Dorf in den Alpen.
Chiavenna in der Lombardei ist einer der Handlungsorte in Esther Kinskys Roman Bildrechte: imago/robertharding

Ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse Esther Kinskys "Hain" überzeugt ohne Handlung

Weiberroman, Kindheitsroman, Büroroman - es mangelt in der jüngeren Literatur nicht an Unterabteilungen der unerschöpflichen Romangattung. Die 1956 geborene Übersetzerin und Erzählerin Esther Kinsky fügt dem mit ihrem "Geländeroman" eine neue Variante hinzu, die sofort das Zentrum ihres vierten Romans "Hain" benennt. Es geht um die Erfassung von "Gelände", von abgrenzbaren Landschaftsformationen, die das Wesen der Ich-Erzählerin prägen und auszumachen scheinen. Mit "Hain" hat Esther Kinsky in der Kategorie Belletristik den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 gewonnen.

von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Dorf in den Alpen.
Chiavenna in der Lombardei ist einer der Handlungsorte in Esther Kinskys Roman Bildrechte: imago/robertharding

Anknüpfend an Esther Kinskys 2014 erschienenen Roman "Am Fluss", der in Marschlande unweit von London führte, umkreisen die drei Kapitel von "Hain" weithin kaum bekanntes italienisches Terrain. Olevano, östlich von Rom gelegen, Chiavenna in der Lombardei und Comacchio im Po-Delta sind die drei Angelpunkte, von denen aus die Erzählerin Stationen ihres Lebens auffächert, umkreist, nachzuerzählen versucht. Ein "schweres Herz" trägt sie dabei mit sich herum, die Trauer um ihren verstorbenen Mann M., der ihre Gedanken nicht loslässt, der ihre Erinnerungen besetzt und auf ihren Streifzügen stets präsent ist.

Intensiv und nahezu ohne Plot

Vertraut mit der italienischen Kultur, mit Schriftstellern wie Pasolini, Bassani und Montale, inszeniert Kinsky einen anspielungsreichen Roman, der nahezu ohne Plot auskommt und sich stattdessen mit unglaublicher Intensität auf alles Gesehene, Geträumte und Erinnerte einlässt.

Immer wieder wechselt die Erzählerin die Perspektiven, besieht sich die Orte, Hügel und Flüsse von allen Seiten, macht Nah- und Fernaufnahmen und bleibt in allem eine distanzierte, spröde Beobachterin.

Das Leben und immer auch der Tod

Esther Kinsky, 2009
Esther Kinsky Bildrechte: dpa

Eine Fülle sinnlicher Einzelheiten - Aale, Reiher, Schweinefüße, Blutorangen - sorgt für einen einmaligen Ton, der das pralle Leben fast auf jeder Seite mit dem Tod verknüpft, sei es durch die Erinnerung an M., sei es durch die an den Vater, der vor allem im zweiten Romanteil heraufbeschworen wird.

Friedhöfe sind es wieder und wieder, die die Erzählerin anziehen. Sie besichtigt Grabsteine, schreitet Kolumbarien, die "Taubenschläge für die Seele", ab und forscht nach den Biografien von vergessenen Toten. Was verbindet diese Toten mit den Lebenden? Was haben die Hinterbliebenen - welch doppelbödiges Wort! - damit zu tun? Das ist eine der thematischen Hauptstränge dieses Buches, und dass der Titel "Hain" sofort Assoziationen an das homophone "(Freund) Hein" weckt, ist selbstverständlich kein Zufall.

Gewaltige Sogkraft

Es ist fast unmöglich, sich Esther Kinskys Roman zu entziehen. Wer sich einmal darauf eingelassen hat, der Erzählerin durch ihr Gelände zu folgen, mit ihren Augen zu sehen, verschmilzt nach und nach mit dem Wahrgenommenen.

Ein Mann in einem Boot auf einem Kanal
Auch die Gegend um Comacchio im Po-Delta an der Adria spielt eine Rolle in "Hain" Bildrechte: IMAGO

Zu tun hat das vor allem mit Kinskys ambitionierter Sprache, die kein Risiko scheut. Die in der gegenwärtigen Literatur so verbreitete Scheu vor aussagekräftigen, nicht bloß schmückenden Adjektiven teilt Kinsky in keiner Weise. Sie reichert ihre Prosa mit einem Füllhorn klangvoller Beiwörter an.

Diese manchmal ausufernde Lust am Epitheton würde man kaum einem anderen Autor durchgehen lassen; bei Kinsky stellt sich diese Frage schlichtweg nicht. Mit traumwandlerischer Sicherheit schafft sie Landschaftsgemälde, deren Metaphern, Farben und Bilder nur selten manieriert wirken. Und so liegt über diesen oft grauen, zersiedelten Gegenden (Ober-)Italiens insgeheim jener ins Transzendente weisende Lapislazuli-Ton, von dem der (kunst)historisch bewanderte Vater der Erzählerin so zu schwärmen wusste.

Schaffung einer "Geheimsprache"

"Könnte man nicht mit der Anordnung von Bäumen einen Sinn ausdrücken, könnte das nicht eine Geheimsprache sein?" Dieses Zitat aus Ludwig Wittgensteins "Philosophischer Grammatik" stellt Esther Kinsky ihrem Roman als Motto voran - und spiegelt darin ihr eigenes poetologisches Credo. Ja, "Hain", soeben mit dem Düsseldorfer Literaturpreis ausgezeichnet und für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, versucht dieser Geheim-, dieser Zaubersprache von Landschaft nahezukommen.

Esther Kinsky: "Hain" 287 Seiten, gebunden, 24 Euro
ISBN 978-3-518-42789-7
Suhrkamp Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Februar 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. März 2018, 10:02 Uhr

Leipziger Buchmesse 2018

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