Nachkriegsliteratur "Berliner Briefe" von Susanne Kerckhoff – Plädoyer gegen das Vergessen

Drei Jahre nach Kriegsende veröffentlicht die 1918 geborene Lyrikerin, Schriftstellerin und Journalistin Susanne Kerckhoff mit ihrem Roman "Berliner Briefe" eine schonungslos ehrliche Zustandsbeschreibung des zerbombten Nachkriegsdeutschlands und der Mentalität seiner Bewohner. Ein Blick in die Gegenwart zeigt: Kerckhoffs Plädoyer gegen das Vergessen ist zeitlos und wird genau zur richtigen Zeit wiederentdeckt.

Staub, Ruinen, aber auch Hoffnung und Zuversicht: Nachkriegszeit im zerbombten Berlin, geschildert aus der Sicht einer jungen Frau namens Helene. Den Sieg der Alliierten hatte sie aus ganzem Herzen herbeigesehnt. Doch die sogenannte "Stunde Null" erweist sich in ihren Augen als Illusion. Um ihrem Unmut darüber Luft zu machen, greift Helene zu Briefpapier und Stift. Ihrem nach Paris emigrierten jüdischen Freund Hans schreibt sie: "In ein bestimmtes Lager gehöre ich – in das Lager derjenigen, die sich noch in gar keiner Weise beruhigt haben – über Nationalsozialismus und Krieg, über Sozialismus und Kapitalismus, über Schuld und Sühne, über eigene Schuld und eigene Sühne, kann ich mich nicht beruhigen."

"Berliner Briefe" – mehr als ein Zeitzeugnisse

Die halbfiktiven Briefe ihres Alter Egos Helene, veröffentlicht die Schriftstellerin Susanne Kerckhoff im Jahr 1948 in ihrem Buch "Berliner Briefe". Peter Graf ist der Herausgeber der neuen Ausgabe des Nachkriegsromans. Er wollte diesen bedeutenden Text dem Vergessen entreißen: "Viele solcher Texte sind oft in der Zeit verhaftet, in der sie entstanden sind. Die 'Berliner Briefe' sind da anders. Das hat mit der literarischen Qualität des Briefromans zu tun, aber auch damit, dass es sich um einen Schlüsseltext über eine für die deutsche Geschichte überaus wichtige Periode handelt."

Es ist die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus und der damit verbundenen Schuld der Deutschen. Außerdem geht es im Angesicht der sich bereits abzeichnenden Teilung Deutschlands auch um die Frage: Was resultiert aus dieser Schuld, wie damit umgehen, was ist der richtige Weg für einen moralischen Neuanfang?

Peter Graf, Verleger

Anerkennung der eigenen Schuld

Zuerst einmal hätte es eine radikalere Abrechnung geben müssen, fordert Helene in den Briefen. Denn wer im Frühling 1945 nicht aus dem Gefängnis oder dem Konzentrationslager kam, sei schließlich mitverantwortlich und jeder einzelne müsse seine individuelle Schuld anerkennen – dafür plädiert sie in aller Radikalität. So wird sich Helene auch des Ausmaßes ihrer eigenen Schuld bewusst: "Ich habe während der zwölf Jahre nicht unter der selbstgewählten Geißel eines illegalen Kämpfertums gelebt, sondern ich habe – umschattet von einem verhaßten Regime – gelebt. Ich habe mich für meinen Beruf ausgebildet, ich habe gute Bücher gelesen, habe darauf gewartet, dass der Erzengel Michael für mich kämpft! Damals hielt ich mich weder für feige, noch für schwach. Die rücksichtslose Kritik an meiner persönlichen Haltung setzte erst nach dem Kriege ein."

