Der 2012 in Leipzig verstorbene Autor Erich Loest
Der Leipziger Schriftsteller Erich Loest schrieb Bücher wie "Nikolaikirche", "Völkerschlachtdenkmal" oder "Reichsgericht". Bildrechte: imago/DATA73

Sachbuch: "Schneisen der Zeitgeschichte" Wie politisch war Schriftsteller Erich Loest?

Als der todkranke Erich Loest sich 2013 in Leipzig das Leben nahm, ging ein Künstlerdasein zu Ende, das schwerlich an Dramatik zu überbieten ist: Der Autor kämpfte als Soldat im Zweiten Weltkrieg, wurde vom SED-Regime für sieben Jahre ins Zuchthaus Bautzen gesperrt und verließ schließlich wegen Stasi-Schikanen die DDR in Richtung Bundesrepublik. Nach dem Mauerfall kehrte er in seine alte Heimat zurück und feierte mit Romanen wie "Nikolaikirche" und "Reichsgericht" große Erfolge. Autorin Regine Möbius hat ihrem Weggefährten jetzt in "Schneisen der Zeitgeschichte" als politischen Menschen porträtiert.

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Der 2012 in Leipzig verstorbene Autor Erich Loest
Der Leipziger Schriftsteller Erich Loest schrieb Bücher wie "Nikolaikirche", "Völkerschlachtdenkmal" oder "Reichsgericht". Bildrechte: imago/DATA73

"Die Einmischer" nannte der Soziologe Thomas Wagner eine Sammlung von Interviews, in der er 2010 beleuchtete, wie Schriftsteller sich heute engagieren. Dietmar Dath, Juli Zeh und Robert Menasse waren seine Gesprächspartner zu diesem Thema. Erich Loest befand sich leider nicht unter den Befragten. Dass auch er zu den klassischen "Einmischern" zählte, beweist Regine Möbius jetzt mit einer Biografie der besonderen Art, in der sie seinen politischen Aktivitäten nachspürt.

"Er hat sich immer, solange ich ihn kenne, als Sozialdemokrat gesehen", erzählt die Autorin. "Und ich habe auch immer gedacht, er gehört der Sozialdemokratischen Partei an, das hat er nicht, aber die Prämissen der Sozialdemokraten, die hat er praktisch immer postuliert und für ihn ist ja auch der legendäre Satz 'Das Sozialdemokratischste sind die städtischen Bibliotheken, gefolgt von der Fußballmannschaft zweiten Grades', so ungefähr. Er war, glaube ich, überhaupt kein Kommunist."

Loest plädierte für schonungslose Offenheit

Schneisen der Zeitgeschichte von Regine Möbius
"Schneisen der Zeitgeschichte" von Regine Möbius erschien beim Mitteldeutschen Verlag. Bildrechte: Mitteldeutscher Verlag

Regine Möbius arbeitet in ihrem Buch heraus, dass Erich Loest bei seinen politischen Interventionen nie einen Selbstzweck verfolgte. Man darf ihn getrost in die Tradition der Aufklärer einordnen. Er wollte Missverhältnisse der Geschichte transparent machen, aber nicht in der Manier von Jean-Paul Sartre, der die Literatur zu Propagandazwecken benutzte. Erich Loest plädierte stets für schonungslose Offenheit, auch gegenüber sich selbst. Schon früh legte er seine Verstrickungen mit dem nationalsozialistischen Regime offen, ganz anders als sein Freund und Kollege Günter Grass, der sie bis ins hohe Alter verheimlichte: "Er war vermutlich viel geradliniger und er war weniger eitel", sagt Regine Möbius. "Und diese beiden Eigenschaften könnte man schon in diese Richtung deuten, dass man sagt, er war wirklich ein starker Charakter."

Er konnte mit seinen eigenen Brüchen durchaus auch hart ins Gericht gehen und gut mit sich selbst umgehen.

Regine Möbius, Buchautorin

Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit bestimmten das Wesen von Erich Loest. Er knickte auch in schwierigen Situationen nicht ein, selbst wenn er mit Kadern der SED-Nomenklatura aneinander geriet. Diese Konsequenz kostete den Aufmüpfigen freilich einen hohen Preis: Nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR verurteilten ihn Apparatschiks wegen vermeintlich konterrevolutionärer Bestrebungen zu sieben Jahren Haft im berüchtigten Zuchthaus Bautzen II.

Blick in eine Zelle des Stasi-Gefängnisses Bautzen II
Blick in eine Zelle des Stasi-Gefängnisses Bautzen II. Sieben Jahre lang saß Erich Loest in diesem Gefängnis. Bildrechte: imago/epd

Zuchthaus-Aufenthalt hat ihn gestärkt

Für Regine Möbius liegt es auf der Hand, dass die immens harte Zeit in der Zelle die Persönlichkeit des Schriftstellers in entscheidendem Maße beeinflusste: "Wir haben selten über die Haftzeit gesprochen, aber wenn er selbst gut drauf war, hat er darüber berichtet, wie minutiös er sich zum Beispiel den Tag eingeteilt hat. Wann er welches Lied gesungen hat, wann er welche Geschichte sich erzählt hat. Und dort, denke ich mir, ist vieles im Kopfkino passiert, was er hinterher dann realisiert hat. Aber natürlich, gesundheitlicht war er, als er aus dem Zuchthaus kam, ruiniert erstmal und hat sich nur langsam erholt. Das hat aber auch die Eindeutigkeit seines Charakters natürlich forciert und hat ihn gestählt."

Der Schriftsteller Erich Loest
Der Schriftsteller Erich Loest in seiner Wohnung in Leipzig Gohlis 2001. Bildrechte: dpa

Durchweg wirkt das Buch von Regine Möbius über Erich Loest wegen seines flüssigen Stils sehr gut lesbar. Die Verfasserin untermauert ihre Dokumentation durch viele imponierende Zitate und ein solides Quellenverzeichnis. Den Plan zu ihrer höchst informativen Abhandlung fasste sie bereits vor geraumer Zeit: "Die Idee stammt aus der Zeit der Neunziger, wo ich ihn ja doch sehr intensiv hier in Sachsen erlebt habe. Da war mir das Außergewöhnlich seines kulturpolitischen Engagements schon sehr deutlich bewusst. Und dann kam Erich Loest auf mich zu und sagte: Hättest du nicht Lust? Und das war für mich ein Startschuss und ein Signal. Dann haben wir zusammen darüber ein bisschen geplaudert und haben ein Konzept gemacht, wie könnte soetwas aussehen und dann hat er gesagt, so, jetzt hast du völlig freie Hand."

  Angaben zum Buch: "Schneisen der Zeitgeschichte – Erich Loest als politischer Mensch" von Regine Möbius
erschienen im Mitteldeutschen Verlag
Taschenbuch, 224 Seiten

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch aktuell | 25. April 2019 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. April 2019, 04:00 Uhr

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