Graustufenbild, eine junge Frau, ihr Mund ist mit 2 Pflastern verklebt.
Robert Pfaller wendet sich in seinem Buch nicht gegen Sprachregulierungen, er sieht nur andere Prioritäten beim Handeln Bildrechte: ©Laurent Hamels/AltoPress/Maxppp

Sachbuch-Empfehlung: "Erwachsenensprache" Robert Pfallers Streitschrift gegen die "Political Correctness"

Politiker stürzen heute eher über Machosprüche als über Waffenlieferungen. Philosoph Pfaller warnt vor der Prioritätenverschiebung und bietet einen interessanten Ansatz zur aktuellen Gleichbehandlungsdebatte.

von Rayk Wieland, MDR KULTUR

Graustufenbild, eine junge Frau, ihr Mund ist mit 2 Pflastern verklebt.
Robert Pfaller wendet sich in seinem Buch nicht gegen Sprachregulierungen, er sieht nur andere Prioritäten beim Handeln Bildrechte: ©Laurent Hamels/AltoPress/Maxppp
Robert Pfaller, Erwachsenensprache
Bildrechte: Fischer Verlag

MDR KULTUR - Das Radio Mi 17.01.2018 07:40Uhr 07:04 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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In seinem aktuellen Buch "Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur" sieht der Philosoph Robert Pfaller den öffentlichen Raum bedroht. Er ist gefährdet gerade durch das, was einmal als großer emanzipatorischer Fortschritt galt: die Diversitäts- beziehungsweise Identitätspolitik. Da ist die "Political Correctness", die Fixierung auf religiöse Empfindlichkeiten und auf Genderdebatten. Pfaller nennt es "postmoderne Pseudopolitiken" oder "größtes Pathos für kleinstes Pipifax".

Gesäuberte Sprache

Derart Kritik an "Political Correctness", Schwulenkultur, Genderbeauftragten, Inklusion oder geschlechtsneutralen Bezeichnungen für Berufe kommt heute gern von rechts. Pfaller gilt jedoch als linker Philosoph und Kritiker des Neoliberalismus. Dabei ist es ganz klassisch-marxistisch, wie Pfaller argumentiert.

Er sagt, es gibt heutzutage einen irrwitzigen Fokus auf die korrekten Benennungen, eher stürzen Politiker über peinliche Machosprüche als über Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien. Der Westen, die USA und ihre Verbündeten, überzieht die Welt mit Kriegen, mit Revolten und Interventionen - und gleichzeitig mit einer Ideologie des gesäuberten, verharmlosenden Sprechens.

Sprachbereinigung als Ablenkungsmanöver

Robert Pfaller, Philosoph an der Kunstuniversität Linz und freudianisch-marxistisch geschulter Hedonist am 03.06.2015 in Köln auf der 3. phil.COLOGNE, das internationale Festival der Philosophie.
Philosoph Robert Pfaller Bildrechte: IMAGO

Man warnt Erwachsene bei Filmen vor "Adult Language", bösen Witzen, vor Argumenten, die als verletzend empfunden werden könnten, vor Tabakkultur und Stöckelschuhen, Röcken und Blusen, empfiehlt geschlechtsneutrale Schlabberkleidung, gendergerechte Sprache, dritte Toilettentüren, man verbietet Parfüms, verächtliche Worte und Gesten, und man diskreditiert auch elementare Gesten der Höflichkeit, wie das Türaufhalten oder In-den-Mantel-helfen als paternalistisch und sexistisch. Das alles, während die Sozialbudgets gekürzt werden, die Reichen immer reicher werden und die Armen gegeneinander ausgespielt werden.

Und da meint Pfaller, das eine hängt offenkundig mit dem anderen zusammen. Es sind dieselben neoliberalen Mächte, die das vorantreiben. Mit anderen Worten: In seinen Augen handelt es sich bei der ganzen Antidiskriminierungs-, Gleichstellungs-, Gender- und Queer-Politik um ein riesiges Ablenkungsmanöver.

Die Realität ändern, nicht die Sprache

Pfaller sagt weiter, alle Eingriffe in den Sprachgebrauch, die Gendergerechtigkeit herstellen sollten, haben "keine zufriedenstellenden Bezeichnungen hervorgebracht, sondern immer nur neue Unzufriedenheit". Die Betroffenen haben nichts davon, wenn sie von Behinderten zu "Menschen mit Förderungsbedarf" oder von Schwarzen zu "Afroamerikanern" befördert werden. 

