Die Welt zu Fuß erkunden "Walks of a Lifetime": Reiseinspiration statt Wanderführer

Viele Menschen denken bei Urlaub an lange Autofahrten, an All-Inclusive-Hotels und Stadtrundgänge. Für andere bietet die Ferienzeit gerade während der Corona-Epidemie die Möglichkeit, aus der Stadt und in die Natur zu gehen. Das Buch "Walks of a Lifetime – die 100 spektakulärsten Wanderungen weltweit" von National Geographic stellt mehrere Wanderwege auf der ganzen Welt vor. Ein Buch voller Inspirationen, meint der wanderbegeisterte MDR Kultur-Redakteur Ben Hänchen.

Ein Mann springt über eine Felsspalte.
Ein Mann springt über eine Unebenheit beim Noatak Fluß Bildrechte: Design Pics Inc/National Geographic Creative

Schöne Hochglanz-Aufnahmen, beeindruckende Perspektiven, besondere Orte – das sind drei große Stärken von National Geogragraphic, die auch diesen Band prägen. "Walks of a Lifetime" will keine Einblicke, Reportagen oder Recherchen bieten, sondern vor allem hübsch und breit aufgestellt sein. Das gelingt, denn das Buch versammelt auf knapp 400 Seiten 100 Wanderrouten aus der ganzen Welt, die perfekt in Szene gesetzt sind. Das Buch dient jedoch nicht als Wanderführer und die Beschreibungen der Wanderungen geben kaum Hinweise zum Nachwandern. So wird der Great Himalaya Trail – die vielleicht anstrengendste Route der Welt, die in 150 Tagen und auf 1.700 Kilometer einmal quer durch das höchste Gebirge der Welt führt – auf lediglich sechs Seiten abgebildet, bei denen es sich bei der Hälfte um Bildseiten handelt.

Sinnliche Beschreibungen

Der große und schwere Band will nicht durch die Wanderungen führen, sondern zeigen, was die jeweiligen Routen ausmacht. Das ist oft treffend zusammengefasst und trotz der Knappheit sinnlicher beschrieben als bei den meisten Wanderführern. Eine weitere Stärke, die National Geographic neben den Hochglanz-Bildern besitzt, ist das Labeln. Die Redaktion fasst die Stimmung eines Ortes in einer Überschrift zusammen, die große Worte enthalten und Lust auf mehr machen sollen: "Reich der riesigen Felsen" in China, "Fußstapfen der Propheten" in Israel, "Königreich aus Eis" in Indien oder "Dschungel-Abenteuer im Stil von Indiana Jones" in Kolumbien.

Rwanda's Volcan National Park
Der Volcanoes National Park in Ruanda Bildrechte: Ronan Donovan/National Geographic Creative

"Walks of a Lifetime" bietet auch die wichtigsten Wanderdaten: Distanz, empfohlene Jahreszeit, Dauer und Schwierigkeitsgrad. Außerdem gibt es die Kategorie "Gut zu wissen", in der nette Belanglosigkeiten vom Wegesrand erzählt, aber hin und wieder auch wirklich wichtige Tipps wie Reisewarnungen gegeben werden.

Übersichtliche Struktur

Der Bildband ist nicht innovativ, aber übersichtlich aufgebaut. Die einzelnen Routen werden nach den Kontinenten sortiert: Nordamerika, Südamerika, Europa, Afrika und Asien. Ozeanien, Australien und die Antarktis bilden gemeinsam das Schlusskapitel.

Menschen laufen auf einem Vulkan.
Wandergruppe beim Aufstieg auf den Stromboli-Vulkan Bildrechte: Robbie Shone/National Geographic Creative

Zu Beginn gibt es, neben einem Vorwort und einer netten Einleitung, eine Übersicht zur nötigen Basisausrüstung, die aber grob und allgemein gehalten wurde. Da es sich bei "Walks of a Lifetime" nicht um einen Wanderführer handelt, hätte es diese Übersicht nicht gebraucht. Am Ende ist das Buch so, wie es die geneigte Leserschaft von National Geographic kennt.

