Interview "Jenaer Corona-Gespräche": Mit Distanz kommen wir weiter

Wegen der Corona-Krise wurde die Kultur in diesem Jahr ausgebremst. Jonas Zipf, Leiter des Jenaer Kulturbetriebes Werkleitung, hatte in dieser Phase plötzlich mehr Zeit, die er dazu nutzte, um mit anderen Kulturschaffenden ins Gespräch zu kommen. Er sprach mit Theatermachern und Philosophen über die aktuelle Krise und die Themen, die sie wieder zum Vorschein bringt. Nun sind die Gespräche unter dem Titel "Inne halten: Chronik einer Krise. Jenaer Corona-Gespräche" als Buch erschienen.

Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur
Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur Bildrechte: Tina Peißker

MDR KULTUR: Sie haben die Gespräche in dem Band geführt, etwa mit Leuten wie Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, dem Historiker Volkhard Knigge oder dem Philosophen Hartmut Rosa. Wie sind denn diese Gespräche entstanden?

Jonas Zipf: Es war ein persönliches Bedürfnis. Als der Lockdown im März passiert ist, war das für mich als Kulturverantwortlichen in der Stadt Jena eine schwierige Zeit – die wir aktuell wieder haben. Ich war also von heute auf morgen in eine Situation geworfen, dass ich ungefähr ein Drittel meiner Mitarbeiter zur Pandemiebewältigung abstellen musste. Wir haben so viel gearbeitet wie nie zuvor, und das vor einem Hintergrund, der so unsicher war wie nie. Da waren diese Gespräche Ankerpunkte, um gedanklichen Abstand zur Gesamtsituation zu gewinnen, zu versuchen, innezuhalten.

Soziologe Hartmut Rosa
Einer der Gesprächspartner war der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa Bildrechte: dpa

Es war überhaupt nicht geplant, dass wir daraus ein Buch machen würden, sondern es war zuerst ein persönlicher Dialog mit Hartmut Rosa. Er ist als Soziologe bekannt für seine Entschleunigungstheorie und er wurde in dieser Lockdown-Phase oft für Interviews angefragt, weil alle Menschen über Entschleunigung, Resonanz und Unverfügbarkeit sprechen wollten. Da tat es ihm auch gut, sich einmal mit jemandem darüber zu unterhalten, wie es dem anderen Menschen jeweils geht. Wir kennen uns aus Jena und kamen zunächst in ein persönliches Gespräch, fanden aber, dass das eine oder andere von dem, was wir da besprechen, vielleicht auch interessant für Dritte sein könnte, und haben das Gespräch dann beim nächsten Mal einfach mit Tonband fortgesetzt.

Damals herrschte eine Stimmung der Unsicherheit, dann gab es eine Entspannung, nun nimmt die Krise wieder zu. In welchen Momenten sind diese Gespräche entstanden?

Dieses Krisenhafte wird immer wieder als eine Entwicklungschance beschrieben. Alle die Probleme und Fragestellungen, die während Corona akut geworden sind, die waren vorher schon da: Corona ist ein Brennglas oder ein Katalysator für transformatorische Prozesse. Deswegen sind diese Gespräche nicht nur tagesaktuell, auch wenn sie immer einen Bezug zu einem konkreten Datum haben, das hat sich auch eher zufällig ergeben. Mit Hartmut Rosa war ich gedanklich an Ostern spazieren – eben ein Osterspaziergang. Am Tag der Arbeit habe ich mit Thomas Oberender über die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen gesprochen, was natürlich viel zu tun hat mit Arbeit und Entlohnung. Sie merken aber schon an diesen beiden Beispielen, dass alle Fragestellungen, die dort verhandelt wurden, sich auf den Lockdown einerseits und andererseits auf den Tag, an dem wir uns unterhalten haben, beziehen. Es sind aber alles Themen und Fragestellungen, die weit über diese Zeit hinausragen, auch wenn das Buch kurz vor dem zweiten Lockdown wie ein Déjà-vu erscheint. Im Endeffekt gilt es aber gerade im Moment der größten Krise, diesen Schritt zur Seite, nach vorne oder nach hinten zu machen, innezuhalten und zu überlegen, worauf kommt es jetzt wirklich an.

Thomas Oberender
Mit Intendanten Thomas Oberender ging es um Arbeit und Entlohnung Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ist es das, was die Krise auch als Chance in sich trägt?

Manchmal wird gesagt, dass es große Krisen braucht, damit eine geschehen kann. Man spricht auch von einem Leidensdruck, der ganz groß werden muss, bevor bestimmte Dinge sich verändern. Das ganze Buch wimmelt von solchen Beispielen, bei denen man sich schon lange gefragt hat, warum wir als Gesellschaft nicht schaffen, etwas zu ändern. Es geht um unser Bewusstsein für Fleischkonsum, unser Verhältnis zu Arbeit und Entlohnung oder die Bildungsmisere und die nicht stattfindende Digitalisierung in den Schulen. Das sind alles Themen, die schon da waren und die sich neu verdichtet haben. Die Gespräche im Buch zeigen, dass es darauf ankommt, dass man kurz innehält und sich normal klarmacht, was wir eigentlich wollten. Dafür sind Gespräche tolle Formate, weil man gemeinsam laut nachdenken kann und sich in diesem gemeinsamen lauten Nachdenken noch einmal befeuert, bestärkt oder korrigiert.

Ich finde, dass das Corona-Jahr paradox ist: Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen und gehen nicht mehr raus. Wir treffen andere Leute nicht in derselben Intensität und beginnen dennoch einen Dialog mit anderen Leuten und uns selbst. Das bezeichnet Hartmut Rosa als Resonanz. Möglicherweise kommen wir auf diesem Weg sogar weiter, als wir bei einem tatsächlichen Treffen kommen würden, bei dem wir von tausend anderen Dingen abgelenkt werden.

Cover "Inne halten: Chronik einer Krise. Jenaer Corona-Gespräche"
Bildrechte: Theater der Zeit

Angaben zum Buch "Inne halten: Chronik einer Krise. Jenaer Corona-Gespräche"
Herausgegeben von Birgit Liebold und Jonas Zipf
Verlag Theater der Zeit
Broschiert, 158 Seiten
Preis: 18 Euro
ISBN: 978-3-95749-317-0

Das Gespräch führte Literaturredakteurin Katrin Schumacher für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. November 2020 | 18:00 Uhr