Buchtipp "Östlich der Elbe" erklärt die Rockmusik des Ostens

Lutz Kerschowski und Andreas Meinecke leisten mit "Östlich der Elbe. Songs und Bilder 1970-2013" einen ungewöhnlichen Beitrag zur Erinnerung an 30 Jahre Deutsche Einheit: Sie haben in dem großformatigen Buch Songtexte zusammengetragen, die zeigen, wie die Menschen in der DDR tickten. Texte von Rockgruppen wie Silly, Pankow oder City, von Liedermachern wie Bettina Wegner und Gerhard Schöne sowie Texte aus der Untergrund-Kassettenszene, Stichwort AG Geige. Zusammen mit Essays von Musikern und mit 80 Bildern des Szenefotografen Ulrich Burchert ist ein Werk entstanden, das an eine fast vergessene Szene erinnert. Aber auch daran, dass diese Szene 1990 nicht zu existieren aufgehört hat, sondern lebendig geblieben ist.

Auf einer Schwarz-Weiß-Aufnahme ist zu erkennen, wie Konzertgäste ihre Hände in die Luft strecken.
Fotos von Ulrich Burchert machen "Östlich der Elbe" komplett. Bildrechte: Ch. Links Verlag

"Östlich der Elbe" von Lutz Kerschowski und Andreas Meinecke beginnt mit einer unkommentierten, aber drastischen Gegenüberstellung: mit zwei Fotos. Das erste, von der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung 2008, zeigt die dräuende Kulisse eines anfliegenden US-Kampfflugzeuges und davor zwei Jungen von vielleicht neun Jahren beim Armdrücken. Das zweite zeigt das Schaufenster eines Berliner Konsum-Musikgeschäftes, in der Auslage mit Gitarren, Banjos und Akkordeon. Davor stehen zwei Jungen, abermals um die neun Jahre alt, und betrachten Arm in Arm sehnsüchtig die Instrumente. Mit "Träumen" ist das Foto betitelt.

Hans-Eckardt Wenzel über alte Fotografien

Hans-Eckardt Wenzel
Hans-Eckardt Wenzel Bildrechte: imago images/Daniel Schäfer

Zehn Jahre später haben die beiden Jungs vielleicht zu jener Musikszene gehört, von der dieses Buch erzählt. Und haben deren Träume geteilt, wie sie sich in den Texten niederschlugen. Der Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel bemerkt dazu in seinem Begleit-Essay: "Jetzt lesen wir die alten Texte und betrachten die Fotos dieser Zeit aus einem untergegangenen Reich wie die Spuren des Lebens in Pompeji. Ein Reich, das von Improvisation und Provisorien lebte. Absurd zum Teil, böhmisch nachlässig, aber voller Sehnsucht nach Welt und Widerstand gegen die Langeweile. Das Leben verbrennend zu leben, aufzuleuchten in der Dunkelheit. Was fangen wir an mit diesen Erinnerungen?"

Wie soll man erzählen, was wir hofften, woran wir verzweifelten, woran wir uns stärkten?

Hans-Eckardt Wenzel, Liedermacher

Rebellion, Melancholie, Realismus und Aufbruch

Genau davon erzählen die Texte in diesem Buch, über zweihundert Stück sind es. Sie handeln von Themen, wie sie die Menschen der Epoche beschäftigten. Etwa vom ganz banalen Alltag – in der Fabrik oder im Büro. Es geht um Konflikte mit den Eltern, um die Frage, was man aus seinem Leben machen soll, um Zwischenmenschliches und um die Liebe. Und sehr vieles davon ist politisch.

Renate Krößner als Schlagersängerin Ingrid 'Sunny' Sommer
Renate Krößner als Schlagersängerin Ingrid "Sunny" Sommer in "Solo Sunny" Bildrechte: MDR/PROGRESS Film-Verleih/Foto Dieter Lück

Herausgeber Lutz Kerschowski erinnert in seiner Einleitung daran, dass die DDR-Rockmusiker vier Phasen durchlebten: In den frühen 70ern zunächst eine rebellische. Dann, nach dem Renft-Verbot 1975, gaben melancholische Musik und metaphorische Texte den Ton an; bei City und Karat ebenso wie hier bei Lift. Die 80er brachten, angestoßen von dem DEFA-Film "Solo Sunny", zunächst eine neue Form von Realismus. Bis ab der Mitte des Jahrzehnts ein geistiger Aufbruch spürbar wurde. Mit zweideutigen und schließlich immer eindeutigeren Texten machten die Bands ihrem Unmut Luft. Solche Botschaften registrierte das Publikum hellwach.

Herausgeber Kerschowski schreibt: "In diesen zwei Jahrzehnten hatten Songtexte eine große Bedeutung, weil alles Öffentliche stark reglementiert und kontrolliert war.

Da wurden die paar Quadratmeter Bühne ein hart erkämpfter Raum, auf dem jeder selbst entscheiden konnte, wie weit er geht – was er sagt und was er singt.

Lutz Kerschowski, Mitherausgeber

Weiter führt Kerschowski aus: "Das Publikum hatte sehr feine Antennen dafür, wer es eher auf die Hitparade abgesehen hatte und wer gegen den Strom schwamm. Auch an den Texten hat man seine Pappenheimer erkannt – damals wie heute."

Rebellentum statt Deutschnationalismus

Auffallend, wie rasch und deutlich sich in den 90ern die Ernüchterung breitmachte – das Gefühl, beim Beitritt vom Westen nicht für voll genommen worden zu sein: Rebellentum blitzt auf – aber als Gegenteil des tumben Pegida-Deutschnationalismus.

Wohl fehlen in diesem Buch ein paar wichtige Stücke; und die sperrige Untergrund-Kassettenszene der 80er-Jahre ist nur schwach vertreten. Wer sich für sie interessiert, muss weiterhin suchen nach dem bald 15 Jahre alten, raren Buch von Bert Papenfuß und Alexander Pehlemann über den "Magnetbanduntergrund DDR". Aber auch so ist der neue Band eine Fundgrube in Sachen Musik und Gesellschaft. Er macht die Gegenkultur in der DDR beziehungsweise in Ostdeutschland lebendig.

Blitzhaft taucht in den alten Fotos, den alten Tonaufnahmen etwas auf, das unsere Erinnerung zu entfesseln vermag – das durch seine Unvollkommenheit unsere Phantasie und unser Gedächtnis herausfordert.

Hans-Eckardt Wenzel , Liedermacher

Ausblick

Für die Epoche nach der DDR werfen die Texte mit ihrem feinen Sensorium Schlaglichter auf Dinge, die schon im Spätherbst 1989 zwischen Ost und West schiefzulaufen begannen.

Weitere Informationen "Östlich der Elbe. Songs und Bilder 1970-2013"
Mit Fotos von Ulrich Burchert
Herausgegeben von Lutz Kerschowski und Andreas Meinecke
352 Seiten, 80 Abbildungen
ISBN: 978-3-96289-082-7
Preis: 40 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Februar 2020 | 13:10 Uhr

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