Robert Pfaller, Erwachsenensprache
Robert Pfaller: "Erwachsenensprache" Bildrechte: Fischer Verlag

Oder ist irgendeinem Menschen gedient mit diesen endlosen Debatten an den Universitäten um die richtigen Schreibweisen: Erst kam das Binnen-I, dann fühlten sich die Transgender übergangen und man einigte sich auf den "Unterstrich", aber weil der am unteren Schriftrand sitzt, wurde das als abwertend empfunden, und jetzt hat man das Sternchen, doch da wird dann immer noch um die richtige Zahl der Zacken gestritten. Pfaller empfindet das, angesichts des realen Elends auf der Welt, als obszön. Es scheint ihm da allemal sinnvoller, die Forderung "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" durchzusetzen. Wobei er gar nicht gegen Frauen- und Schwulenrechte argumentiert. Nur eben: Erst soziale Gleichheit, dann der ganze Rest.

Eine naheliegende Frage ist, ob das eine das andere denn ausschließt. Kann man nicht für die Homoehe sein und für den Mindestlohn kämpfen? Gegen Rassismus und gegen Kriegseinsätze? Oder für eine nichtdiskriminierende Sprache und gleichzeitig auch für das Verbot von Waffenexporten?

Das Problem ist dabei, dass eben genau das ein Problem wird - wenn also durch das Beharren auf den kleinsten Empfindsamkeiten keine Verständigung mehr möglich ist. Keine Solidarität. Wenn also durch Radikalfeminismus, Gesundheitsvergötzung, Identitätspolitik und Sprachregelungsdebatten das Formulieren gemeinsamer Interessen utopisch wird.

Rückkehr zur "Erwachsenensprache"

Man kann kaum mehr einen kritischen Satz sagen, meint Pfaller, weil alles sprachpolizeilich abgeriegelt ist. Keine Feministin kann mehr den Mund aufmachen, weil es schon inkorrekt ist, wenn man sagt, dass es Männer und Frauen gibt. Oder wenn den USA vor einigen Jahren die Bezeichnungen "Farbige" oder "Neger" verpönt waren. Dann warb man für die Bezeichnung "Schwarze". Damit waren auch nicht alle zufrieden, es wurde gefordert "Afrikaner" zu sagen oder "African Americans". Das empörte wiederum viele, wie zum Beispiel Whoopi Goldberg oder Morgan Freeman, die darauf bestanden, "American" und keinesfalls "African American" zu sein. Also, das geht Richtung Kindergarten, Pfaller nennt es eine "Infantilisierung des öffentlichen Sprechens". Er fordert, und so heißt ja auch sein Buch, eine Rückkehr zur "Erwachsenensprache".

Diese "Erwachsenensprache" ist Pfallers Meinung nach ganz einfach: Die Dinge beim Namen nennen, und wissen, dass Namen nicht die Sache sind. Kinderbücher nicht mehr nur nach diffamierenden Begriffen wie "Negerkönig" durchforsten und die dann eliminieren. Diesen Trend zur Bevormundung nicht hinnehmen. Erwachsene nicht vor dem Sehen von Erwachsenenfilmen warnen. Das Sprechen nicht kriminalisieren. Ungeschickte Komplimente sind keine Gewaltverbrechen.

Überhaupt, sagt Pfaller, ist das einzige Ideal, was westliche Gesellschaften heute noch haben, dass einer den anderen nicht belästigen möge. Kriege, Ausbeutung, Bildungsnotstand, 20 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze - das alles stört niemanden.

Den Studierenden gibt er ein anderes, anschauliches Handlungsbeispiel: Sie sollten die Politik zur Rede stellen zu dem, was aus den Universitäten seit den Bologna-Reformen geworden ist, wo die Studierenden heute einem aberwitzigen Prüfungs- und Punktestress ausgesetzt werden. Sie sollten stattdessen weniger Energie darauf verwenden, zu debattieren, was dort auf den Toilettentüren stehen sollte und was nicht.

Angaben zum Buch Robert Pfaller: "Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur"
256 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro
S. Fischer Verlag
ISBN: 978-3-596-29877-8
Auch als E-Book erhältlich

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 17. Januar 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2018, 01:00 Uhr

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