Buchkritik Meisterwerk von 1962: "Ein anderer Takt“

Der Autor William Melvin Kelley starb 2017 arm und hochbetagt im New Yorker Stadtteil Harlem. Seine Bücher sind hierzulande wenig bekannt. "Ein anderer Takt" erschien bereits 1962 in den USA, war lange Zeit vergessen und wurde jetzt neu aufgelegt. Vor allem wegen der Aktualität des Themas: Das Buch erzählt vom Mythos der Integration und der Spaltung der Gesellschaft.

Katrin Schumacher
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von MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher

Plantage Arbeiter
In "Ein anderer Takt" flüchtet die schwarze Bevölkerung aus Amerika Bildrechte: imago images / glasshouseimages

Wir sind in einem fiktiven US-Bundesstaat namens Sutton. An einem Sommernachmittag im Jahr 1957 beobachtet ein Haufen Weißer auf einer Veranda, wie sich der farbige Farmer Tucker Caliban Tonnen von Salz anliefern lässt. Er sät es aus, ja, er salzt seinen Acker, tötet sein Vieh, steckt sein Haus an und verlässt mit seiner Familie den Staat Richtung Norden. Nicht nur er: die gesamte farbige Bevölkerung packt und geht weg.

Ein Auszug aus Ägypten unter den ungläubigen Blicken der weißen Bevölkerung. Die erstmal nicht versteht, was da passiert, im Sinne von: Was haben die denn? Denen geht’s doch gut hier...? Dass dem nun ganz und gar nicht so ist und war, das wird noch klar im Laufe des Romans. Und dass es nicht drum geht, dass sich vielleicht ein "Schwarzer Staat" gründet – das ist auch klar, die Menschen verstreuen sich in alle Winde. Wollen einfach nur weg.

Raffinierte Konstruktion der Erzählung

Aus der Perspektive der Weißen beschreibt der Afro-Amerikaner Kelley ein ungeheuerliches Geschehen, dass sich nicht erklärt. Aus der Psychologie wissen wir, dass unerklärtes Weggehen Gewalt ist. Abwenden, die Kommunikation verlassen, den Kontakt verlassen, den Gesellschaftsvertrag aufkündigen, ist eine wahnsinnig aggressive Aktion. Und es gibt keine Auflösung. Was unter anderem an der raffinierten Konstruktion der Erzählung liegt, wodurch das Geschehen umso rätselhafter und bedrohlicher wird.

Buchcover "Ein anderer Takt"
Buchcover "Ein anderer Takt" Bildrechte: Verlag Hoffmann und Campe

Dass William Melvin Kelley diese Konstruktion gewählt hat – eben nur die weiße Perspektive einzunehmen – kam bei Erscheinen des Buches grade bei seiner afro-amerkanischen Leserschaft nicht besonders gut an. Dass das ganze aufgrund des intensiven Effekts so konstruiert ist, wurde nicht so recht gesehen. Dabei tauchen so sprechende Figuren wie einen schwarzen Reverend auf (der aus der Sicht eines weißen Freundes erzählt wird, aber trotzdem kommt man ihm sehr nah). Der etwa kämpft sein ganzes Leben lang für die schwarzen Belange, kämpft klassisch, also mit Flugblättern und mit der Gründung einer Organisation – und auch er ist vollends konsterniert von dem, was da passiert. Dieser einfache und folgenreiche Akt der Selbstermächtigung nämlich lässt sein ganzes bisheriges Kämpfen sinnlos und inkonsequent erscheinen. Auch an dieser Figur wird die rassistische Grundannahme entlarvt, dass Weiße weil sie weiß sind und Schwarze, weil sie schwarz sind, Kollektive sind.

Thema ist erschreckend aktuell

William Melvin Kelley war ein Kämpfer für Gleichheit und Gerechtigkeit, 1937 geboren und jung mitten in den härtesten Black Rights Kämpfen engagiert. Nachdem Malcolm X ermordet wurde verließ er, wie er selbst sagte, die "Plantage", also die USA und ging nach Paris, dann nach Jamaika, bevor er wieder nach New York zurückkehrte und auch aufhörte Romane zu schreiben. Seinen Lebensunterhalt verdiente er, indem er Creative Writing unterrichtete bis zu seinem Tod 2017. In seine spannende Biografie lässt sich auch in dem sehr informativen Nachwort des Buches noch einmal einsteigen.

Dass sein Hauptwerk "Ein anderer Takt" sechzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung noch einmal Furore macht, lässt sich vielleicht durch die gesellschaftliche Situation in den USA erklären. Dieses Buch passt in eine ganze Welle von Literatur, die gerade in den USA erscheint, die sich mit Bürgerkriegsszenarien, mit Spaltungen innerhalb der Gesellschaft beschäftigt. Amerika, dieses Land, das sich seit jeher mit seiner Erzählung des American Way of life ausgestattet hat, dem Mythos der Integration, der Zuwanderer, der es zu etwas bringen kann, ist seit langem schon ein Land der Spaltungen. In Schwarz und Weiß, Intellektuelles gegen Redneck-Amerika, Männer gegen Frauen, Arm gegen Reich.

In diesem Zuge ist es klar, dass solche Texte, die jenes grundlegende Auseinanderdriften des Landes betreffen – ob sie von Jonathan Franzen, Colson Whitehead oder James Baldwin stammen, eine hohe Konjunktur haben. Literatur erklärt ja die Ordnung und Unordnung der Dinge - und da ist es überhaupt kein Wunder, dass auch so ein fantastische Wiedergänger der Literaturgeschichte wie William Melvin Kelley wieder auftaucht. Ein Glücksfall.

Angaben zum Buch William Melvin Kelley: "Ein anderer Takt"
Hoffmann und Campe 2019
Hardcover, 304 Seiten
Preis: 22 Euro
ISBN: 978-3-455-00626-1

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 31. Dezember 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Januar 2020, 00:01 Uhr

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