Buchempfehlung "Die anderen Leben": Eltern-Kind-Gespräche über den Umgang mit der DDR

Mehr als 30 Jahre sind seit dem Mauerfall vergangen. Kinder, die seitdem im Osten geboren wurden, kennen nur das wiedervereinigte Deutschland. Den Eltern jedoch ist die DDR sehr bewusst in Erinnerung geblieben, schließlich sind sie mit ihr großgeworden. Welche Erinnerungskultur hat sich seitdem geformt? Die Autorinnen und Filmemacherinnen Dörte Grimm und Sabine Michel, beide in Ostdeutschland geboren, haben Gespräche zwischen in der DDR sozialisierten Eltern und ihren Kindern begleitet und aufgeschrieben. Ihr Buch "Die anderen Leben" verdeutlicht die inner- und außerfamiliären Unterschiede im Umgang mit der Vergangenheit.

Grimm / Michel - Die anderen Leben (Buch)
Cover des Buches "Die anderen Leben" von Dörte Grimm und Sabine Michel Bildrechte: be.bra Verlag

Was ist aus diesen vorlauten Kindern des Ostens geworden? Wir wissen es nicht. Was aus ihren Eltern? Wie haben sie die Jahre nach dem Einheitstaumel erlebt? Und haben die Kinder von ihren Eltern erfahren, wie es vorher war, das Leben in der DDR? Und haben die Eltern von ihren Kindern erfahren, wie sie den Aufbruch oder eben Zusammenbruch verkraftet haben? Die intellektuelle Elite unseres Landes forscht, erklärt und rätselt seit Jahren. Die Autorinnen und Filmemacherinnen Dörte Grimm und Sabine Michel sind bisher nicht der Meinung, dass sich eine feste Erinnerungskultur in den Familien etabliert hat.

Und ich glaube, wenn man zu einem ostdeutschen Selbstbewusstsein kommen will, was eigentlich mehr bedeutet: Wo stehen wir, was hat uns geprägt? Wer sind wir? Warum sind wir jetzt so, wie wir sind? Braucht es eine Art von Rückversicherung in der eigenen Familie? Das heißt, man muss in den Familien ins Gespräch gehen, um auch für sich selbst so eine Art von Narrativ zu entwickeln.

Dörte Grimm, Autorin und Filmemacherin

Sabine Michel und Dörte Grimm haben die Gespräche zwischen in der DDR sozialisierten Eltern und ihren Kindern begleitet und aufgeschrieben. Absagen, kurz vorm Gespräch, kamen aus der Elterngeneration, aus Scham, wie die Autorinnen meinen.

In den zehn anonymisierten Gesprächen geht es dann erstaunlich in die Tiefe: Annet, aus Sachsen, hat nie etwas kritisch hinterfragt. Beim letzten FDJ-Treffen der DDR war sie dabei. Ihr leiblicher Vater war Major bei der Stasi. Seine Welt, der er bis heute nachhängt, endet mit dem Mauerfall. Heute steht er Putin, Pegida und Verschwörungstheorien nah. Ihr damaliger Freund, SED Mitglied, wusste vom Stasivater, trennte sich von ihr und wählte statt PDS die DSU.

Autorin und Filmemacherin Sabine Michel hat den Eindruck, dass Menschen, die besonders angepasst in der DDR gelebt haben, es auch besonders schwer danach gehabt hätten, sich eine Haltung dazu zu erarbeiten. Im Gegensatz dazu meint sie weiter, hätten sich Menschen mit kritisch zu betrachtender DDR-Vergangenheit sehr schnell ausschließlich verteidigen müssen. Betreffende hätten oft wenig Selbstkritik im Umgang mit der eigenen Biografie geübt.

Die Wende als Weggabelung

Seit Jahren beschäftigen sich die Autorinnen mit dem Thema der vielbeschworenen Transformation. Die studierte Regisseurin Sabine Michel, in Dresden geboren, erzählt in ihrem Film "Zonenmädchen" die Geschichte ihrer Freundinnen und ihre eigene. Was sind sie geworden, die achtzehnjährig den Mauerfall erlebten?

Das verschwundene Land kennt meine Tochter nur aus Erzählungen. Das kleine Land erschien mir damals groß und weit. Meine Eltern sind Lehrer, und ich wachse wohlbehütet in einer sozialistischen Bilderbuchfamilie auf.

aus dem Film "Zonenmädchen"

Dörte Grimm hat Geschichte und Publizistik studiert. In ihrem Film "Die Unberatenen" porträtiert sie sogenannte Wendekinder, die, wie sie selbst, im Osten geboren, den Westen erlernten durften, um dann das Übriggebliebene zu befragen.

Ich glaube, wenn wir von früher reden, meinen wir nicht nur unsere Kindheit und Jugend. Wir meinen ein anderes Land, eine andere Welt und ein anderes Leben. Die Frage, ob wir im vereinten Deutschland angekommen sind, stellt sich für uns nicht mehr. Vielmehr ist interessant, was vom Alten noch in uns ist.

aus dem Film "Die Unberatenen"

Die Herausforderungen der Neuordnung

Die Autorinnen vertreten die Meinung, dass in den Jahren nach 1989 die Familien vorrangig damit beschäftigt gewesen seien, erstmal die Familie, sich selbst und auch den Beruf in einem neuen wirtschaftlichen System auf eigene Füße zu stellen. Als dann die Zeit gekommen gewesen sei, um über das eigene Leben und die Gefühle diesbezüglich nachzudenken, sei der Diskurs, besonders medial, eigentlich schon festgelegt gewesen.

Mara, erfährt man in einem der Gespräche, musste allein "in der sozialistischen Spur" klarkommen, wie sie sagt. Ihr Vater war durch seine Arbeit und den exzessiven Amateursport ausgelastet. Nach der Wende will Mara die Welt sehen, die Eltern wollen, dass sie bleibt, doch sie will glücklich werden. Der Betrieb wird abgewickelt, der Vater wird gekündigt, findet neue Arbeit. Mara stellt fest, dass so eine Schwere in das Familienleben einzog und bezeichnet ihren Vater als Wendeverlierer.

Es war dann eigentlich eher interessant zu sehen, die Reaktion des Vaters, der halt einfach versucht hat, immer nach vorn zu sehen, und der dann gesagt hat: Wir waren ja froh, dass wir Arbeit hatten, und wir waren ja froh, dass es immer irgendwie weitergeht. Ja, das ist halt der Blick des anderen, der einen selbst oft stigmatisiert. Vielleicht erlebt man das selbst gar nicht so?

Dörte Grimm, Autorin und Filmemacherin

Was vom Buch zu erwarten ist

Das Buch sei allen empfohlen, die es leid sind, beim familiären Essen nur übers Essen zu sprechen. Dem Buch gelingt die beabsichtigte Innenansicht, und es verfällt nicht in das so beliebte Ossi-Gejammer. Es legt Demütigungen und Verletzungen frei, an denen man nicht immer unbeteiligt war, und es zeigt Lebensläufe auf, die helfen können, heutige Probleme zu lösen, vielleicht gerade durch diese Vergangenheit. Sabine Grimm möchte Angesprochene ermutigen, angestaute Gefühle in den Diskurs zu intergrieren und plädiert für einen selbstbewussten Umgang mit der eigenen Biografie.

Informationen zum Buch Sabine Michel / Dörte Grimm: "Die anderen Leben - Generationengespräche Ost"
Mit Fotografien von Ute Mahler
Verlag be.bra wissenschaft. Berlin 2020
200 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3-89809-179-4
Preis: 20 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Artour | 15. Oktober 2020 | 22:05 Uhr