entgleisungen Trumps durchaus in einer konservativen Tradition stehen, zeigt der US-Politikwissenschaftler Corey Robin in seinem Buch "Der reaktionäre Geist" auf. Er belegt, dass "alternative Fakten" hier schon seit Jahrhunderten Tradition haben und auf welchen Wurzeln diese Denkweise aufbaut.

von Patric Seibel, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Donald Trump spricht am Elko Regional Airport bei einer Wahlkampfkundgebung der Republikaner.
Donald Trump ist der momentane Führer der US-Konservativen Bildrechte: dpa

Man hat vielleicht den Eindruck, es gäbe nichts Neues mehr über Donald Trump zu erfahren. Doch Corey Robin hat tatsächlich Entscheidendes dazu zu sagen. Vor allem, wenn es um die Frage geht, ist Trump eigentlich ein Konservativer? Oder ein Egomane, ein politisches Irrlicht, ein Unberechenbarer? Und die Antwort lautet: Er ist beides. Und das ist kein Widerspruch, sondern eine Folge des Sieges der Konservativen im Kalten Krieg, die jetzt sozusagen nach Orientierung suchen, nach einem neuen Gegner.

Wo Trump in der Tradition des Konservatismus steht, lässt sich beispielsweise an seinem Auftreten sehen. Robin sieht Trump durchaus in der Tradition eines Richard Nixon oder eines George W. Bush, deren Cowboy-Attitüde habe Trump sogar noch gesteigert zu einer Art politischem Freibeutertum. Aber das sind für Robin nur graduelle Unterschiede. So schreibt er:

Der Rassismus der Trump'schen Rechten mag widerlicher sein, als der seiner meisten Vorgänger aus jüngerer Zeit, doch er ist weder hässlicher noch gewalttätiger, als der Kampf der Konservativen gegen die Bürgerrechtsbewegung in den 1960er- und -70er Jahren.

Corey Robin in "Der reaktionäre Geist"

Eine Tradition der "alternativen Fakten"

Oder nehmen wir Trumps sich oft widersprechenden Aussagen. Das, so führt Robin vor, war von Anfang an, seit dem 19. Jahrhundert, ein rhetorisches Stilmittel des Konservatismus, der ja entstand als Gegenbewegung, als Reaktion auf die Französische Revolution. Mit der Technik, sich widersprechende Äußerungen gleichzeitig zu besetzen, hat der Konservatismus sich gegen den Rationalismus gestellt.

Die Idee dahinter: der Rationalismus ist die Ideologie der linken Gleichmacherei. Der Rationalismus hat die alte, auf Macht und Recht gegründete Ordnung zerstört und durch Kleingeisterei ersetzt. Und gegen dieses Diktat der Vernunft rebelliert der Konservative, mit dem Ziel, der Vernunft und damit auch der Demokratie die Rechtfertigung abzusprechen.

Die "alternativen Fakten" eines Donald Trump erscheinen in diesem Licht plötzlich weniger als eine irrationale Weigerung, die Realität zu sehen, als vielmehr als Fortsetzung einer jahrhundertealten Tradition.

Agieren aus Instinkt

Das heißt natürlich nicht, dass ein Donald Trump, der Belgien für eine Stadt gehalten hat, so belesen ist, dass er diese Traditionen kennt. Das ist aber auch nicht entscheidend. Für Robin handelt Trump aus Instinkt - und weil er so handelt, sichert ihm das den Erfolg bei seinen Anhängern.

Margaret Thatcher
Auch Margaret Thatcher war eine prägende Figur der Konservativen Bildrechte: dpa

Er sieht Trump andererseits sowohl als einen Vertreter des Konservatismus, aber auch als dessen Symptom. Robin schreibt dazu: "Trump ist so etwas wie das Schwarze Loch des sich auflösenden Konservatismus, der zu viel erreicht hat. Als die amerikanische Rechte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an die Macht kämpfte, hätte sie niemals einen Trump zum Kandidaten gewählt - nicht weil sie damals klüger oder rechtschaffener oder weniger rassistisch gewesen wäre, sondern weil sie vom Willen, die Linke zu zerstören, zusammengehalten wurde. Da sie diese Aufgabe inzwischen erledigt hat, kann sie sich nun den Luxus der Verantwortungslosigkeit gönnen." Das könnte für den Konservatismus zu einem Spiel mit dem Feuer werden - mit ungewissem Ausgang.

