Buchpreis-Kandidat "Aus der Zuckerfabrik" Dorothee Elmigers Roman um Gier, Geld und Zucker

"Aus der Zuckerfabrik" von Dorothee Elmiger ist für den Deutschen Buchpreis nominiert. In ihrem dritten Buch verfolgt sie ihre experimentelle Schreibform weiter: der Roman besteht aus Fragmenten und Textmontagen wie in einem Notizheft. Leser werden dabei Zeuge einer langen Reise und die Schriftstellerin macht Halt an ganz unterschiedlichen Stationen wie z. B. Karl Marx, Kolonialismus, Geld, weibliches Begehren, Sklaverei. Das Bindeglied leuchtet in allem hervor, es ist die Gier nach Zucker. Einfache Lektüre ist das nicht, sagt unsere Kritikerin, aber die "berauschende Reise durch einen Wald der Querverweise" fasziniert.

1986. Zwei leicht bekleidete, schwarz glänzende Frauenfiguren, mutmaßlich aus Haiti, streckt der Auktionator in die Höhe. Gebannt verfolgt die dicht gedrängte Menge im niedrigen Saal des Spiezer Gasthauses die Versteigerung der letzten Habseligkeiten des ersten Lottokönigs der Schweiz. Die Szene aus einem Dokumentarfilm lässt Dorothee Elmiger nicht los. Sie schreibt:

Zitat aus dem Buch: Vermute ich mittlerweile, dass diese wiederkehrenden Besuche, meine neurotischen Pilgerfahrten ihren Grund in der Tatsache haben, dass es sich um eine gewissermaßen unlösbare Szene handelt, um eine wenige Augenblicke dauernde Konvergenz verschiedenster Stränge der Geschichte.

Dorothee Elmiger
Dorothee Elmiger Bildrechte: Peter-Andreas Hassiepen

Sehr postmodern - in Form von Abschnitten, Fragmenten und Textmontagen verfolgt und verflicht Dorothee Elmiger diese "verschiedenste Stränge der Geschichte" in ihrem Buch, das wirkt wie ein kuratiertes Notizheft. Da geht es zum einen um den Aufstieg und Falls des Schweizer Arbeiters Werner Bruni, der zunächst mit seiner neu gewonnenen Freiheit in die Karibik reist, darunter Haiti. Haiti, ein Ort der Sehnsucht, aber auch der Gewalt, der Ausbeutung durch die Europäer, die ihre Lust nach Zucker nicht zügeln können. Das führt Elmiger zu dem Briten E. G. Wakefield, der über die Lohnarbeit in den Kolonien schreibt und Karl Marx, der in diesen Beschreibungen eine Entdeckung der Wahrheit über die kapitalistischen Verhältnisse in Wakefields Mutterland sieht. Der Zucker wiederum ist ebenso ein Symbol des Begehrens, des Verlangens, wie das Geld und, so schreibt Elmiger:

Zitat aus dem Buch: Mit diesem Hunger als Verfassung, mit dem 'Drang', wie es bei Ortega y Gasset heißt, 'aus sich herauszugehen', der allem Orgiastischen zugrunde liege (Trunkenheit, Mystik, Verliebtheit usw.).

Sieben Jahre Recherche

Rund sieben Jahre lang hat sie sich die Freiheit genommen, ihrer Recherche zu folgen. Wie hängen die europäische Gier nach Zucker, patriarchales und feminines Begehren, Wahnsinn, Sehnsucht, Sklaverei und kolonialer Kapitalismus zusammen? Elmiger sucht in der Literatur, Kolonialgeschichte, Kulturtheorie und Psychologie nach Antworten und stößt auf immer neue Verbindungen. Im Interview sagt sie: 

Mir war zu Beginn auch nicht genau klar, wonach ich eigentlich suche. Das Suchen, das war dann die eigentliche Bewegung, die, die man jetzt auch im Text finden kann. Und ich bin dann immer wieder auf neue Figuren und Episoden gestoßen, von denen ich das Gefühl hatte, hier gibt es einen Zusammenhang, und den will ich jetzt suchen.

Dorothee Elmiger, Schriftstellerin

So erzählt ein Abschnitt davon, wie der Ökonom Adam Smith seine Finger in eine Zuckerschale taucht, statt dem Verlangen nach seiner Cousine nachzugeben. Und die Psychiatriepatientin E. W. notiert Anfang des 20. Jahrhunderts, sie versuche, beim Essen den Hunger und die Liebe zu befriedigen.

Buchcover – Dorothee Elminger: „Aus der Zuckerfabrik“
Dorothee Elmiger: "Aus der Zuckerfabrik" Bildrechte: Hanser Verlag

All diese vielfältigen Recherche-Ergebnisse werden oft direkt zitiert oder notiert. Dazwischen verwebt Elmiger Passagen aus Literatur, Musik und Film. Wie zum Beispiel Heinrich von Kleists Novelle "Die Verlobung in St. Domingo" über Haitis erfolgreichen Sklavenaufstand; oder die jungen, hungrigen sowie gierigen Protagonistinnen aus Chantal Akermans experimentalen Filmen. Leider setzt die Autorin dabei Dreisprachigkeit voraus, eine Übersetzung der englischen und französischen Zitate gibt es nicht.

Die Autorin wird selbst Gegenstand der Recherche

Während Dorothee Elmiger ihr Recherchematerial zusammenbringt, merkt sie, dass sie als Suchende nicht neutral bleiben kann. Der Vorgang macht etwas mit ihr, schreibt sie, als sie auf dem Boden einer Kammer in Philadelphia liegt. Elmiger sagt: "Es ist mein Körper, der da liegt zwischen den verstreuten Dingen anderer, der zutiefst verwickelt ist in alles, was passiert, und das, was ich zuvor als Material abgelegt habe."

Diese Einmischung des Biografischen, sich zu situieren und selbst in den Text mit einzubringen, ist eine der großen Stärken des Buches. Elmiger spart sich nicht aus, sondern zeigt, was die ausufernde Recherche mit ihr macht, bringt ihre Reisen, Überlegungen, Unterhaltungen mit Freunden, Träume, Ängste sowie Begehren und unerfüllten Lieben mit hinein. Die Autorin ist nicht der blinde Fleck der Recherche, sondern wird zum Bindeglied: "Irgendwie habe ich gemerkt, das muss eine Form sein, in der ganz viel drin Platz hat, ganz heterogene Textformen. Ja, so ein bisschen wie in einem Tagebuch, indem man ja auch Notizen sammelt, Zitate reinschreibt und so weiter und so fort. In diesem Sinne ist es für mich ja ehe, ein Bericht oder ein Protokoll und nicht ein Roman. Wobei der Begriff 'Roman', da passt ja auch mittlerweile sehr viel rein."

Keine leichte Reise zwischen Gier, Geld und Zucker

Und an manchen Stellen kommt Dorothee Elmiger dann doch ins reine Erzählen, vor allem gen Ende des Buches. "Aus der Zuckerfabrik" ist sicherlich kein leichter Stoff und verlangt seinen Leserinnen und Lesern intellektuell so einiges ab. Aber das Experiment mit der Form gelingt. Denn sie führt all diese Textpassagen so spannend und geschickt zusammen in ihrem klaren, sehr ästhetischen Stil. Egal an welcher Stelle man das Buch aufschlägt, man wird sofort hineingezogen in den Wald der Querverweise und die berauschende Reise um Gier, Geld, Zucker, Kolonialismus und weibliches Begehren. Eine fast nie enden wollende Reise, die nach der Lektüre im Kopf weitergeht.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. August 2020 | 07:10 Uhr