Fußgänger an einer Ampel in London
Fußgänger an einer Ampel in London Bildrechte: imago/Joko

Lese-Empfehlung Der Roman "Süßer Ernst" nimmt den Brexit aufs Korn

Sie hat schon diverse Preise eingeheimst, läuft aber hierzulande immer noch ein wenig unter dem Radar: Die schottische Autorin A.L. Kennedy publiziert seit den Neunzigern und ist zudem Stand-up-Comedian. Mit "Süßer Ernst" gelingt ihr ein Roman, dessen Hauptfiguren einem noch lange im Gedächtnis bleiben.

von Katrin Schumacher, MDR KULTUR

Fußgänger an einer Ampel in London
Fußgänger an einer Ampel in London Bildrechte: imago/Joko

Jon ist ein Fabulierer. Im Job als Regierungsbeamter arbeitet er verharmlosende Pressemitteilungen aus. Und im Privaten schreibt er Liebe aus dem Nichts herbei, denn er schreibt als Auftragsdichter Liebesbriefe an Frauen. Fake News und Fake Love machen ihn aus – bis er mit Meg auf eine Frau und Ex-Alkoholikerin trifft, die ausgerechnet in ihm für sich eine Wahrheit sucht, Gewissheit, Halt. Sie war mal Buchhalterin, arbeitet nun in einem Tierasyl und ist argwöhnisch dem Leben und ihren Mitmenschen gegenüber. So heißt es im Buch: "Meg wollte nicht, dass ihr Zärtlichkeit widerfuhr, denn Zärtlichkeit führt zu Zartheit und schwächt die Verteidigungskraft." Sie streichelt lieber Hunde, so wie den weichen Spaniel Hector. "Sie machte weiter und übte Formen und Absichten der Zärtlichkeit."

Mit Jon trifft Meg allerdings einen Mann, dem sie doch wieder nahe sein will. Man verabredet sich, und einen ganzen Roman lang versuchen Meg und Jon sich zu finden. Die beiden versehrten Hauptfiguren taumeln durch einen Londoner Tag – sie zaudern, zögern, sind Zufällen unterworfen, auch nachdem sie sich schließlich finden. All das wird im Laufe einer Erdumdrehung erzählt, dem Konzept eines Sonnenumlaufes nach, so wie man es aus dem klassischen Drama oder James Joyces "Ulysses" kennt.

Banal, absurd und hochaktuell

A.L. Kennedy: Süßer ernts
A.L. Kennedy: Süßer ernts Bildrechte: Hanser Literaturverlage

"Süßer Ernst" endet und beginnt um 6:42 Uhr, schon das durchaus ironisch, es ist die banale miese Aufstehzeit eines Schulkindes oder des Büroarbeiters, vermutlich einfach der Moment, in dem London aufsteht. Jon muss noch schnell die Blumen seiner Ex-Frau gießen und muss dabei einen verirrten Vogel befreien, was seinen Zeitplan völlig durcheinander bringt. Er muss sich noch einmal umziehen und erstmal zum Job, bevor er Meg treffen kann. Sein Job wird im Buch so beschrieben: "Jon hatte Herren. Das war eine unmoderne Bezeichnung für seine Stellung, aber er war ein Diener, und das hieß, er hatte Herren, was weitere Implikationen mit sich brachte. Auch wenn er streng genommen der Königin diente. Schließlich arbeitete er für die Regierung Ihrer Majestät. Also hatte er eigentlich eine Herrin."

Jons Regierungsmilieu beschreibt die Schottin A.L. Kennedy als einen Haufen Narzissten mit Persönlichkeitsstörungen. Sie ist absolute Brexit-Gegnerin, und das merkt man diesen lustigen Passagen an. Ein Haufen alter Männer wird da beschrieben, die denken, sie lenken die Welt. Wobei die Welt ja bekanntlich eher von Leidenschaft und Affekt gelenkt wird, unkontrollierbar, Chaos – aus dem dann auch der Brexit wie ein Unfall resultieren musste – dies liest man bei Kennedy überdeutlich. Neben der Liebesgeschichte erzählt sie eine Agentenfarce, und nebenbei entsteht auch das Puzzle einer Großstadt. Das alles ist sehr besonders erzählt: Außensicht und Bewusstseinsstrom wechseln einander ab, allein die Gedanken von Jon sind herrlich konfus und verhaspelt.

Hauptfiguren, die im Gedächtnis bleiben

Jedes Kapitel beginnt mit kleinen Großstadtskizzen, wie dieser: "St. Martins Lane, in der Nähe vom Wyndham Theatre: Ein lila Luftballon wird von einer sanften Brise über die Köpfe der Fußgänger getragen und überquert dann unversehrt eine belebte Straße. Dabei sinkt er herab und rollt sacht über die Motorhaube eines vorbeifahrenden Autos. Schließlich landet er beinahe punktgenau vor den Füßen eines Mannes Mitte dreißig, der recht formell gekleidet am Bordstein steht. Er hebt den Ballon auf. Er richtet sich auf und hält ihn zwischen den Handflächen. Er lächelt. Er lächelt so sehr." Kleine Beobachtungen, erst zum Schluss wird klar, wer sie geschrieben hat.

Dieses Buch hat seinen Eintrittspreis, doch wer ihn bezahlt, wird in einen sehr komischen, zärtlichen und schließlich auch politischen Roman verwickelt. Die Hauptfiguren bleiben lange im Gedächtnis, auch, weil sie eine aktuelle Frage aufwerfen: Wie schnell und wie langsam sind Menschen? Jon ist ein langsamer Mensch, er will keine Mails schreiben, sondern Briefe. Und Meg ist ein langsamer Mensch, sie möchte genau diese Briefe. Beide sind aus der Zeit gefallen, mit ihrer Zaudrigkeit in der rasenden Großstadt. Das passt nicht, und ist auch deshalb unheimlich anrührend.

Angaben zum Buch: A.L. Kennedy: "Süßer Ernst"
erschienen im Hanser Verlag, 2018
500 Seiten, Fester Einband, 28 Euro

A.L. Kennedy: Süßer ernts 5 min
Bildrechte: Hanser Literaturverlage

MDR KULTUR - Das Radio Di 08.01.2019 07:40Uhr 04:34 min

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A.L. Kennedy: Süßer ernts 5 min
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Januar 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Januar 2019, 04:00 Uhr

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