Ein Tisch mit Stühlen und einer Hängelampe.
Der Küchentisch ist ein Ort der Wahrheit. Hier gaben Frauen Auskunft über ihre Wünsche, ihr Leben, ihre Liebe und beruflichen Neuanfänge ... Bildrechte: imago/Westend61

Frauen erzählen über ihr Leben Das Interview-Buch "He, du Glückliche!" führt Maxie Wanders Werk weiter

1977 erschien Maxie Wanders Reportagen-Band "Guten Morgen, Du Schöne" im DDR-Verlag Der Morgen. Darin geben Frauen offen Auskunft über ihr Leben und ihre Sicht auf die Welt. Kurz nach Erscheinen des Buches starb Maxie Wander an Krebs. Das Werk feierte einen Siegeszug, auch in Westdeutschland, und wurde in viele Sprachen übersetzt. Heute ist es um die Autorin und ihren damaligen Bestseller still geworden. 40 Jahre nach dessen Erscheinen gibt es jetzt einen neuen Band mit Reportagen. MDR KULTUR-Literaturkritikerin Eva Gaeding stellt ihn vor.

Ein Tisch mit Stühlen und einer Hängelampe.
Der Küchentisch ist ein Ort der Wahrheit. Hier gaben Frauen Auskunft über ihre Wünsche, ihr Leben, ihre Liebe und beruflichen Neuanfänge ... Bildrechte: imago/Westend61

Der Küchentisch ist ein Ort der Wahrheit. Ulrike Jackwerth sitzt an einem besonders großen Modell und gibt Auskunft über das Auskunftgeben. Genauer: Sie erklärt, was sie und ihre Kollegin Monika Stenzel bewog, Frauen zu bitten, über sich zu erzählen:

Wann wirst du diese Fragen gefragt über dein Leben, von Anbeginn bis heute. Über das, was du denkst, wie du dich fühlst. Da gibt's nur zwei Dinge: Entweder, du bist frisch verliebt, oder du gehst zum Psychiater, weil du Probleme hast.

Ulrike Jackwerth, Schauspielerin und Buchautorin

Und nun gab es also den Küchentisch als dritte Möglichkeit. Denn dahin luden die Jackwerth und Stenzel Frauen unterschiedlichen Alters ein, um ihnen diese Fragen zu stellen. Aus den dabei geführten Protokollen entstand ihr gemeinsames Buch "He, du Glückliche".

Von "Guten Morgen, du Schöne" zu "He, du Glückliche"

Die österreichische Schriftstellerin Maxi Wander. (Undatierte Aufnahme).
Maxi Wander Bildrechte: dpa

Wem der Titel irgendwie bekannt vorkommt: Das ist kein Zufall. Maxie Wanders Reportage-Band "Guten Morgen, du Schöne", der vor 40 Jahren erschien, stand für ihre Idee Pate.

Kennengelernt hatten die beiden Schauspielerinnen Maxie Wanders Buch als junge Frauen in einer Bearbeitung für die Bühne: "Wir fanden das schon toll, dass jemand sich wagt, solche Sachen zu sagen und aufzuschreiben", sagt Stenzel. Für sie meint das vor allem die große Offenheit, mit der die Befragten zu Themen wie Sexualität, Arbeit, Familie sowie ihrem Blick auf die Gesellschaft Auskunft gaben. Und wie Maxi Wander dieser Offenheit begegnete:

Die Art und Weise, wie sie mit diesen Interviews umgegangen ist, wie sie daraus diese Texte gemacht hat. Und das war ja unser Streben, uns zu fragen: Wie geht es den Frauen eigentlich heute, nach der Wende? Also insofern war sie dann schon unser Leit …, unsere Leitfrau.

Monika Stenzel, Schauspielerin und Buchautorin

Haben Frauen heute andere Wünsche als vor 40 Jahren?

Monika Stenzel und Ulrike Jackwerth: He, du Glückliche
Buchcover Bildrechte: Mitteldeutscher Verlag

29 Frauen kommen in "He, du Glückliche" zu Wort. Anfangs wilderten Jackwerth und Stenzel dafür in ihrem Freundes- und Verwandtenkreis. Doch schon bald wurde die Sache zu einem Selbstläufer. Drei Generationen nahmen an ihrem Küchentisch Platz. 19 ist die jüngste, 80 die älteste. Sie alle verbindet dabei ihre Herkunft aus der DDR: "Das schwang natürlich immer mit: Egal, wie alt die Interviewpartnerinnen waren: Damals war das so und heute ist es so, und wie war die Zeit dazwischen, die Zeit des Mauerfalls."

So stellt das Buch auch eine Korrespondenz zu Maxie Wanders Reportagen her. Mögen sich die Lebensumstände seitdem grundlegend gewandelt haben, doch haben die 40 vergangenen Jahre auch in den Köpfen und Herzen der Frauen etwas verändert? Wird anders geliebt, anders geträumt und gefürchtet? Das Buch "He, du Glückliche" bietet auf solche Fragen - natürlich - keine eindeutigen Antworten. Vielmehr klingen im vielstimmigen Chor immer wieder bestimmte Motive an.

Selbstverwirklichung - ein großes Thema damals und heute

Monika Stenzel und Ulrike Jackwerth
Ulrike Jackwerth und Monika Stenzel Bildrechte: Maximilian Jackwerth

Der Wunsch nach Selbstverwirklichung ist so ein Motiv, das sich, leicht variiert, auch in Wanders "Guten Morgen, du Schöne" findet. Neu ist die atemberaubende Anzahl von beruflichen Neuanfängen, die ein Leben heute im Schnitt verzeichnet. Trotz dieser vielfach gewundenen Biografien hört man aber kaum Misstöne. Gern hätten die Autorinnen auch mal die andere Seite bedient, also die Unzufriedenen. Doch "die sehr Unzufriedenen, die haben wir nicht gefunden", sagt Jackwerth.

Und noch eine Gruppe fehlt naturgemäß im Kreis der Auskunftgebenden - wie schon bei Maxie Wander. Eine große Gruppe: die Männer. Wie geht es denn denen heute? Doch ob die genauso offen zu sprechen bereit wären, daran hat Ulrike Jackwerth so ihre Zweifel. "Einmal saß einer daneben, bei seiner Frau", erinnert sich Stenzel. Und Jackwerth ergänzt: "Der war ganz still."

Bis es soweit ist, und ein Mann spricht, gibt es aber mit "He, du Glückliche" genügend Lesestoff. Und nicht zuletzt ist das Buch auch ein schöner Anlass, um auch Maxie Wanders "Guten Morgen, du Schöne" wieder in die Hand zu nehmen.

Informationen zum Buch: Monika Stenzel/Ulrike Jackwerth:
"He, du Glückliche!"
29 Lebensgeschichten
Erschienen im Mitteldeutschen Verlag

264 S., 16 Euro
ISBN 978-3-96311-025-2

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. August 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. August 2018, 04:00 Uhr

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