Ein Mädchen in einem Segleroutfit zielt mit einem Gewehr auf die Kamera.
Die Protagonistin des Romans lernt schon früh mit der Waffe umzugehen. Bildrechte: imago/fStop Images

Buchtipp "Mein Ein und Alles": Roman über eine waffenverrückte Gesellschaft und ihre Perversion

Mit seinem Debüt legt der junge US-amerikanische Autor Gabriel Tallent einen rasant erzählten Roman vor, der sich wie ein Schusswechsel liest. Im Mittelpunkt steht Julia, die schon als Kind schießen lernt und von ihrem Vater missbraucht wird. Das Buch zeichnet das Bild eines verwilderten Amerikas. Absolut lesenswert.

von Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

Ein Mädchen in einem Segleroutfit zielt mit einem Gewehr auf die Kamera.
Die Protagonistin des Romans lernt schon früh mit der Waffe umzugehen. Bildrechte: imago/fStop Images

Seit sie sechs ist, trainiert der intellektuelle Waffennarr Martin Alveston seine Tochter im Schießen. Auch wenn es der Großvater nicht gerne sieht: Julia, genannt "Turtle", bekommt eine Schutzweste verpasst und lernt, am Küchentisch der verfallenden Holzvilla zu zielen. Dort, wo die Waschbären die benutzten Pfannen sauberlecken, es zum Frühstück Bier und rohe Eier gibt, der Vater Rousseau und Hume liest und sich über die Leute erbittert, die unsere hausgemachte Klimakatastrophe nicht wahrnehmen. Dort wächst das mutterlose Kind auf, in der fixen Idee der schussbereiten Verteidigungshaltung gegen die Welt. Dabei lebt der Feind an ihrer Seite: Morgens bringt Martin seine Tochter zum Schulbus. Und nachts vergeht er sich an ihr.

Kammerspiel mit Waffengewalt

Turtle und ihr Vater leben in ihrer verwilderten Symbiose. Immer wieder konfrontiert Martin seine Tochter mit seinen pädagogisch verkleideten Sadismen, immer öfter denkt Turtle daran, einfach wegzugehen. Sie ist vierzehn und will mehr von der Welt. Da ist Jacob, dessen T-Shirt sie in ihrem Zimmer versteckt. Da sind dessen Eltern und seine Schwester, die ihr Einblicke geben in ein ganz anderes Konzept von Familie. Doch diese Kränkung wird Martin Alveston nicht hinnehmen. Er lässt seinen "Krümel" nicht gehen. Zu dumm, dass er sie zur perfekten Schützin ausgebildet hat ...

Dieser Roman liest sich wie ein fast 500 Seiten langer Schusswechsel. Gabriel Tallent hat ein Kammerspiel in der Wildnis inszeniert, und steht damit auch für eine neue Generation von amerikanischen Erzählern, die sich mit Familie und Identität, Geschlechterfragen und untergründigen Kulturen auseinandersetzen. Hanya Yanagiharas Roman "Ein wenig Leben" hat vor zwei Jahren mit ähnlicher Gewalt ähnlich viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Und auch "Mein Ein und Alles" ist ein Buch des gewalttätigen Exzesses, das eben deshalb die europäische Leserin zunächst schockiert – denn so spannend sich das Buch liest, es ist auch der Bericht über eine waffenverrückte Gesellschaft und ihre Perversion. Interessanterweise ist es Ende die Schule, eine Lehrerin, die institutionalisierte Bildung per se, die einen Ausweg aufscheinen lässt.

Eine windschiefe Protagonistin zum Verlieben

"Mein Ein und Alles" ist kein Schnellschuss. Beinahe acht Jahre hat Tallent an dem Roman gearbeitet. Eigentlich wollte er ein Buch schreiben, das mit fiktionalen Mitteln über die Zerstörung der Umwelt und den Klimawandel berichtet. Doch irgendwann im Schreiben kristallisierte sich die seltsame Hauptfigur Turtle aus einem großen Personentableau heraus und wollte mehr sein als eine Episode. Sie ist die Protagonistin geworden – und es fällt nicht schwer, sich in dieses windschiefe Mädchen zu verlieben. Selten hat man eine sperrige, rotzige, trotzige, mutige Hauptfigurine im karierten Flanellhemd so lieben gelernt wie in diesem Roman. Ihre Härte gegen sich und die Umstände ist bewundernswert, ihre Verletzlichkeit unter dem Schildkrötenpanzer verborgen.

