Ein Fan im Wikingerkostüm trinkt Bier bei einem Konzert.
Die Wikinger taten es, Menschen tun es heute noch: Trinken. Bildrechte: imago/Eibner

Sachbuch Warum Trunkenheit zur Menschheitsgeschichte gehört

Jesus verwandelte Wasser zu Wein, die Ägypter zeichneten Saufszenen auf Grabmäler und die Wikinger brachten Bier als Opfergabe dar. Autor Mark Forsyth führt den Leser in seinem Buch "Eine kurze Geschichte der Trunkenheit" auf amüsante Weise durch berauschte Jahrhunderte und verrät unter anderem, wie viel Alkohol Sokrates vertrug und warum es bis zum 14. Jahrhundert in England keine Pubs gab.

von Madita Buch, MDR KULTUR

Ein Fan im Wikingerkostüm trinkt Bier bei einem Konzert.
Die Wikinger taten es, Menschen tun es heute noch: Trinken. Bildrechte: imago/Eibner

Der Mensch trinkt. Alkohol. Schon immer. Doch wieso eigentlich? Dies ist nur eine der vielen Fragen, denen sich Mark Forsyth in "Eine kurze Geschichte der Trunkenheit: Der Homo alcoholicus von der Steinzeit bis heute" widmet. Von den ersten uns bekannten Spuren des Alkohols um 7.000 v. Chr. in China bis hin zur Prohibition: Der Konsum und Genuss von Alkohol erweist sich in fast allen Kulturen als fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte.

Auszug aus "Eine kurze Geschichte der Trunkenheit" "Wo immer und wann immer Menschen gelebt haben, kamen sie zusammen, um sich gemeinsam zu berauschen. Die Welt, wie man sie im nüchternen Zustand der Vereinzelung erlebt, ist und war seit jeher nicht genug. Okay, die Rauschmittel variieren hierbei, aber vorhanden sind sie durch die Bank. Immer wieder spricht man von einem 'Krieg gegen Drogen', was aber schlichtweg albern ist. Drogen sind eine feste Konstante. Wenn überhaupt, dann gibt es einen Kampf zwischen den Drogen, und den gewinnt in der Regel der Alkohol."

In der Bibel wurde Wasser zu Wein

Als der Alkohol ausgeht, verwandelt Jesus bei seinem ersten Wunder, der Hochzeit von Kana, einfach Wasser in Wein. Noah wird betrunken und liegt danach entblößt in seinem Zelt. Auch in der Bibel erscheint Alkohol oft als ein zwangloser Gebrauchsgegenstand, ebenso wie in Mesopotamien Bier allgegenwärtig war. So heißt es im Buch:

Noah pflanzte einen Weinberg. Das war das Erste, was er nach der Sintflut tat, und vermutlich hatte er einen Drink auch bitter nötig.

Aus "Eine kurze Geschichte der Trunkenheit"
Buchcover "Eine kurze Geschichte der Trunkenheit"
Buchcover "Eine kurze Geschichte der Trunkenheit" Bildrechte: Verlag Klett-Cotta

Buchautor Forsyth beantwortet viele Fragen, zum Beispiel wie ein Convivium bei den Römern (wohl die ersten wirklichen Wein-Snobs) ablief und aus welchen Gefäßen sie dabei tranken. Außerdem geht er den wirklich wichtigen Fragen nach, was Plato über Trunkenheit dachte und wie viel Alkohol Sokrates vertrug. Zudem klärt er den wichtigen Unterschied zwischen dem englischen Inn, der Taverne und dem Alehouse und liefert uns den Grund, warum es bis zum 14. Jahrhundert in England keine Pubs gab. Die Antwort dazu ist leicht: Man trank überall. Man brauchte einfach keinen speziellen Ort, um zu trinken.

