Eine Frau sitzt an einem Fenster und liest.
Analog statt digital - dafür plädiert "Gebrauchsanweisung fürs Lesen" Bildrechte: IMAGO

Buchtipp: "Gebrauchsanweisung fürs Lesen" Warum Leser länger leben

Seit 40 Jahren erscheint im Piper Verlag eine Buchreihe, die sich "Gebrauchsanweisungen" nennt. Es gibt Gebrauchsanweisungen für Island und Venedig, für den Schwarzwald und für China, aber auch fürs Gärtnern oder Schwimmen. Im Jubiläumsjahr erscheint nun eine "Gebrauchsanweisung fürs Lesen". Autorin ist die Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg, die das Lesen im allgemeinen Wirbel des Teilens und Postens untergehen sieht.

von MDR KULTUR-Literaturkritikerin Eva Gaeding

Eine Frau sitzt an einem Fenster und liest.
Analog statt digital - dafür plädiert "Gebrauchsanweisung fürs Lesen" Bildrechte: IMAGO

"Ich kenne das Vergnügen des Nichtstuns überhaupt nicht. Sobald ich kein Buch mehr in der Hand halte, oder davon träume, eines zu schreiben, überkommt mich eine solche Langeweile, dass ich laut schreien möchte" zitiert Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg Gustave Flaubert in ihrer "Gebrauchsanweisung fürs Lesen". Man kann nur spekulieren, ob der Schriftsteller, wäre er in diesem Jahrhundert geboren worden, bei aufkommender Langeweile stattdessen zum Smartphone gegriffen hätte. Höchstwahrscheinlich aber nicht. Denn Lesen, versunkenes, selbstvergessenes Lesen, ist mit dem Blick auf das Display nicht zu vergleichen.

Das zumindest lehrt uns Felicitas von Lovenberg. Die Literaturkritikerin und Piper-Verlegerin ist außerdem der Überzeugung, dass das Lesen Gefahr läuft, im allgemeinen Wirbel des Teilens und Postens, der Blogs und Communitys, der auch den Literaturbetrieb erfasst hat, verloren zu gehen.

Schon wird öffentlich die Frage gestellt, ob das Buch womöglich am Ende sei, nachdem es sich über Jahrzehnte der größten Beliebtheit erfreut hat. Sicher ist: Wir werden das Bücherlesen nur retten, indem wir es groß machen und essentiell. aus "Gebrauchsanweisung fürs Lesen"

Besserer Schlaf, mehr Lebenszeit

Von Lovenberg möchte der der Kulturtechnik zu neuer Größe verhelfen. In ihrer "Gebrauchsanweisung fürs Lesen" bricht sie eine Lanze für das hingebungsvolle Sich-Versenken in die fremde Welt eines Romans, das auf den ersten Blick eben gerade nicht zweckmäßig erscheint. Ganz anders als die Lektüre eines Fachbuches oder Internetartikels. Doch sinnvoll ist es umso mehr. Felicitas von Lovenberg zählt auf: besserer Schlaf, mehr Ausgeglichenheit, mehr Lebenszeit, mehr Empathie erwarten den konzentrierten Romanleser.

Buchcover "Gebrauchsanweisung fürs Lesen"
Felicitas von Lovenberg: "Gebrauchsanweisung fürs Lesen" Bildrechte: Piper Verlag

Lesen verbessert nicht nur den Wortschatz: "Wir würden nicht lieben, wenn wir nicht von der Liebe gelesen hätten" zitiert von Lovenberg Francois La Rochefoucauld. Beim Durchleben fremder Existenzen bekommen wir, so der naheliegende Schluss, erst einen Begriff von und für unsere eigenen Gefühle.

Nachdem sie das "Warum" geklärt hat, wendet sich von Lovenberg in ihrer Gebrauchsanleitung dem "Wie" des Lesens zu. Die Autorin plädiert hier für das analoge Buch statt des digitalen Readers. Es ist für sie eine Bastion des Privaten und wird somit auch zu einem Instrument des Widerstandes:

In unserer Zeit, da der Wert des Individuums zunehmend auf Daten reduziert wird mit denen das ewig hungrige globale Datenverarbeitungssystem gefüttert wird, ist es eine bewusste Entscheidung, sich beim Lesen nicht dauernd über die Schulter und in den Kopf schauen zu lassen. aus "Gebrauchsanweisung fürs Lesen"

Inspirierende Zitate

Das alles erzählt Felicitas von Lovenberg in locker leichtem Plauderton. Sie verarbeitet dabei nicht nur eigenes Erleben, sondern lässt in ihrem Text auch allerlei literaturbegeisterte Frauen und Männer zu Wort kommen. Von Augustinus über Virginia Woolf, Karl Kraus und Kurt Tucholsky bis hin zur Popikone Madonna und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron hält die Auswahl manche Perle geistreicher Zitate bereit, die sich, ganz zwanglos in jede Konversation einflechten lassen.

Das schmale Bändchen entfaltet auf kaum mehr als 100 Seiten ein erstaunlich breites Spektrum der Lust am Buch. Lust ist auch das Stichwort für den letzten Punkt, dem sich Felicitas von Lovenberg widmet: Was lesen?

"Der Geist, in dem Leser und Buch zusammenkommen, muss ein freiwilliger sein, das hat das Lesen mit dem Lieben gemein", lautet ihre Einschätzung, mit der sie elegant der Verbindlichkeit von Literaturlisten aus dem Weg geht. Dennoch hat von Lovenberg in ihrer Gebrauchsanweisung fürs Lesen zuverlässig einige Fährten ausgelegt, die, so ahnt man, zu köstlichen Leseerlebnissen führen werden.

Angaben zum Buch Felicitas von Lovenberg: "Gebrauchsanweisung fürs Lesen"
128 Seiten, Hardcover
Piper Verlag, 2018
ISBN: EAN 978-3-492-27717-4
10,00 EURO

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. August 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Januar 2019, 18:11 Uhr

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