Walt Whitman
Der amerikanische Dichter Walt Whitman Bildrechte: IMAGO

Walt Whitman "Der schöne Mann" Wie Fitness im 19. Jahrhundert zelebriert wurde

Walt Whitman, 1819 auf Long Island geboren, bezeichnete sich Zeit seines Lebens als Schriftsetzer. Zu Ruhm kam er jedoch als Autor der Gedichtsammlung "Grashalme". Nebenbei arbeitete Whitman immer auch als Journalist, und so exisitiert aus seiner Feder eine ganz besondere Artikelserie in einem Magazin. Die beschäftigt sich - wie man heute sagen würde - mit der Fitness des Mannes. Diese Texte sind nun erstmals von Hans Wolf ins Deutsche gebracht und mit einem Nachwort versehen worden.

von Ulrich Rüdenauer für MDR KULTUR

Walt Whitman
Der amerikanische Dichter Walt Whitman Bildrechte: IMAGO

Es sind die mittleren 1850er-Jahre, als Walt Whitman an seinen "Leaves of Grass" schreibt. Die erste Auflage der "Grashalme" war 1855 erschienen, und immer weiter wuchs dieser Gesang der Liebe, der reinen Demokratie und Brüderlichkeit an. Die nächste Auflage sollte schon eine Vielzahl weiterer Gedichte enthalten. Große Einfachheit und hehres Pathos - beides schwingt in Whitmans Zeilen mit, Versen, die etwas Körperliches haben und die Körperlichkeit preisen, so offenherzig, dass es manchen Sittenwächtern zu weit gegangen ist. Walt Whitman, der sich zu Männern hingezogen fühlte, will "leibhaftiges Fleisch und Blut" in Poesie verwandeln, Lippen nachzeichnen, die er geküsst. Er lobt die Kameradschaft als Grundbedingung einer ursprünglichen Demokratie.

Zufallsfund in der Zeitschrift "The New York Atlas"

Whitman ist der Begründer nordamerikanischer Dichtung - originär und von Idealismus getrieben. Dass dieser Dichter, dessen poetische DNA von der Forschung bis ins kleinste Detail entschlüsselt scheint, nun doch noch einmal für Aufsehen sorgt, verdankt sich einem kuriosen Zufallsfund: Der Doktorand Zachary Turpin hat in der Zeitschrift "The New York Atlas" eine dreizehnteilige Artikel-Serie aus der Feder von Whitman entdeckt, 1858 erschienen unter dem Pseudonym Mose Velsor.

Buchcover - Walt Whitman: Der schöne Mann
Walt Whitman: Der schöne Mann. Das Geheimnis eines gesunden Körpers. Bildrechte: dtv Verlag

Die Texte beschäftigen sich mit der Gesundheit und Tüchtigkeit des Mannes: "Manly Health and Training. To Teach the Science of a Sound and Beautiful Body". Diese Seltsamkeit hat nun unter dem Titel "Der schöne Mann. Das Geheimnis eines gesunden Körpers" zwischen zwei Buchdeckel gefunden. Der Übersetzer Hans Wolf hat sich darum bemüht, den Ton des Originals in ein altertümliches Deutsch zu bringen:

Walt Whitman: "Der schöne Mann" (Auszug) "Es ist, in unseren Augen, dem Manne unbedingt nötig, stark und kräftig zu sein – ein stolzes Tier. Das ist, offen gesprochen, der Grundtext und Keim fast aller unserer Kommentare – welche daraus entsprießen und die zu verbreiten und zu erklären suchen, wie sich diese Aufgabe vollständig bewältigen lässt. Da sich in diesen Artikeln alles um dieses Anliegen dreht, muss auch alles, was mit dir, Leser, mit deinem Körper, deiner Statur usw. zu tun hat, einzig unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden."

Keine Ausschweifung, kein Übermaß, keine Laster

Whitman steht keineswegs am Beginn der Ratgeber-Flut heutiger Zeiten. Ähnliche Texte gab es damals nicht nur in der Neuen Welt häufiger. Aber er hat die Möglichkeiten des Formats mit großer Freude ausgereizt: Die Tipps reichen von gymnastischen Übungen bis zur richtigen Ernährung - vornehmlich Fleisch, aber nicht zu üppig. Der Autor der "Grashalme" predigt den Mittelweg - keine Ausschweifung, kein Übermaß, keine Laster. Er lobt den Ringkampf, verdammt die einseitige Verausgabung auf geistigem Gebiet. Die Schönheit stelle sich bei Einhaltung aller Gebote und einer gewissen Disziplin von selbst ein, und Whitman genießt es sichtlich, die Reize des männlichen Körpers zu beschreiben und zu preisen.

Ein aufgeschlagenes Buch zeigt den Schriftsteller Walt Whitman (USA) in einer frühen Ausgabe seines Werkes - Leaves of Grass - in Washington D.C.
Whitmans bekanntestes Werk "Leaves of Grass" Bildrechte: IMAGO

Ausschließlich der Mann steht bei ihm zur Debatte - das liegt nicht allein an seiner sexuellen Orientierung. Es geht ihm einerseits um den gesunden Körper, andererseits um die "moralische Gesinnung". Beides, starker Körper und redlicher Geist, ist Whitman zufolge die Voraussetzung für einen gesunden Volkskörper. Dabei gleitet er immer mal wieder in unheilvoll klingende eugenische Erläuterungen ab, die amerikanische "Rasse" - das heißt also die weiße, angelsächsische Herkunft - soll ihre Überlegenheit ausspielen. Nicht zuletzt dient die körperliche Ertüchtigung, die hier propagiert wird, der Wehrhaftigkeit des Landes - Training als Kriegsvorbereitung. Zugleich gibt es sehr possierliche Absätze, etwa diesen zur Stimmbildung:

Walt Whitman: "Der schöne Mann" (Auszug) Wir empfehlen jedem Jüngling, einige Passagen aus seinen Lieblingsgedichten oder einer sonstwie anregenden Schrift auszuwählen und es sich zur Gewohnheit zu machen, diese Passagen bei jeder sich bietenden Gelegenheit laut zu rezitieren – sei es irgendwo auf dem Wasser, am Meeresufer oder bei der Wanderung über eine Hügellandschaft.

Es ist, wie man sieht, eine durchaus interessante, kuriose und nicht zuletzt in vielen Abschnitten amüsante Textsammlung, die dem Dichter damals das nötige Kleingeld einbrachte - zugleich aber auch mit seinem Hauptwerk zu tun hat: Hier wie da steht der Körper im Zentrum von Whitmans Denkens.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Juli 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Juli 2018, 13:41 Uhr

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