Überwachung in China
Die chinesische Regierung will die umfassende Überwachung der Bürger weiter voranbringen. Diese wiederum führt zum sozialen Bewertungssystem: Schon kleinstes Fehlverhalten, das beobachtet wird, kann zu einem Punkteabzug auf dem persönlichen Bonitätskonto führen. Bildrechte: dpa

Buch: "Die Neuerfindung der Diktatur" Wie China den neuen Menschen schaffen will

China entwickelt sich zur supermodernen Diktatur, angetrieben durch den digitalen Wandel. Ein wichtiges Mittel ist dabei die totale Überwachung. Der langjährige China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Kai Strittmacher, zeichnet in seinem Buch "Die Neuerfindung der Diktatur" die Gefahren auf - auch für Europa.

von Helga Othenin-Girard, MDR KULTUR

Überwachung in China
Die chinesische Regierung will die umfassende Überwachung der Bürger weiter voranbringen. Diese wiederum führt zum sozialen Bewertungssystem: Schon kleinstes Fehlverhalten, das beobachtet wird, kann zu einem Punkteabzug auf dem persönlichen Bonitätskonto führen. Bildrechte: dpa

Kai Strittmatter war bis vor kurzem China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. Mehr als zwanzig Jahre hat er in China gelebt und gearbeitet. Nun hat er ein detailreiches und kluges Buch über die Umgestaltung des Landes geschrieben, sein Titel: "Die Neuerfindung der Diktatur".

Zwei Glückskatzen ((Winkekatzen/japanisch: Maneki Neko)
Umfassende Überwachung forciert ein normgerechtes Verhalten - in China staatlich gewollt Bildrechte: imago/Arnulf Hettrich

Die chinesische Gesellschaft befindet sich im Umbauprozess. Wirtschaftliche Freiheit und politischer Würgegriff funktionieren. In kürzester Zeit aus dem Boden geklotzte Millionenstädte sind schöne Hüllen für Menschen, die nie mehr unbeobachtet sind. So können Polizisten mit Videobrillen in Sekunden die Identität von Passanten erfassen. Doch der Schlüssel zum Inneren des Menschen heißt: Sozialkreditsystem.

Strittmatter meint, das gesellschaftliche Gefüge werde durch ein System totaler Kontrolle zunehmend neu justiert. Er kennt die Gefahren und beschreibt das Sozialkreditsystem, das auf Chinesisch "System der sozialen Vertrauenswürdigkeit" heißt, als Teil eines Versuches, mithilfe von künstlicher Intelligenz und Digitalisierung den neuen Menschen zu schaffen. Ähnliches hatte schon Mao im Blick, doch nun wird dafür eine Rundumüberwachung eingesetzt.

Der neue Mensch jetzt ist der ehrliche Mensch, der vertrauenswürdige Mensch. Und wie schaffen wir den ehrlichen und vertrauenswürdigen Menschen? Indem wir sein Verhalten 24 Stunden, 7 Tage die Woche in Echtzeit bewerten, auswerten und dann auch möglichst schnell sanktionieren.

Kai Strittmatter, ehemaliger China-Korrespondent und Buchautor

Öffentlicher Digitalpranger

Niemand entgeht mehr dem Blick der Kameras. Bereits minimales Fehlverhalten wird bewertet. Selbst wer bei Rot über die Straße geht, erscheint, für alle sichtbar, mit vollem Namen und Foto auf Displays oder Schautafeln. Dazu kommt ein Punkteabzug auf dem persönlichen Bonitätskonto. Der Nachbar des Monats hingegen wird mit Urkunde oder Wimpel geehrt. Beim Wettkampf um Punkte und Anerkennung tritt jeder gegen jeden an.

Viele Chinesen empfinden die Überwachung sogar als beruhigend. Für Strittmatter hat das damit zu tun, dass die Bürger in einem System der Gedankenkontrolle und der Propaganda aufgewachsen sind. Ihnen fehle die Möglichkeit einer freien Debatte, ebenso der freie Informationsfluss. Somit wüssten sie gar nicht, was mit ihnen passiere, so Strittmatter.

Kategorisierung von Menschen

Noch ist das Sozialkreditsystem im Probelauf. Doch schon 2020 soll nach dem Willen der Partei auf je zwei Chinesen eine Überwachungskamera kommen. Auch die Einteilung von Menschen in Vertrauenswürdige und Vertrauensbrecher wird praktiziert, schreibt Strittmatter in seinem Buch. Vertrauenswürdige erhalten Chancen auf einen günstigen Bankkredit, Vertrauensbrecher dürfen zum Beispiel keine Flugtickets kaufen.

Für Strittmatter ist das der digitale Totalitarismus, wenn jede Nische des Lebens erfasst ist, von Behörden von Ämtern, aber auch von der Privatwirtschaft, ebenso das Online-Verhalten auf Portalen, wie man kommentiert, das Shoppingverhalten -  und alles in einer Datenbank zusammenfließt.

Unter den Chinesen, so hat aber auch Strittmatter beobachtet, gibt es eine zunehmende Verunsicherung. Die Verstellung werde den Untertanen zur zweiten Natur, meint er. Und er beschreibt: "Der Satz, den ich am meisten gehört habe, ist 'Ich habe kein Sicherheitsgefühl. Ich fühl mich total unsicher.' Und das hörst du von allen - vom Ärmsten bis zum Reichsten. Selbst der Reichste ist nicht sicher in China, vor nichts. Satz Nr. 2 war: 'Es gibt keine Moral in dieser Gesellschaft."

Laut Strittmatter hat das Ringen um Wachstum und Reichtum und das Rennen nach Profit gleichzeitig dazu geführt, dass tatsächlich fast alle ethischen Maßstäbe verloren gingen. Und das siehst man dieser Gesellschaft auch an, meint er. Das habe zu Satz Nr. 3 geführt: "Es gibt kein Vertrauen in dieser Gesellschaft mehr."

In gewisser Weise sind die Chinesen reich geworden, wohlhabend in den Städten und haben gleichzeitig auch den Kompass verloren.

Kai Strittmatter

Die chinesische Partei ist angetreten, das macht Strittmatters Buch deutlich, den Bürger als Quelle für Daten zu nutzen, die aus der permanenten Überwachung von menschlichem Verhalten gewonnen werden. Der Mensch wird gleichsam zum Rohstoff der Wirtschaft.

Und diese Entwicklung muss auch in Europa hellhörig machen. Strittmatter warnt: "Wir sind grad ein wenig unter Beschuss und werden in die Zange genommen von unserer eigenen Mitte, der Rechtspopulismus durch Trump, durch Russland, aber eben auch durch China. Wir können uns nicht leisten, zumindest die Möglichkeit auszuschließen, dass das, was die KP hier mit ihrem digitalen Update der Diktatur plant, am Ende sehr erfolgreich wird. Und dann haben wir ein großes Problem."

Nach der Lektüre von "Die Neuerfindung der Diktatur" mag man zuerst ungläubig nach China sehen, doch plötzlich wird beim Blick vor die eigene Haustür deutlich: Alles ist möglich.

Kai Strittmatter, Die Neuerfindung der Diktatur, Buch-Cover
288 Seiten, Hardcover, 22 Euro Bildrechte: Piper

Buchtipp Kai Strittmatter: "Die Neuerfindung der Diktatur"
Wie China den digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert
ISBN 978-3-492-05895-7
Piper Verlag

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 25. Oktober 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Oktober 2018, 04:00 Uhr