Langsam atmend lässt sie die Stunden verstreichen, und jede Stunde ist wie die erste, jeder Atemzug wie der letzte, während sie den Silberfischen zusieht, die durch die fusseligen Ritzen zwischen den Bohlen irren, und eine Empfindsamkeit in ihr erwacht, die sie lange nicht zugelassen, in der Schwebe gehalten hat, und sie spürt ihn, spürt den Schmerz, der sich in ihr sammelt.

Aus dem Roman "Mein Ein und Alles"

Eine neue Stimme der amerikanischen Literatur

Ein junger Mann mit dunklem Shirt und kariertem Hemd lehnt entspannt an einer Holzwand und schaut leicht lächelnd in die Kamera.
Gabriel Tallent ist 1987 geboren und legt mit "Mein Ein und Alles" seinen Debütroman vor. Bildrechte: Alex Adams Photography

"Mein Ein und Alles" ist das Debüt von Gabriel Tallent, der 1987 in New Mexico geboren ist und in der Nähe von Mendocino mit zwei Müttern aufwuchs. Diese kalifornisch-feministische Kindheit in der Natur spiegelt sich in dem Buch, etwa wenn Turtle mit der bloßen Hand Aale fängt, durch die Wälder streunt und unerschrocken an Skorpionen knabbert. Oder wenn sie einer Freundin ihrer Mutter begegnet, die sich ohne Slip im Schneidersitz präsentiert und den Ausruf "ach, Göttin" einflechtet, wo sie kann.

Tallent erzählt von einem Küstengebiet nördlich von San Francisco, in dem sich ein Amerika findet, über das zuletzt vielleicht bei Henry Miller oder Jack Kerouac zu lesen war. Nicht die Intellektuellenszene von New York oder Boston, nicht die Redneck-Communities im Rust Belt der USA interessieren Tallent, sondern das seltsame Gemisch aus Alt-Hippies und Neureichen, die sich hier in einer spezifischen Art der Depression treffen. Der Pazifik ist atemberaubend, das Wetter gut, doch die Wildnis hat Raum gegriffen. Die Figuren des Romans selbst haben etwas Pflanzenartiges, werden Gewächse der Umgebung, kommen nicht weg durch ihre tiefen Verwurzelungen.

Der Begriff 'Meisterwerk' wird zu häufig benutzt, doch 'Mein Ein und Alles' ist ohne jeden Zweifel eines.

Stephen King, Schriftsteller

Bild eines verwilderten Amerikas

Die Erzählung der Natur, die eben keine Idylle ist, nutzt Tallent auf bemerkenswerte Weise, um die Labilität seiner Figuren zu zeichnen. Zumal die Wildnis übergegriffen hat auf die um die Mutter amputierte Kleinfamilie, die kein Gegengewicht zum Patriarchen bilden konnte. Wenn, wie der Ethnologe Claude Lévi-Strauss bemerkt hat, die Vermeidung des Inzest eben der entscheidende Schritt zur Kultur ist, hat Martin Alveston mit seiner Tochter diesen Schritt längst rückwärts aus der Kultur hinaus gemacht. Welch ein Bild für das heutige Amerika.

Angaben zum Buch Gabriel Tallent: "Mein Ein und Alles", aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner, erschienen im Penguin Verlag. Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 480 Seiten, 24 Euro. Auch als Ebook erhältlich.

auch erschienen als Hörbuch bei Randomhouse, gelesen von Anna Thalbach. 2 CDs, 24 Euro. ISBN: 978-3-8371-4364-5 Auch zum Download.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. September 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. September 2018, 04:00 Uhr

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