Spannender als der Aufbau des Buches ist die Auswahl der Touren. Denn das ist die dritte große Stärke von National Geographic: Die Herausgeber wissen, wo sich die spannendsten Orte der Welt befinden, auch wenn sie diese nicht unbedingt gut kennen.

Spannende Orte auf der ganzen Welt

In Nordamerika wird der Kalalau Trail auf Hawaii vorgestellt. Die meisten Menschen kennen die Insel als Strandparadies und wandern vielleicht auf einer Tagestour. Der Kalalu Trail hingegen ist recht anspruchsvoll und führt über mehrere Tage durch eine beeindruckende Landschaft zwischen Dschungel und Küste. In Südamerika wird unter anderem eine 9-Tages-Tour zum Salto Ángel, dem höchsten Wasserfall der Welt, empfohlen, der laut Beschreibung bis "an den Rand des Abgrunds" führt.

Salto Angel, der höchste Wasserfall der Welt, Canaima Nationalpark, Venezuela, Südamerika.
Der Wasserfall Salto Ángel Bildrechte: imago/stock&people

Von den Wanderwegen in Europa dürften den deutschen Wanderfreudigen viele bekannt vorkommen. Auch Mitteldeutschland wird erwähnt: Nach Meinung von National Geographic sollte man einmal im Leben durch das Elbsandsteingebirge wandern, am besten auf dem Malerweg.

Szenen aus der Unterwegs in Sachsen-Sendung auf dem Malerweg in der Sächsischen Schweiz.
Der Malerweg in sächsischen Elbsandsteingebirge Bildrechte: MDR/Beate Werner

In Afrika empfiehlt die Redaktion neben ein paar Stunden Sandrodeln in Namibia auch den Margherita Peak in Uganda – eine skurrile Landschaft aus Mondbergen. Diese Wanderung erfordert viel Erfahrung und manche meinen, dass es zwar die härteste Tour sei, die sie je absolviert haben, aber auch die schönste: hoch hinaus bis auf 4.900 Höhenmeter, über Flüsse, bei Dauerregen vorbei an Schimpansen und Bambusbäumen.

In Asien steht der Himalaya im Zentrum, aber National Geographic zeigt, dass es in diesem Riesengebirge auch andere, durchaus anspruchsvolle Wanderwege gibt, wie zum Beispiel auf den Vulkan Rinjani in Indonesien. Das letzte Kapitel besteht vor allem aus moderaten Wanderungen durch Neuseeland, Papua-Neuguinea oder Fidschi. Überraschender Weise gibt es auch leichtere Touren in der Antarktis, wie ein Spaziergang von einem Observation-Camp durch die Schneewüste.

Wanderer auf einem Berg
Wanderer beim Vulkan Rinjani Bildrechte: imago images/ZUMA Press

Inspiration statt Erklärung

Das gilt allgemein für dieses Buch: Es geht nicht um Expeditionen, sondern wirklich um Wanderungen, die je nach Erfahrung realistisch sind. Dementsprechend geht es "nur" zum Basislager des Everest, statt bis zur Spitze. Denn es geht nicht um Extremerfahrungen, sondern darum, die Welt zu Fuß zu entdecken. Der Band stellt dafür sowohl bekannte Wege, zum Beispiel auf den Mont Blanc, aber auch Geheimtipps, wie eine kleine Wanderung durch farbenfrohe italienische Dörfer oder spannende Alternativen zu bekannten Orten wie dem Machu Picchu, vor. Der Band "Walks of a Lifetime" darf nicht als Wanderführer verstanden werden, weil dafür zu viel Informationen fehlen. Stattdessen bietet es vor allem Inspirationen, die zu der einen oder anderen Reise anregen können.

Das Filmplakat von Walks of a Lifetime
Bildrechte: National Geographic Creative

Angaben zum Buch Kate Siber: "Walks of a Lifetime – die 100 spektakulärsten Wanderungen weltweit"
erschienen bei National Geographic
400 Seiten
39,99 Euro
ISBN: 9783866907294

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Juli 2020 | 14:15 Uhr