Neues Buch zum 13. Februar 1945 "Die Nacht, als das Feuer kam": Augenzeugen beschreiben Bombardierung von Dresden

Der britische Journalist Sinclair McKay hat eine Art Tatsachenroman über die Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945 geschrieben. Es ist nicht das erste Buch zu diesem Thema. Keine andere deutsche Stadt beschäftigt sich so intensiv mit ihrer Bombardierung, wie Dresden – obwohl es viele andere Städte im Zweiten Weltkrieg nicht minder dramatisch traf. McKays Buch "Die Nacht, als das Feuer kam" versammelt erstmals in breiter Fülle die zahlreichen Augenzeugenberichte, die im Stadtarchiv Dresden gesammelt wurden.

Sinclair McKay: Die Nacht, als das Feuer kam
Der Brite Sinclair McKay hat mit "Die Nacht, als das Feuer kam" eine Art Tatsachenroman über die Bombardierung von Dresden 1945 geschrieben. Bildrechte: Goldmann Verlag

Nach der Bombardierung vor 75 Jahren steht die gesamte Altstadt in einem wütenden, alles verzehrenden Feuersturm. Circa 25.000 Menschen sterben. Gebäudebrocken und Kirchenfiguren sind das, was übrig bleibt. Ein Friedhof der Steine – und doch auch nicht: Denn die Splitter werden nach und nach in die Stadt wieder eingefügt. Die Bombardierung im Februar 45 ist eines der prägendsten Ereignisse in der Geschichte der Stadt.

Augenzeugenberichte genau analysiert

Der britische Journalist McKay Sinclair
Der britische Journalist McKay Sinclair Bildrechte: Liam Bergin

Der Londoner Journalist Sinclair McKay hat für sein Buch über diese Nacht zahllose Augenzeugenberichte studiert – auch die der englischen Piloten der Royal Airforce, die in 796 Lancaster Bombern in jene Dresdner Nacht flogen – und den Angriff filmten. Der Buchautor sagt: "In den Tagebüchern findet sich ein Bericht von dem Bombenschützen Miles Tripp, der auf die Stadt herunterblickte. Anders, als in den Filmaufnahmen zu sehen, beschrieb er ein knallbuntes Leuchten, ein gigantisches Netz aus schimmerndem Gold, ein Gold aus Flammen, das immer höher wuchs. Viele beschrieben, dass sie regelrecht gebannt waren von dem Gewimmel und dem Grauen dieses Spektakels. Zugleich kann man sich aber auch vorstellen, dass aus dieser gewaltigen Höhe Einzelschicksale nicht wahrnehmbar waren."

Eine düstere Geschichte auf vielen Ebenen

McKay macht nun aber genau das: Akribisch erzählt er die Einzelschicksale von so vielen Beteiligten, wie nur möglich – von Bombardierten und auch Piloten: "Ich wollte herausfinden, wer diese Piloten waren. In diese Finsternis hineinzufliegen, Nacht für Nacht, wieder und wieder, mit dem Wissen, dass sie in jedem Augenblick abgeschossen werden und ihre brennenden Körper in die kilometertiefe Dunkelheit fallen können? Es ist eine düstere Geschichte auf so vielen Ebenen. Und doch wollte ich die Lichter darin finden. Ebenso wie in Dresden: Inmitten dieser flammenden Hölle gab es Momente der Güte, der Hilfsbereitschaft, die so viel mehr und anderes über den menschlichen Geist erzählen."

Inmitten dieser flammenden Hölle gab es Momente der Güte, der Hilfsbereitschaft, die so viel mehr und anderes über den menschlichen Geist erzählen.

Sinclair McKay, Buchautor

Dresden nach dem Luftangriff vom 13. Februar 1945 Zerstörung Bombardierung Zweiter Weltkrieg
Dresden nach dem Luftangriff vom 13. Februar 1945 Bildrechte: IMAGO

Bevor er die Arbeit an dem Buch begonnen habe, so McKay, sei sein Wissen über Dresden – wie für die meisten Menschen in England – eigentlich nur mit einer weltberühmten Fotografie verbunden gewesen: "Der Blick einer Statue über die völlig zertrümmerte Stadt. Die Bombardierung von Dresden ist ein Sinnbild, ein Symbol für den Horror des totalen Krieges. Und sie ist ein Thema, das bis heute die englische Gesellschaft verfolgt – von Anfang an – seit 1945."