Berlin 1948
Eine Demonstration in Berlin im Jahr 1948. Bildrechte: imago/Leemage

Es ist die Innere Emigration, die Helene in diesem Brief beschreibt. Eine Haltung, in die sich viele regimekritische Intellektuelle während des Nationalsozialismus flüchten. Diesen Weg ging auch Susanne Kerckhoff. Mit dem Kriegsende erfindet sich die 1918 in Berlin geborene Schriftstellerin, Lyrikerin und Journalistin neu. Davon zeugen die "Berliner Briefe", die nicht zuletzt auch das autobiographische Dokument einer jungen Frau sind, die den Leser am Prozess ihrer politischen Bewusstwerdung teilhaben lässt. Das Fazit Helenes bleibt ernüchternd: "Ja, hätten die Deutschen sich gewandelt, seufzten sie unter der Last ihrer Schuld, es wäre Unrecht, ihnen nicht wieder aufzuhelfen. Ich habe nicht einen schuldbewussten Nazi angetroffen, nicht einen, nicht einen einzigen! Schlägt ein Faschist Dich auf die rechte Wange, reiche ihm nicht die linke dar! Er geht nicht beschämt und erschüttert fort. Er schlägt Dich knock out!"

Die Entnazifizierung ist gescheitert

Als eine der stärksten weiblichen Stimmen im deutschen Literatur- und Kulturbetrieb der Nachkriegszeit entlarvt Susanne Kerckhoff in ihrem Roman die Gründungsmythen von BRD und DDR. Die Entnazifizierung erklärt sie für gescheitert, wie auch die moralische Läuterung der Nazis:

Der Nationalsozialismus ist eine Pest, eine Seuche, ansteckend, immer wieder in schwärenden Beulen vorbrechend! Ein Großteil der Entnazifizierten atmet begeistert diese Pest ins Volk, hat sie in keiner Weise überstanden.

aus: "Berliner Briefe" von Susanne Kerckhoff

Sätze wie diese sind es, die Kerckhoff in politische Ungnade fallen lassen. Insbesondere in der DDR, die sich als neugegründeter sozialistischer Staat dem Vorwurf jedweder Mitschuld erhebt. Gern möchte man mehr erfahren, über die Biographie einer Frau, die nach Kriegsende Mann und Kinder zurücklässt, um in Ost-Berlin SED-Mitglied und Feuilleton-Chefin der Berliner Zeitung zu werden. Herausgeber Peter Graf vom Verlag Das kulturelle Gedächtnis hält das Nachwort der neuen Ausgabe der "Berliner Briefe" aber bewusst kurz: "Diesem von Leidenschaft getragenen Verlag geht es nicht darum, ein Klassikerverlag zu sein, der sich voll umfänglich einem Werk zuwendet. Wir interessieren uns für den Blick zurück, um mit den dort gemachten Erfahrungen die heutige Welt nicht nur aus einer gegenwärtigen Perspektive zu betrachten, sondern aus der des kulturellen Gedächtnisses."

Aktuelles Plädoyer

Fakt ist: Susanne Kerckhoff will aktiv mitwirken, beim kulturellen Umbruch nach Kriegsende. Für ihren klar artikulierten Standpunkt in der Debatte um die deutsche Schuld, ihre schonungslose Kritik an den moralischen Versäumnissen der Nachkriegszeit und den Machenschaften ihren Parteigenossen erfährt sie viel Gegenwind – aus Ost und West. Bis zuletzt setzt sie sich ihren Kritikern mit viel Tapferkeit entgegen. Bis zum Jahr 1950, in dem sie sich im Alter von nur 32 Jahren das Leben nimmt. Und dennoch: "Susanne Kerckhoff ist keine vergessene Autorin", schreibt Peter Graf im Nachwort der neuen Edition. 70 Jahre nach ihrem Selbstmord und in Zeiten zunehmender Radikalisierung und rechten Terrors ist ihr Plädoyer für den humanitären Kampf gegen das Vergessen aktueller denn je.

Informationen zum Buch Susanne Kerckhoff: "Berliner Briefe"
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Graf
Verlag Das Kulturelle Gedächtnis
112 Seiten
20 Euro
ISBN: 978-3-946990-36-9

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. August 2020 | 08:10 Uhr