Stephan Thome
Stephan Thome schaffte es bereits mit "Grenzgang" und "Fliehkräfte" auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, nun ist er zum dritten Mal nominiert. Bildrechte: IMAGO

Buchrezension "Gott der Barbaren": Historischer China-Roman mit Bezügen zur Gegenwart

Bisher hat sich Stephan Thome in Werken wie "Grenzgang" und "Fliehkräfte" mit der Gegenwart beschäftigt. Nun taucht der studierte Sinologe in "Gott der Barbaren" zum ersten Mal in die Vergangenheit: Im China des 19. Jahrhunderts begegnen sich Ost und West, mitten in einem Bürgerkrieg, der Millionen Menschen das Leben kostet. Dieser pralle Roman - der es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat - bringt das komplexe Geschehen auf faszinierende und spannende Weise näher.

von Holger Heimann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Stephan Thome
Stephan Thome schaffte es bereits mit "Grenzgang" und "Fliehkräfte" auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, nun ist er zum dritten Mal nominiert. Bildrechte: IMAGO

Das China des 19. Jahrhunderts ist für die meisten Europäer ein fernes und unbekanntes Terrain. Kaum einer weiß, dass zu jener Zeit im Reich der Mitte der bis heute opferreichste Bürgerkrieg der Menschheitsgeschichte tobte – mit 20 bis 30 Millionen Toten. Die tiefe Erschütterung, die das Land und seine Bevölkerung zu jener Zeit erfuhren, war umso gewaltiger, da die Weltmacht England mit einer Armada von Schiffen und überlegener Waffengewalt China seinen Willen aufzwingen konnte.

Stephan Thome hat einen prallen Roman geschrieben, der das komplexe Geschehen jener Zeit auf faszinierende und spannende Weise näher bringt. Der Schriftsteller breitet ein großes, genauestens recherchiertes Epochenpanorama aus und ist zugleich ganz nah bei seinen Protagonisten. Die Ungewissheit und Widersprüche der Zeit spiegelt er auf feinsinnige Weise in drei Hauptfiguren – zwei Europäern und einem Chinesen. Einer dieser Akteure ist ein junger revolutionär gesinnter Deutscher. Philipp Johann Neukamp ist nach China gekommen, um das Land zu missionieren und aus seiner Rückständigkeit zu befreien. Aber er muss feststellen, dass ihm das riesige Reich ein Rätsel bleibt.

Eine Sekte beginnt zu morden

Dieses Rätsel wird umso größer, je weiter China auseinander driftet. Die herrschende Kaiserdynastie und ihre unfähigen und korrupten Beamten haben das Land ruiniert. Armut und Verzweiflung unter der Bevölkerung sind gewaltig, die Menschen hungern und sterben. Das ist der Boden, auf dem eine Aufstandsbewegung Fuß fasst, deren Anführer sich als Sohn Gottes betrachtet. Angetrieben von einem kruden christlichen Glauben überziehen die eifernden Kämpfer die Region mit Terror.

Während Neukamp und andere Missionare mit den Aufständischen zunächst sympathisieren, betrachtet die britische Krone die Rebellion von Beginn an mit Skepsis. Der Grund dafür ist simpel: ein ohnehin schwer zu dirigierendes Land wird durch die blutigen Auseinandersetzungen im Innern nur noch undurchschaubarer und unberechenbarer. So jedenfalls erfährt Lord Elgin, der nach historischem Vorbild gezeichnete britische Sonderbotschafter die Lage. Dem von Heimweh geplagten Mann, der mal entschlossen, dann wieder zaudernd auftritt, verschließt sich China gleichsam nachdrücklich.

Keine einfachen Charaktere

Stephan Thomes dritter wichtiger Akteur, der chinesische General Zeng Guofan, ist ebenfalls eine historische Figur. Da die kaiserliche Armee zu schwach ist, soll er mit einem Freiwilligenheer die alte Ordnung wiederherstellen und gegen die Rebellen ins Feld ziehen. Auch der literarisch gebildete Anführer der Hunan-Armee ist ein zutiefst widersprüchlicher Charakter. Er betrachtet Mitgefühl als eine Tugend, lässt aber eine ganze Stadtbevölkerung hinschlachten.

Zeng Guofan ist sich überdies im Klaren, dass es neben den christlichen Extremisten noch einen anderen, mächtigeren Feind gibt. Es sind die Barbaren aus dem Westen, über die der aufstrebende Zögling des Generals einmal sagt: "Sie verehren die Kaufleute so wie wir die Gelehrten." Für Zeng Guofan bleiben die Eindringlinge auch deswegen fremd. Im steten Wechsel der Perspektiven wird durchgehend eine unüberbrückbare kulturelle Distanz offenbar. Die Missverständnisse sind zahlreich. Thome erzählt davon federleicht, mit viel Humor.

Bezüge zur Gegenwart

Gegen Ende des Romans kündigt sich eine neue Zeit an. "Bald", so lässt Thome seinen chinesischen General nachsinnen, "würde es nur noch zwei Arten von Barbaren geben: jene von hinter dem Ozean und jene, die sich irrtümlich für Chinesen hielten". Denn gegen die kapitalistische Dynamik, das begreift der Heerführer, hilft keine noch so schlagkräftige Armee. Das ist nicht die einzige Erkenntnis, die über das 19. Jahrhundert hinaus weist und diesem historischen Roman einen sehr heutigen Zug verleiht. Denn auch das Gefühl, das Thomes Figuren dann doch allesamt verbindet, nämlich in einer Welt zu leben, in der Halt und Orientierung verloren gegangen sind, ist ein sehr gegenwärtiges.

Angaben zum Buch Stephan Thome: Gott der Barbaren
Suhrkamp Verlag
719 Seiten
ISBN: 978-3-518-42825-2

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 02. Oktober 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2018, 04:00 Uhr