Cover Hanuschek
Cover des Buches "Wir leben noch. Erich und Ida Kästner, Kurt Vonnegut und der Feuersturm von Dresden. Eine Zugfahrt." von Sven Hanuschek Bildrechte: Atrium Verlag

Buchkritik: "Wir leben noch" Kästner-Experte Hanuschek will Geschichte und Poesie verbinden – und enttäuscht

Was hat das heutige Dresden mit dem Erich Kästners und seiner Mutter Ida zu tun? Das ist eine der Fragen, die sich durch Sven Hanuscheks neues Buch zieht. Der Kästner-Biograf versucht darin, zwei sich kreuzende Lebenswege zusammenzudenken: Jenen von Ida Kästner und von Kurt Vonnegut, der als Kriegsgefangener den 13. Februar 1945 in Dresden erlebte. Dabei versucht der Autor, noch eine Gegenwartsebene einzuziehen. Das Vorhaben misslingt jedoch, findet unser Literaturkritiker.

von Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR-Kritiker

Cover Hanuschek
Cover des Buches "Wir leben noch. Erich und Ida Kästner, Kurt Vonnegut und der Feuersturm von Dresden. Eine Zugfahrt." von Sven Hanuschek Bildrechte: Atrium Verlag

Dresden ist ein symbolischer Ort. Drastisch kann man das immer am 13. Februar beobachten - jenem Tag, an dem der Zerstörung Dresdens durch alliierte Bomber gedacht wird. So liegt der Schatten des Krieges noch immer auf der Stadt, auf der wiederaufgebauten Frauenkirche und den herausgeputzten Barockfassaden rund um den Zwinger. Vergangenheit und Gegenwart rücken hier so dicht zusammen, dass sie ineinander überzugehen scheinen.

Diese merkwürdige Gemengelage mag Sven Hanuschek, ausgewiesener Kenner des Werks von Erich Kästner, zu seinem neuen Buch inspiriert haben. Er folgt der Einladung, einem Kindertheaterprojekt über das Leben Kästners in der sächsischen Hauptstadt beizuwohnen. Auf der Reise denkt er darüber nach, "wie sich die Geschichten von Ida Kästner und Kurt Vonnegut im und nach dem Dresdner Feuersturm erzählen lassen - der Mutter Erich Kästners und des Autors von 'Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug', einem modernen Klassiker der Weltliteratur.“

Im historischen Moment verbunden

Dresden nach dem Luftangriff vom 13. Februar 1945 Zerstörung Bombardierung Zweiter Weltkrieg
Dresden nach dem Luftangriff vom 13. Februar 1945 Bildrechte: IMAGO

Eine gute Idee, diese zwei Perspektiven kurzzuschließen, zumal vor nicht allzu langer Zeit unbekannte Postkarten von Erich Kästners Mutter entdeckt wurden. Ida Kästner, 1871 geboren, war eine hochbegabte, von Depressionen heimgesuchte Frau, die ihre unerfüllten Lebenswünsche auf den Sohn übertrug.

Erich war ihr Ein und Alles; es war fast so, als sei bei der Geburt vergessen worden, die Nabelschnur zwischen den beiden zu trennen. Die reichte sogar bis Berlin, wo der Sohn zum erfolgreichen und dann, unter den Nazis, zum verfemten Schriftsteller wurde. Umso dramatischer die Situation im Februar 1945, als der Bombenhagel abertausende Menschen tötet. Tagelang ist die Kommunikation unterbrochen, und Hanuschek schildert, welche Wege Ida Kästner gegangen sein muss, um Erich die Nachricht zukommen zu lassen, dass die Eltern überlebt haben.

Ein Mann mit lockigem Haar und Brille sitzt auf einer Treppe vor einem Gebäude und schaut lächelnd in die Kamera.
Der Autor Kurt Vonnegut Bildrechte: imago/ZUMA Press

Kurt Vonnegut stand auf der anderen Seite, und er war doch auch betroffen: Als amerikanischer Kriegsgefangener erlitt er die Angriffe seiner Landsleute. Er überlebte und hatte sein Lebensthema. Immer wieder kommt er in seinen Büchern auf den Krieg zurück, aber es dauert lange, bis er eine Sprache für den Feuersturm des 13. Februar findet. Zwei sehr unterschiedliche Leben also, die sich in Dresden in einem bestimmten historischen Moment nahe kommen.

Der Versuch misslingt

"Wie ließe sich die Geschichte von Ida und Kurt erzählen? Falls es eine gemeinsame Geschichte ist?“, fragt sich Hanuschek. Und leider findet er darauf keine rechte Antwort. Oder anders gesagt: Sein Versuch geht ziemlich schief. Das hat vor allem mit der Komposition des Bandes und seiner literarischen Anlage zu tun. Der Autor verwandelt sich in eine fiktive Figur, die sich auf dem Weg Richtung Dresden allerlei poetische Gedanken macht - über das, was er aus dem Zugfenster beobachtet oder über Mitreisende, um dann immer wieder auf seine beiden Protagonisten Ida Kästner und Kurt Vonnegut zurückzukommen.

Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek
Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek Bildrechte: dpa

Diese assoziative Form funktioniert aus zwei Gründen nicht: Es gelingt Hanuschek nur unzureichend, gestern und heute miteinander zu verknüpfen. Man hat eher das Gefühl, da werden kleine impressionistische Skizzen aneinandergereiht, ohne dass sie wirklich sinnig verbunden sind. Die Gegenüberstellung von Ida Kästners und Vonneguts Schicksal könnte zwar interessant sein, aber viel mehr als eine spekulative, mit bedeutungsschwangeren Bildern aufgeladene Parallelerzählung kommt dabei nicht heraus - zudem lernt man nicht viel Neues.

Hanuschek ist kein Dichter

Das größte Problem aber liegt in Hanuscheks sprachlichem Vermögen - er ist kein Dichter. Das führt einerseits zu stilistischen Entgleisungen, etwa wenn er in einem Kapitel von den Rüstungsbetrieben in Dresden erzählt. Und das nächste mit dem Satz beginnt, auch Ida Kästner sei "eine Granate" gewesen - er meint damit die talentierte heranwachsende Schülerin. Die zwischengeschobenen Reisereflexionen hingegen sind eher flüchtige Notizen, die nicht alle einen Originalitätspreis verdienen.

Auszug aus "Wir leben noch" Nach dem Hauptbahnhof ziehen Sandhaufen vorbei, Sand allerorten, Nürnberg die Sandstadt, sandfarbene Burg, sepiafarbene Dürerzeichnungen, sandfarbene Grabsteine am Johannisfriedhof, ich sehe Berge von Schwellen, einen Bagger, es wird wohl eine Straße gebaut oder ein Platz geteert, um den Sand zuzudecken. Seltsam, wie zerstört Städte heute und hier aussehen, in einem der reichsten Länder überhaupt, wenn man zu viel über Dresdner Sandstein gelesen hat. Viele riesige Autohäuser.

Die Mischung aus Literatur, Essay und Literaturgeschichte kann gewiss gelingen. Im Falle von "Wir leben noch" hätte man sich aber eher keinen Genremix, sondern lieber einen soliden Aufsatz gewünscht - denn dass Hanuschek ein guter wissenschaftlicher Autor ist, hat er mehrfach bewiesen.

Angaben zum Buch Sven Hanuschek: Wir leben noch. Erich und Ida Kästner, Kurt Vonnegut und der Feuersturm von Dresden. Eine Zugfahrt. Atrium Verlag, Zürich 2018
126 Seiten, 16 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. September 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. September 2018, 04:00 Uhr

Mehr Buchkritiken