Auszug aus "Eine kurze Geschichte der Trunkenheit" "Jeder von uns weiß ungefähr, wie man sich eine mittelalterliche Taverne vorzustellen hat. Gott allein weiß, woher wir das haben. Vielleicht aus einem Film über Robin Hood und seine fröhlichen Kumpane, die in der Zeit von Richard Löwenherz aus dem Wald geschlichen kommen und inkognito das Waldgasthaus aufsuchen. Hier sitzt rotwangiges Landvolk am Tresen und trinkt aus überschäumenden Humpen, das naturgemäß von einer vollbusigen Bardame serviert wird. Je nach Vorstellungskraft variieren die Üppigkeit der Bardame und die Fröhlichkeit der Männer. In einer Ecke fiedelt einer, und draußen baumelt das hübsch bemalte Wirtshausschild im Abendwind. Nichts davon hat je existiert."

Was Römer, Ägypter und Wikinger vereint

Dabei enttarnt der Autor auch, dass es die Pubs, wie wir sie heute kennen, erst wirklich ab 1820 gab. Davor hießen sie Alehouse und waren eher so etwas wie ein privates Wohnhaus mit Sitzgelegenheiten und einem Fass Bier (oder einer Substanz, die Bier genannt wurde). Interessant ist auch, dass Bier in fast allen Kulturen immer allgegenwärtig war. Bei den Wikingern gab es den obersten Gott Odin, dem Bier geopfert wurde und der wohl nie etwas anderes als Wein zu sich nahm.

Wandzeichnung des alten Ägypten
Die Ägypter waren "stolz auf ihre Komasauferei", meint der Autor. Bildrechte: imago/UIG

Die alten Ägypter verdankten dem "Wunder des Bieres" wohl sogar die Rettung der Menschheit. Da ist es kein Wunder, dass sie sich jährlich zu einem Festival der Trunkenheit versammelten, dessen einziger Zweck und Ziel die heilige Betrunkenheit war. Gemeint war damit nichts anders, als eine so starke Betrunkenheit zu erreichen, dass Bewusstseinsverlust keine Seltenheit darstellte.

Auszug aus "Eine kurze Geschichte der Trunkenheit" "Man kann nur schwer sagen, ob die Ägypter täglich getrunken haben oder nur an Feiertagen (von ihnen frohe Tage genannt) aber sicher ist zumindest, dass es jede Menge solcher Feiertage gab. Die Szenen finden sich in Grabmälern, denn die Ägypter waren auf ihre Komasauferei stolz wie Harry. Vollsuff bis hin zum Filmriss war überhaupt gar kein Grund, sich zu schämen. Sie wollten die Erinnerung daran für die Ewigkeit festhalten."

Unterhaltsame Lektüre

Cocktail - Earl-Grey-Martini
"Eine kurze Geschichte der Trunkenheit" – bis hin zur Erfindung des Cocktails Bildrechte: Hubertus Schüler/Justyna Schwertner

Der Autor verwebt in dem Buch scheinbar mühelos Elemente des Humors und der Satire mit sachlichen Elementen und Fakten, Fiktion mit historischem Kontext. Die humorvollen Schilderungen, angereichert mit viel sachlichem Hintergrund und Recherchen, bieten eine sehr unterhaltsame, gut lesbare Lektüre. Eine wahre Reise durch die Geschichte der Trunkenheit, bei der der Leser viel Kurioses und auf jeden Fall Neues rund um die Geschichte des Alkohols erfährt. Wer hätte gedacht, dass die Erfindung des Cocktails unter anderem ein Mittel war, Whiskey auch zum Frühstück genießen?

Am Ende kommt der Leser fast nicht umhin, Forsyth zuzustimmen, wenn er sagt, Trunkenheit sei ein "nicht tot zu kriegender menschlicher Antrieb" und dass die Geschichte der Menschheit von der der Trunkenheit kaum zu trennen ist. In diesem Sinne: Prost!

Angaben zum Buch Mark Forsyth: "Eine kurze Geschichte der Trunkenheit: Der Homo alcoholicus von der Steinzeit bis heute" 
Aus dem Englischen übersetzt von Dieter Fuchs
Klett-Cotta, 2019
271 Seiten, gebundene Ausgabe
ISBN: 978-3-608-96407-3

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. April 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. April 2019, 04:00 Uhr

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