Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt (l) besucht am 03.07.1986 in Leipzig in der DDR den Maler Berhard Heisig zur Fortsetzung der Arbeiten am Porträt des SPD-Politikers.
Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt (l) besucht am 3. Juli 1986 in Leipzig den Maler Berhard Heisig zur Fortsetzung der Arbeiten am Porträt des SPD-Politikers. Bildrechte: dpa

Sachbuch "Heisig malt Schmidt": Wie sich ein Westkanzler von einem Ostkünstler malen ließ

Auch fast 30 Jahre nach dem Mauerfall lassen sich noch deutsch-deutsche Geschichten erzählen, die bisher so detailliert eher unbekannt waren. Zum Beispiel die, wie ein deutscher Bundeskanzler sich von einem Maler aus der DDR porträtieren ließ. So geschehen im Jahr 1986, als Helmut Schmidt - damals schon außer Dienst - ein paar Mal nach Leipzig zu Bernhard Heisig reiste. Dort saß er für das offizielle Kanzler-Portrait Modell, das später im Kanzleramt in Bonn aufgehängt werden sollte. Nun hat Kristina Volke diese Geschichte aufgeschrieben, in ihrem Buch "Heisig malt Schmidt".

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt (l) besucht am 03.07.1986 in Leipzig in der DDR den Maler Berhard Heisig zur Fortsetzung der Arbeiten am Porträt des SPD-Politikers.
Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt (l) besucht am 3. Juli 1986 in Leipzig den Maler Berhard Heisig zur Fortsetzung der Arbeiten am Porträt des SPD-Politikers. Bildrechte: dpa
Sachbuch: Heisig malt Schmidt von Kristina Volke (Buchcover) 4 min
Bildrechte: Ch. Links Verlag
Sachbuch: Heisig malt Schmidt von Kristina Volke (Buchcover) 4 min
Bildrechte: Ch. Links Verlag

Wenn sie im selben Land gelebt hätten, wären sie wahrscheinlich Freunde geworden, der Kanzler und der Maler, Helmut Schmidt und Bernhard Heisig. Denn so unähnlich, wie es auf den ersten Blick scheint, waren sie sich gar nicht. Eigensinnig, kritisch, engagiert bis arbeitswütig in ihrem Fach, geprägt von deutscher Geschichte. Vielleicht hat Schmidt diese menschliche Nähe ja gespürt, als er sich entschied, dass der Maler aus Leipzig, aus der DDR, ihn porträtieren sollte für die Ahnenreihe bundesdeutscher Kanzler. Denn Schmidts Kanzlerschaft war 1982 mit einem Misstrauensvotum beendet worden. Nun konnte er als "Elder Statesman" in die Geschichte eingehen. Ein besonders originelles Kapitel daraus erzählt Kristina Volke in ihrem Buch "Heisig malt Schmidt".

Das Gemälde "Atelierbesuch" des Leipziger Künstlers Bernhard Heisig mit dem Bildnis von Helmut Schmidt betrachtet eine Frau im Museum der bildenden Künste in Leipzig.
Das Gemälde "Atelierbesuch" des Leipziger Künstlers Bernhard Heisig mit dem Bildnis von Helmut Schmidt im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Bildrechte: dpa

"Die so rekonstruierte Geschichte um das Kanzlerporträt Helmut Schmidt hat die Kraft, an einen wichtigen Aspekt des Kalten Krieges zu erinnern: die Kunst als dessen symbolischem Schauplatz. Der sogenannte deutsch-deutsche Bilderstreit hat nach der Wiedervereinigung gezeigt, wie viel Sprengstoff in diesem Thema steckt, weil es von offenen und verborgenen politischen Interessen, von einem Geflecht unzähliger Akteure dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs, von Idealisierungen, Instrumentalisierungen und Indienstnahmen, von Schuld und menschlichem Unvermögen, von der Gleichzeitigkeit von Diplomatie und Fauxpas und von unversöhnlichen Generationenkonflikten erzählt."

Zu den unzähligen Akteuren zählen im Kalten Krieg unweigerlich die Vertreter der Staatssicherheit. Kristina Volke zitiert immer wieder aus den umfangreichen Akten, die über Schmidt und Heisig gefüllt wurden und die, aus heutiger Sicht betrachtet, wahrlich tragikomische Züge tragen. Zum Beispiel, wenn darin die kulinarischen Vorlieben des Bundeskanzlers akribisch zusammengetragen werden: "Getränke: Kaffee, Tee, Butter Milch, Sprudel, kein Abstinenzler. Speisen: liebt Bratkartoffeln mit Frikadellen und Bohnensalat, Kartoffelsuppe mit Würstchen und Schwarzbrot mit Butter, doppelte Kraftbrühe, Hühnersuppe, mäßig Zuckergebäck, Eis in allen Sorten und Arten."

Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt (l) besucht am 03.07.1986 in Leipzig in der DDR den Maler Berhard Heisig zur Fortsetzung der Arbeiten am Porträt des SPD-Politikers. 4 min
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Schmidt mochte es deftig: Es gab Bockwurst und Kuchen

Der in Leipzig (DDR) lebende Maler Bernhard Heisig vor einer Skizze von Altbundeskanzler Helmut Schmidt.
Der in Leipzig lebende Maler Bernhard Heisig vor einer Skizze von Altbundeskanzler Helmut Schmidt. Bildrechte: dpa

Helmut Schmidt mag es also offensichtlich deftig, auch das teilt er mit Bernhard Heisig. Als er im Sommer 1986 zu ihm nach Leipzig fährt, gibt es Bockwurst und Kuchen. Aber lange halten sich die Männer nicht auf, es gibt schließlich einen Auftrag zu erfüllen. "Heisig hat alles für sie hergerichtet", heißt es im Buch. "Die Skizzen, die Heisig im Hamburg angefertigt hat, sind aufgehängt, auf drei Staffeleien stehen begonnene Leinwände mit Schmidt-Portraits, eine weitere, jungfräulich weiße, steht bereit. Gerahmt werden sie von Heisigs großen Gemälden, die an den Wänden historisch schwerlastig und visuell präsent wie eine bildgewordene Bibliothek der deutschen Geschichte hängen."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) trägt sich am 11.11.2015 im Bundeskanzleramt in Berlin unter dem Porträt von Helmut Schmidt des Künstlers Bernhard Heisig aus dem Jahr 1986 in ein Kondolenzbuch für den am 10.11.2015 verstorbenen früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt (1918 - 2015) ein, während Bundespräsident Joachim Gauck neben ihr steht.
Angela Merkel erwies Helmut Schmidt die letzte Ehre - im Hintergrund das Kanzlerportrait von Bernhard Heisig. Bildrechte: dpa

Am Ende werden es sieben Varianten eines Portraits sein, die entstehen. Nur eines, ein nachdenklicher Schmidt mit Brille in der Hand, wird es schließlich in die Kanzlergalerie schaffen. Kristina Volke erzählt von diesem Weg sachlich und zugleich mit Empathie für beide Männer, sie liefert viel Hintergrundwissen über die Biografien und ihre Konflikte innerhalb ihres jeweiligen Systems. Besonders wichtig dabei das Kapitel "Nachwehen", in dem die Kunstwissenschaftlerin, die bereits einer Nachwende-Generation angehört, die verhärteten Fronten zwischen Ost und West beschreibt. Sie münden ganz konkret in der Diskussion, welche deutschen Maler im gesamtdeutschen Reichstag gezeigt werden dürfen. Die beiden alten Männer stehen da allerdings längst über den ideologischen Dingen: "Helmut Schmidt und Bernhard Heisig bleiben bis zum Ende in freundschaftlichem Kontakt. Sie senden sich gegenseitig die eigenen Veröffentlichungen zu und tauschen sich über die Bürde des Alters aus."

Fotografien von Helmut Schmidt in Strümpfen

Sachbuch: Heisig malt Schmidt von Kristina Volke (Buchcover)
Sachbuch: Heisig malt Schmidt von Kristina Volke (Buchcover) Bildrechte: Ch. Links Verlag

Vielsagend sind übrigens auch die Bilder in diesem aufschlussreichen Buch von Kristina Volke - nicht nur Heisigs Gemälde, um die sich alles dreht. Darunter vertraute Szenen aus Heisigs Atelier mit einem Schmidt auf Strümpfen und Stasi-Schnappschüsse von seiner Frau Loki im Leipziger Zoo. Am interessantesten ist allerdings eine Aufnahme, auf der - am 11. November 1986 - im Bonner Kanzleramt Bernhard Heisigs Portrait enthüllt wird. Zu sehen sind hier nicht nur der Maler aus der DDR und das Ehepaar Helmut und Loki Schmidt. Zu sehen ist auch Helmut Kohl, der amtierende Kanzler. Der muss zusehen, wie sein Amtssitz Schauplatz eines deutsch-deutschen Husarenstreiches wird. Besonders begeistert sieht er nicht aus. Nur drei Jahre später fällt die Mauer und Kohl wird zum Kanzler der Einheit. Eine Einheit, die Helmut Schmidt und Bernhard Heisig insgeheim bereits gelebt haben.

Angaben zum Buch "Heisig malt Schmidt. Eine deutsche Geschichte über Kunst und Politik" von Kristina Volke, erschienen im Christoph Links Verlag, gebunden mit Schutzumschlag, 224 Seiten, 30 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Oktober 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2018, 04:00 Uhr