Dresden zwischen Semperoper und Semper-Synagoge

Dresden, Stadtansicht vor der Zerstörung angloamerikanischer Bomber 1945
Dresden vor der Bombardierung im Jahr 1945 Bildrechte: imago images / Arkivi

Dresden galt als eine weltoffene und lebendige Kulturstadt, herrlich gelegen, mit all seinen prunkvollen Gebäuden. Eine Stadt für Tourismus, Kunst und Wissenschaft. Zugleich war es aber auch eine Stadt geworden, in der mit Gauleiter Martin Mutschmann einer der brutalsten Nazis herrschte und in der bis 1938 nicht nur eine Semperoper, sondern auch eine Semper-Synagoge stand, die abgefackelt und abgerissen wurde. Der Oberbefehlshaber der britischen Luftwaffe, Sir Arthur Harris – ohnehin kein großer Freund der deutschen Kultur – wollte den Krieg mit diesen Deutschen so schnell wie möglich gewinnen.

McKay beschreibt in seinem Dokumentarroman, wie dieser Kinnhaken fast ausschließlich die Zivilbevölkerung traf. Gestützt von Augenzeugenberichten schildert er, wie Luftschutzkeller zu giftigen Hochöfen wurden, wie Feuertornados Autos in die Höhe rissen und Flüchtende auf dem flüssigen Straßenteer Flammen fingen.

Die Geschichte der Klemperers

Porträt Victor Klemperer
Victor Klemperer war jüdischer Romanistikprofessor. Bildrechte: dpa

Unter den Schutzsuchenden: Der jüdische Romanistikprofessor Victor Klemperer, dessen Tagebücher später weltberühmt wurden. Mit seiner Frau rettete er sich von Keller zu Keller, bevor sie sich im Chaos aus den Augen verloren. Erleichtert traf er sie auf der Brühlschen Terrasse wieder. Die Wiedersehensfreude hielt bei all dem Schrecken nur kurz, wie McKay erklärt: "Klemperers Frau wollte auf der Brühlschen Terrasse rauchen – und entzündete sich – inmitten des Infernos – ihre Zigarette an einem Feuer, das noch am Boden flackerte. Als sie sich hinkniete, merkte sie, dass die Flammen aus einem Menschen kamen."

Ein Requiem für Dresden

Rudolf Mauersberger mit Knaben des Dresdner Kreuzchors bei den Proben, 1964
Rudolf Mauersberger war Leiter des Dresdner Kreuzchors. Bildrechte: dpa

Der Leiter des Dresdner Kreuzchors, Rudolf Mauersberger, verbarg sich indes mit den Chorknaben im Keller seiner Schule, die bald von einer Bombe getroffen wurde. Elf Jungen starben augenblicklich. Mauersberger selbst überlebte den Angriff gemeinsam mit weiteren seiner Schützlinge. Er schrieb später ein Requiem für Dresden, in dem sich Echos altdeutscher Hymnen mit dem Glockenklang der Kreuzkirche verweben und chorale Bariton-Stimmen die Bomber und das Feuer erahnen lassen.

Gedenken auch für britische Städte

Menschen bewegen sich nach einer Bombardierung im November 1940 durch Gebäudeüberreste in der englischen Stadt Coventry.
Die englische Stadt Coventry nach einem Bombenangriff im Jahr 1940 Bildrechte: imago images / United Archives International

Sinclair McKay war im vergangenen Jahr bei der Aufführung von Mauersbergers Dresdner Requiem bei den Gedenkfeierlichkeiten in der Kreuzkirche: "Neben mir saß eine alte Dame, die bemerkte, dass ich Engländer bin. Am Ende des Konzerts beugte sie sich zu mir und sagte: "Das Gedenken ist ebenso für eure zerbombten Städte – wie Coventry." Auch in britischen Städten schlugen zahllose Bomben der deutschen Luftwaffe ein. Der Krieg hat auch dort seine Spuren und so etwas wie "kollektive Bilder" hinterlassen.

Schlachtfeld Erinnerung

Erinnerung ist ein Schlachtfeld, das weiß man in Dresden ganz genau. Durch die Vielzahl der einzelnen Erinnerungen, der überlieferten Erzählungen, sind sie in der Hand einer breiten Gesellschaft. Nicht als Nekrolog, sondern als Teil einer lebendigen Auseinandersetzung und geschichtsbewussten Stadt.

Sinclair McKay: Die Nacht, als das Feuer kam
Cover des Buches "Die Nacht, als das Feuer kam" Bildrechte: Goldmann Verlag

Angaben zum Buch Sinclair McKay: "Die nacht, als das Feuer kam: Dresden 1945"
Aus dem Englischen übersetzt von René Stein
560 Seiten, gebunden
Goldmann Verlag, 2020
ISBN: 978-3-442-31549-9
Preis: 22,00 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 13. Februar 2020 | 22:05 Uhr

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