Der Geschäftsmann als Kämpfer

Corey Robin, Der reaktionäre Geist, Buchcover
Das Buch ist auch als E-Book erhältlich Bildrechte: Christoph Links Verlag

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch, was Robin über die neue Rolle des Marktes und des Unternehmers unter Trump schreibt: Der Konservatismus habe es verstanden, den uralten Antagonismus zwischen dem Krieger und dem Geschäftsmann zu versöhnen. Mal stehe der Kämpfer als Figur im Mittelpunkt, im 20. Jahrhundert sei zunehmend der Unternehmer zum Krieger, zum Helden stilisiert worden.

Robin sieht unter Trump einen neuen Typ des Unternehmers und des Marktes entstehen. Es geht nicht mehr um Heroismus, sondern um Cleverness. Der Deal, von dem Trump wie besessen scheint, steht im Mittelpunkt. Unter Trump wird der Unternehmer zum Spieler, der Markt zum Kasino. Während etwas in der Ära der Reagonomics der Markt zur quasi religiösen oder magischen Arena erklärt wurde, demaskiert Trump den Markt ganz öffentlich.

Die Wurzeln des Konservativismus

Edmund Burke
Edmund Burke ist eine der zentralen Figuren des Konservativismus Bildrechte: imago/UIG

Robin gehört selbst zum linksliberalen Lager, hat sein Buch also durchaus mit dem Interesse geschrieben, den "Gegner" zu beschreiben. Er tut das sehr pointiert, und, so lautet ein Vorwurf, auch verkürzt, indem er tatsächlich den Konservatismus aufspannt wie einen Schirm, der das komplette rechte Lager überspannt. Die Differenzierung vorzunehmen bleibt den Lesern überlassen. Man kann den Ansatz Robins trotzdem als Versuch verstehen, den innersten Kern rechten Denkens offen zu legen.

Robin nimmt uns mit auf einen Lektürekurs bei den konservativen Kirchenvätern wie Edmund Burke, Joseph de Maistre aber auch Nietzsche, Carl Schmitt, Friedrich von Hayek oder Ayn Rand. Für Robin besteht die DNA des Konservatismus im innersten Kern in der Aufrechterhaltung persönlicher Machtverhältnisse, zwischen Herrn und Sklaven, Aristokraten und Subalternen, Fabrikanten und Arbeitern.

Zentral am Konservatismus sei dessen Affinität zur Gewalt - als Befreiung aus den Verstrickungen von Diskurs und Rationalismus. Das größte Missverständnis über den Konservatismus sei, so schreibt Robin, diese Bewegung als der Mäßigung und Klugheit verpflichtet zu verkennen. Für ihn war und ist die Wildheit und Zügellosigkeit des Konservatismus einer der Gründe für dessen fortdauernde Anziehungskraft.

Konservatismus war stets eine nach vorne gerichtete Bewegung des politischen Wandels, der Risikobereitschaft und der ideologischen Abenteurerlust, in der Haltung kämpferisch und im Auftreten populistisch, offen für Parvenus und Rebellen, für Außenseiter und Quereinsteiger.

Corey Robin in "Der reaktionäre Geist"

So sieht sich der Konservatismus stets vor der Herausforderung, ein strauchelndes altes Regime in eine dynamische, ideologisch gefestigte Massenbewegung zu verwandeln, ein System der Ungleichheit frisch zu schminken, durch die Energie und Dynamik der Straße aufzufrischen.

Ein sehr schlagendes Beispiel ist im Buch der "demokratische Feudalismus" der Sklavenhalter in den alten Südstaaten der USA. Dieser verwandelte die gesamte weiße Mehrheit in eine Herrenklasse, die sich das Privileg und das Recht teilte, über die Klasse der Sklaven zu herrschen. Mit dieser Gratifikation, so Robin, schaffte es der Konservatismus immer wieder, auch die Massen für sich zu gewinnen - das Modell lässt sich gedanklich auf andere Länder übertragen. Die Einwanderer und Flüchtlinge, die sind in dieser Lesart nicht ein Problem, auf das die AfD reagiert, sondern sie sind erst das Lebenselixier des reaktionären Geistes, der hier seinen ersehnten Feind findet.

Angaben zum Buch Corey Robin: "Der reaktionäre Geist"
Von den Anfängen bis Donald Trump
344 Seiten, gebunden, 25 Euro
ISBN: 978-3-96289-010-0
Christoph Links Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 07. November 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2018, 08:45 Uhr

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