Wolfgang Herrndorf, 2007
Der Maler und Schriftsteller Wolfgang Herrndorf starb im Jahr 2013. Bildrechte: dpa

Wolfgang Herrndorf: "Stimmen" Das letzte Buch des "Tschick"-Autors erscheint

Schriftsteller Wolfgang Herrndorf nahm sich im Alter von 48 Jahren das Leben - der Autor von "Tschick" und "Sand" war an einem unheilbaren Gehirntumor erkrankt. Während der Jahre seiner Krankheit schrieb er einen Blog über seinen Alltag und über die Kunst. Dieses digitale Tagebuch "Arbeit und Struktur" erschien postum als Buch, ebenso das Romanfragment "Bilder deiner großen Liebe". Nun erscheint mit "Stimmen. Texte, die bleiben sollten" der letzte Band aus Herrndorfs Nachlass.

von Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Wolfgang Herrndorf, 2007
Der Maler und Schriftsteller Wolfgang Herrndorf starb im Jahr 2013. Bildrechte: dpa

Dieser Band werde der letzte mit neuen Texten von Wolfgang Herrndorf sein, schreiben die Herausgeber Marcus Gärtner und Cornelius Reiber in ihrem Nachwort zu "Stimmen". Meist ist so eine Anmerkung dazu gedacht, das Leserinteresse noch ein bisschen zu steigern - und man sollte sie nicht ganz ernst nehmen. Erben und Literaturwissenschaftler finden bekanntlich noch in den entlegensten Schubladen oder Computer-Files eines Nachlasses etwas Verwertbares, selbst nach Jahrzehnten.

Im Fall von Wolfgang Herrndorf aber könnte die Aussage tatsächlich zutreffen. Denn der Autor selbst hat kurz vor seinem Tod die meisten begonnenen oder ihm selbst als ungenügend erscheinenden Texte vernichtet. Herrndorf war ein äußerst form- und qualitätsbewusster Autor und Maler. Die Herausgeber sprechen von einem "klaren Nachweltbewusstsein". Die nun veröffentlichten Geschichten und Gedichte sind Herrndorf entgangen, scheinen seinen eigenen Ansprüchen also genügt zu haben.

Persönliche Rückblicke im Ton von "Tschick"

Wolfgang Herrndorf: Stimmen
Wolfgang Herrndorf: "Stimmen. Texte, die bleiben sollten" Bildrechte: Rowohlt Verlag

"Stimmen" versammelt unter anderem wunderbare, autofiktionale Rückblicke in die Kindheit, die im Ton teils an seine Erzählungen oder an den Roman "Tschick" erinnern. Bemerkenswert ist dabei Herrndorfs Fähigkeit, eine von Klischees ganz freie Stimmung der Jugend heraufzubeschwören, sehnsuchtstrunken und immer auch komisch, von ungarem Wissen und kindlicher Unschuld durchdrungen. Etwa wenn er eine Party schildert, wo der mit seinen Gefühlen gänzlich überforderte Junge, der Herrndorf wohl einmal war, von einem Mädchen zum Tanzen aufgefordert wird:

Auszug aus "Stimmen" von Wolfgang Herrndorf Sabine steht auf der Tanzfläche und sagt, du musst die Arme auf meine Hüften legen. Nicht da, wo sind denn die Hüften? Dann legt sie ihre Arme um meinen Hals. Zwischen uns ein halber Meter. Woher weiß sie, wie man das macht, denke ich. Meine Hände schwitzen, und ich bewege sie keinen Millimeter von dort, wo Sabine sie hingelegt hat. Das Lied dauert drei Minuten, danach setze ich mich wieder in die Ecke. Ich habe nie herausgefunden, was das zu bedeuten hatte.

Dieser Art, immer ein bisschen neben sich zu stehen, dem charmanten Witz, der Lakonie begegnet man auch in anderen der versammelten Geschichten. Manche spielen im Berlin der Jahrtausendwende, manche reflektieren unprätentiös über Kunst und Literatur. Immer erfährt man darin auch etwas über das Selbstverständnis Herrndorfs, bekommt kleine biographische Motive geliefert, die nicht zu viel verraten und doch über sich hinausweisen.

Internetblog als Versuchslabor

Einige der aufgenommenen Texte waren bereits in Zeitungen veröffentlicht worden. Die meisten aber hatte Herrndorf zwischen 2001 und 2009 im Internetforum "Wir höflichen Paparazzi" unter dem Nom de plume "Stimmen" gepostet. Diese präzise gearbeiteten, mit autobiographischen und fiktionalen Möglichkeiten spielenden Beiträge wirken zuweilen wie Fingerübungen oder Vorarbeiten für längere Texte - ein Versuchslabor für den Autor, in das man nun nach "Tschick" und "Sand" noch einmal Einblick nehmen kann.

Buchcover Tschick
2010 erschien Herrndorfs Bestseller-Roman "Tschick". Bildrechte: Rowohlt Verlag

Zwei ungewöhnliche Kapitel hat das "Stimmen"-Buch ebenfalls zu bieten. Zum einen das überdrehte, bereits in der Krankheitsphase geschriebene Dramolett "Akalkulie" und zum anderen Jugendgedichte. Herrndorfs frühe Lyrik, durchgehend gereimt und in einfachen Strophenformen verfasst, sind keine Meisterwerke; manchmal erinnern die Gedichte an romantische Lieder, manchmal an den melancholischen Erich Kästner. Sie haben etwas Sentimentales - dass sie Herrndorf nicht den zu vernichtenden Werken zugeordnet hatte, rührt. Es ist, als ob er hier jene jugendliche Unbedarftheit noch einmal entdeckt hätte, der er später in seinem Roman "Tschick" so virtuos nachgespürt hat.

An einer Stelle in "Stimmen" wird Herrndorf grundsätzlich - da geht es um Literaturkritik, um den Unsinn von Manifesten und programmatische Forderungen an die Literatur. Er erwidert darauf:

Es gibt keine Literaturtheorie. Es gibt keine guten Gattungen, es gibt keine großen Würfe, es gibt keine Zeitforderungen, es gibt nur die Kunst und den Mist.

Wolfgang Herrndorf

Herrndorfs Werk gehört eindeutig in die Sphäre der Kunst.

Angaben zum Buch Wolfgang Herrndorf: Stimmen. Texte, die bleiben sollten. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Marcus Gärtner und Cornelius Reiber

Rowohlt Berlin 2018
ISBN: 978-3-7371-0057-1
192 Seiten, 18 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. September 2018 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. September 2018, 04:00 Uhr

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