Johannes Nichelmann
Journalist und Buchautor Johannes Nichelmann wurde 1989 geboren Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Buchkritik "Nachwendekinder": Junge Ostdeutsche suchen ihre Wurzeln

Der Journalist Johannes Nichelmann wurde 1989 in Berlin-Pankow geboren. Für sein Buch "Nachwendekinder" hat er Menschen getroffen, die offene Fragen an ihre Biografien und die ihrer Eltern haben – weil es ihr Herkunftsland, die DDR, nicht mehr gibt. Er beschreibt eine Generation auf der Suche nach Heimat und Identität.

von Anett Friedrich, MDR KULTUR

Johannes Nichelmann
Journalist und Buchautor Johannes Nichelmann wurde 1989 geboren Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein junger Mann aus Ostdeutschland erinnert sich an seinen Geschichtsunterricht in der wieder vereinten Bundesrepublik: "DDR? Da gab's die Mauer, die Stasi, die SED. Alles Diktatur. Darauf, dass es echte Menschen gewesen sind, die da gelebt haben, sind die nicht gekommen." Eine ganze Generation, die im Osten geboren und dann über Nacht bundesdeutsch wurde, kommt mit der Suche nach der eigenen Herkunft nicht weiter. Überall Klischees und, schlimmer noch, das große Schweigen. Just diesen "Nachwendekindern" ist der Journalist Johannes Nichelmann – 1989 in Pankow geboren – in einer umfänglichen Recherche nachgegangen:

Was diese Nachwendekinder, die ich getroffen habe, eint, ist, dass sie weiße Stellen haben. Dass sie also Fragen haben an ihre Biografien, an die Biografien ihrer Eltern und Großeltern, an das Herkunftsland, an die Gesellschaft, aus der sie kommen, die sie nicht so richtig greifen können.

Johannes Nichelmann, Journalist

Geboren im Niemandsland zwischen Ost und West

Glückliche Mutter mit ihrem Kind
Geboren in der DDR – aufgewachsen in der BRD Bildrechte: imago/Gerhard Leber

Den Ort der Kindheit gibt es nicht mehr. In den Lebensgeschichten, die Johannes Nichelmann – inklusive der eigenen — erzählt, wird emsig geschwiegen. Der Dialog will einfach nicht mehr gelingen. So erzählt Nichelmann, dass er in der Schule mit der westdeutschen Geschichte, beispielsweise der Roten Armeefraktion oder dem Wirtschaftswunder aufwuchs. Zu Hause aber habe er gemerkt, dass darüber kein Gespräch möglich war,  weil eben seine Familie mit dieser Geschichte nicht viel zu tun hatte.

Nichelmann nähert sich in seinem erfrischend unbekümmerten Bucherstling dem Spirit seiner Generation, die vor rund 30 Jahren das Licht der Welt im Niemandsland zwischen Ost und West erblickte. Lauter wild durcheinander gewirbelte Identitäten. Wissenschaftlich flankiert wird das Buch etwa vom Soziologen Daniel Kubiak, der in der brandenburgischen Provinz lebt und seit Jahren die Tücken ostdeutscher Befindlichkeit ergründet:

Ostdeutsche Identität entsteht bei den jungen Ostdeutschen erst dann, wenn man als Ostdeutscher betitelt wird. Wenn man sich als ostdeutsch wahrnimmt oder sich zum Ostdeutsch sein positioniert, muss man sich immer mit etwas Negativem auseinandersetzen.

Daniel Kubiak, Soziologe

Der Osten als Problemzone

Eine Frau geht an leerstehenden Häusern in Dresden vorüber.
Leerstehende Häuser in Dresden Bildrechte: imago/Sven Ellger

Der deutsche Osten: In der Außenwahrnehmung ist er meist eine einzige Problemzone. Nichelmanns wie ein Kaleidoskop zusammengesetzte Momentaufnahme einer Generation ermuntert die vielfach geschundene ostdeutsche Seele, pünktlich zum Wendejubiläum, zu einem neuen, überfälligen Selbstwertgefühl. Nur: ob das von heute auf morgen geht?

Eine gesellschaftliche Transformation braucht 30 bis 50 Jahre, bis man davon sprechen kann, dass es so einen Abschluss dessen gibt. Also, wir sind eigentlich mitten drin.

Daniel Kubiak, Soziologe

Also erst Halbzeit! Ernüchternde Aussichten zum dreißigsten Wiegenfest der Grenzöffnung, die mental leider noch nicht ganz glücken will. Die Wendezeit dauert an und ihre Kinder sind weiter auf der Suche nach den eigenen Wurzeln, Fremde im eigenen Heimatland.

Nachwendekinder / Cover
Buchcover "Nachwendekinder" Bildrechte: Ullstein

Angaben zum Buch Johannes Nichelmann: "Nachwendekinder. Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen"
Ullstein Verlag, 2019
Hardcover, 272 Seiten
ISBN: 9783961010349

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 12. September 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2019, 00:01 Uhr

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