Martin Walser
Martin Walser: Der 91-jährige Autor veröffentlicht mit "Spätdienst" ein neues Buch Bildrechte: dpa

Buchkritik "Spätdienst": Martin Walser redet Tacheles

"Spätdienst" heißt das neue Werk von Martin Walser. Das Buch ist eine Sammlung von Aphorismen und Bonmots und lässt als lyrisches Ich einen hochbetagten Künstler zu Wort kommen, der kein Blatt mehr vor den Mund nimmt. Die Texte sind provokant, bissig und geben Einblick in die schillernde Persönlichkeit des 91-Jährigen Autors.

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Martin Walser
Martin Walser: Der 91-jährige Autor veröffentlicht mit "Spätdienst" ein neues Buch Bildrechte: dpa

Epische Üppigkeit zählte lange zu den Markenzeichen Martin Walsers. Oft hatte man das Gefühl, er wolle Thomas Mann übertrumpfen. Doch diesen stillen Wettbewerb beendete er vor ein paar Jahren. Schrieb er früher weit ausholende Romane, so begnügt er sich inzwischen mit Kurzversionen. Die Methode der Ausdünnung praktiziert Walser auch bei den Textschnipseln, die er in seinem jüngsten Buch versammelt. Es sind launige Stimmungsbilder eines hochbetagten Künstlers, der kein Blatt mehr vor den Mund nimmt. Anstatt Intimes zu bemänteln, redet er Tacheles über sich selbst, und das klingt dann zum Beispiel so:

Auszug aus "Spätdienst" Abends trink ich wie einer, der schwer gearbeitet hat. Dann breche ich aus in böse Tiraden. Ein Zwang, das Schlimmste, das Unmöglichste zu sagen. Zum Beispiel, dass ich von Freud nicht so viel halte. Das kann nur blankes Erstaunen hervorrufen. Wenn ich mich selber dann auch ein bisschen heruntersetzen will, fällt das unglaubwürdig aus. Es klingt, als meinte ich meine Selbstbezichtigung nicht ernst. Es gelingt mir keine glaubwürdige Selbstbeschimpfung.

Verspielte Aphorismen

Walsers neue Arbeiten entpuppen sich als Aphorismen mit einer zuweilen spielerischen und verspielten Neigung zur Form des Epigramms. Man darf sie getrost auch Bonmots oder Apercus nennen. Manche bleiben aufgrund ihrer Symbolhaftigkeit ein Stück weit rätselhaft. In der Summe aber sind es Destillate des Denkens, die auch von Georg Christoph Lichtenberg oder Karl Kraus stammen könnten. Ihnen wohnt eine Bissigkeit inne, die sich zuweilen heftig steigert, etwa wenn der Autor zum Rundumschlag gegen die Parteienlandschaft ausholt.

Auszug aus "Spätdienst" Politische Klasse heißt das Bordell, in dem nur Jungfrauen dienen. Die Herren wollen immer die Ersten sein. Erledigt wird man da im Namen der Humanität, das ist eine runderneuerte Hure, deren Zähne echter aussehen als echte und viel besser beißen.

Solche Provokationen gehören zu Walser wie das Salz zur Suppe. Dieser Dichter ließ und lässt sich nicht an einer Ideologie festzurren. Er philosophiert in seinen Prosaminiaturen mit poetischem Anstrich frei von der Leber weg und damit auch oftmals gegen den Strich. Gerade diese Unberechenbarkeit macht ihn für Leser faszinierend.

Buchcover Martin Walser: "Spätdienst"
Martin Walser: "Spätdienst" Bildrechte: rowohlt Verlag

Natürlich weiß Walser, dass er nicht nur Freunde besitzt. Besonders sein Verhältnis zu Literaturkritikern gilt als äußerst angespannt. Kein Wunder, dass er in seinen knappen Glossen etliche Feuilletonisten satirisch durch den Kakao zieht, zum Beispiel Elmar Krekeler und Volker Weidermann. Doch manchmal fehlt ihm die Kraft, auf einen Verriss spöttisch zu reagieren:

Volker Hage im 'Spiegel', die gemeinste Art. Wenn das der Ton wird, in dem dieses Buch behandelt wird, dann habe ich nichts mehr zu bestellen. Soll ich sagen: wie immer?

Martin Walser

Auch wenn Walser sich von den Medien sehr häufig missverstanden und unfair behandelt fühlt, wahrt er die Fassung und übt sich ungeachtet aller giftigen Sticheleien gegen die Rezensentengilde letztlich klug in Versöhnlichkeit.

Auszug aus "Spätdienst" Dein Feind ist ein guter Mensch, ein Mensch, dem man fast nichts vorwerfen kann. Er ist nicht makellos, aber seine Fehler sind so sehr durch seine Vorzüge bedingt, sind für sein allgemein anerkanntes und beliebtes Talent so ganz und gar notwendig, dass jeder bereit wäre, diese Fehler zu verteidigen, als wären’s seine eigenen; auch ich. Es ist also besser, ich hasse mich. Das wird mir leichter fallen.

Diese Passage markiert den intellektuellen Siedepunkt von Walser Buch und ist bis in die Satzstruktur hinein ein Ausdruck seiner schillernden Persönlichkeit.

Angaben zum Buch Martin Walser: "Spätdienst. Bekenntnis und Stimmung"
208 Seiten, 20 EUR
Rowohlt Verlag
ISBN: 3498074074

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. November 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. November 2018, 04:00 Uhr