Nominiert für den Deutschen Buchpreis "Streulicht" von Deniz Ohde: Über Ausgrenzung und Durchsetzungswillen

Mit "Streulicht" hat Deniz Ohde ein beeindruckendes Debüt vorgelegt, das zu Recht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreises steht. Mit viel Sprachgefühl erzählt sie von einer Kindheit voller kleiner Ungerechtigkeiten und Ausgrenzungen: Wegen ihrer Herkunft traut der Protagonisten niemand ein Studium zu, doch sie kämpft sich durch. Deniz Ohde selbst ist in Frankfurt geboren und für eine Studium nach Leipzig gezogen. Beim open mike-Festival machte sie zum ersten Mal auf sich aufmerksam.

Deniz Ohde.
MIt "Streulicht" hat Deniz Ohde ihren ersten Roman veröffentlicht. Bildrechte: Suhrkamp

Ihre Eltern haben weder Geld noch Sinn für angesagte Klamotten. Der Vater arbeitet im nahegelegenen Chemiewerk und beizt Aluminiumbleche. Die Mutter versucht zu Hause Ordnung zu schaffen – zwischen Bergen von altem und neuem Zeug, das der Vater anhäuft: Elektrogeräte, Badvorleger, Weihnachtsdeko, die mal im Angebot war. Manchmal zertrümmert er etwas im Alkoholrausch, aber auch das darf nicht weggeworfen werden. Vor allem darf es niemand sehen: "Besuch, das waren Fremde, die in unser Versteck eindringen wollten, gegen die man das Haus verteidigen musste, indem man die Eingangstür zweimal abschloss und die kaputten Rollläden nicht reparierte, weil es gut passte, dass sie die Sicht in die Zimmer versperrten."

"Streulicht" erzählt von Ausgrenzung

Kein großes Problem für die Tochter. Meistens spielt sie mit ihren Freunden aus der Eigenheimsiedlung sowieso lieber am Flussufer. Wir erfahren ihren Vornamen nicht, wir wissen nur, dass die Mutter ihn zu Hause anders ausspricht als draußen. Er soll weniger fremd klingen. Wenn das Mädchen beispielsweise den Namen der Autorin hätte, würde die Mutter sie Deniz nennen, bei allen anderen würde sie Denise heißen, mit langem I.

Skyline der Frankfurter Innenstadt
Die Autorin wuchs in Frankfurt auf. Bildrechte: Colourbox.de

Erst in der Schule merkt sie, dass nicht nur der dreckige Beruf des Vaters sie unterscheidet, sondern auch die türkische Herkunft ihrer Mutter. Bisher kam es ihr vor wie im Märchen, wenn die Mutter von Ziegen und Schafen im Bergdorf ihrer Kindheit erzählte. Jetzt möchte sie nicht darauf angesprochen werden. Schon gar nicht, dass ein Lehrer fragt, ob Deutsch überhaupt ihre Muttersprache sei. Dabei kann sie gar kein Türkisch. Ein Mitschüler beleidigt sie auf dem Schulhof, schubst sie brutal zu Boden, und die Lehrerin wiegelt ebenso wie die Mutter ab. Das war sicher gar nicht so gemeint, sie sei ja Deutsche.

Achselzucken und Nadelstiche

Die Protagonistin in Deniz Ohdes "Streulicht" ist schüchtern. Auch wenn sie die Mathelösung weiß, meldet sie sich nicht.  Lauter und schneller, verlangt ihr Lehrer auf dem Gymnasium, sonst werde es nichts mit ihr. Sie gewöhnt sich eine versteinerte Miene an und hofft, dass man sie so übersieht. Von den Eltern kommt keine Ermutigung, sondern eher stummes Achselzucken, als sie anhaltende Bauchschmerzen hat und die Zeugnisse schlechter werden. Dann folgt Befremden, als sie trotzdem lernen will und schließlich auf der Abendschule weitermacht – unterste Schublade, wie eine Mitschülerin sarkastisch feststellt.

In jeder Sekunde hatte ich das Gefühl, etwas verteidigen zu müssen. Ich führte ein Buch, in dem ich akribisch alle Aufgaben auflistete und einem eigenen System folgend abhakte, ich kontrollierte mehrmals täglich den Kalender auf anstehende Tests, Lernzeiten und Ferien hin.

Aus: "Streulicht" von Deniz Ohde
Augustusplatz, City-Hochhaus, Augusteum und Paulinum der Universität, Krochhochhaus, Wasserspiegelung in Wasserbassin.
Ohde studierte in Leipzig, auch ihre Protagonist beginnt ein Studium. Bildrechte: imago/imagebroker

Sie will alles richtig machen und sich wappnen gegen kleine Nadelstiche und große Unverschämtheiten. Die geben ihr immer wieder das Gefühl, nicht dazuzugehören. Sie macht Witze über sich selbst, nimmt die Klischees anderer vorweg und fühlt sich trotzdem allein. Endlich bekommt sie eine Lehrerin, die sie bestärkt und ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass die Protagonistin mit ihrem Durchblick das Abitur besteht. Und das sogar mit Bestnote, wie sich zeigen wird.

Es ist noch nicht gut

Der Roman hat eine große Stärke und eine kleine Schwäche.

Die Stärke: Auch wer anfangs denkt, Gemeinheiten erfährt doch jedes Kind, begreift irgendwann: nein. Hier geht es um eine Benachteiligung, die Kinder von Bankangestellten oder engagierten Intellektuellen nicht erfahren. Deniz Ohde schreibt plastisch und sinnlich bis ins Detail. Man sieht die alte Thermoskanne mit von kaltem Kaffee verkrusteter Öffnung und das Hemd, dessen Streifenmuster kaum mehr sichtbar ist, weil der Stoff vom Tragen so dünn geworden ist. Man riecht den Gestank der Müllverbrennungsanlage und hört die Freundin skeptisch fragen : Bist du dir sicher, dass die Uni das Richtige für Dich ist?

Auch dramatische Erlebnisse ihrer Heldin beschreibt Deniz Ohde mit distanziertem Blick. Diese Qualität wird gleichzeitig zur Schwäche: Von schönen wie schrecklichen Ereignissen erfahren wir in gleichbleibender mittlerer Tonlage. Man wartet dauernd auf den großen Knall, der aber nie zu hören ist. Das Mädchen schafft, was sie will: Sie studiert. Jetzt wehrt sie sich auch und sie stellt sich mit ihrem richtigen Namen vor. Gut ist es deshalb noch lange nicht.

Deniz Ohde: Streulicht
"Streulicht" ist für den Deutschen Buchpreis nominiert. Bildrechte: Suhrkamp

Mehr zum Buch Deniz Ohde: "Streulicht"
Suhrkamp, 284 Seiten
Preis: 22 Euro
ISBN: 978-3-518-42963-1

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. September 2020 | 18:20 Uhr