Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse Verena Güntners "Power": Ein Jugendroman für Erwachsene

In ihrem Roman "Power" erzählt Verena Güntner eine irre Geschichte, die für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 nominiert ist. Darin suchen Kinder einen Hund und wecken Assoziationen an Fridays For Future und Greta Thunberg.

von Kais Harrabi, MDR KULTUR

Autorin Verena Güntner
Autorin Verena Güntner Bildrechte: Stefan Klüter/DuMont Buchverlag/dpa

Power ist verschwunden, der Hund von Frau Hitschke. Und Kerze, das wahrscheinlich selbstbewussteste elfjährige Mädchen der jüngeren deutschsprachigen Literatur, beschließt, auf die Suche zu gehen.

Textauszug, Seite 11 "Hitschke", sagt Kerze, "wenn Power seit gestern wirklich weg ist, dann werd ich ihn jetzt suchen. Das geht nicht, dass Power weg ist, wir beide wissen, dass das nicht geht."

Fühlen wie ein Hund

Kerze nimmt ihren Auftrag ernst. Was sie anpackt, bringt sie mit Hingabe zu Ende, und was sie verspricht, das hält sie auch. Und so durchstreift sie das Dorf, Haus für Haus, auf der Suche nach Power. Dann dehnt sie ihre Suche auf den Wald aus. Nach und nach schließen sich ihr mehr Kinder an. Wie Profiler versuchen sie sich in den Hund einzufühlen, mit bizarren Konsequenzen:

Textauszug, Seite 86: Auf dem Feld unternehmen sie erste Versuche auf allen Vieren, und Pauli, der bei den letzten Schulmeisterschaften den zweiten Platz über tausend Meter gemacht hat, treibt das Rudel voran. Beim Karottenacker fordert Kerze sie auf, sich die Taschen zu füllen, dann fegen sie weiter bis zur Schlucht hinterm Weiher. Das Echo vervielfacht Kerzes Bellen und die Kinder schließen sich ihr an. Die Stimmen und ihr Widerhall füllen die Luft mit Spannung, und Kerze, berauscht von allem, stellt sich an den äußersten Rand der Schlucht und ruft Powers Namen.

Kinder mit eigenem Willen

Verena Güntner: Power 4 min
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Verena Güntners Roman "Power" erzählt eine irre Geschichte, die für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Darin suchen Kinder einen Hund und erinnern dabei an Fridays For Future und Greta Thunberg.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 22.02.2020 20:13Uhr 03:36 min

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Dass die ganze Sache aus dem Ruder laufen wird, ist schnell klar. Die Kinder verschwinden immer länger im Wald, bis sie schließlich komplett dortbleiben und als Hunderudel in einem Erdloch hausen. Das Fehlen der Kinder bleibt natürlich auch im Dorf nicht unbemerkt. Die Eltern begeben sich hilflos auf die Suche und als sie merken, dass ihre Kinder ihren eigenen Willen haben, und gar nicht daran denken, nach Hause zu kommen, brechen sich Verbitterung und Wut Bahn:

Textauszug, Seite 118: Die Hitschke ist jetzt geächtet. Sie und ihr verdammter Hund sind ja schuld an allem. Und deshalb hat auch in einer Nacht- und Nebelaktion der Hubersohn ein "Hitschke raus" an ihre Hauswand gesprüht, was dazu geführt hat, dass sich seit einer Woche eine täglich wachsende Zahl von Leuten, vorneweg die Podoschniks, vor ihrem Zaun versammelt und mit erhobenen Fäusten "Hitschke raus" skandiert. Die hat seitdem tagsüber das Haus nicht mehr verlassen, hat die Vorhänge zugezogen und sich im Wohnzimmer verschanzt, die alte Flinte von Karl in den Händen, obwohl sie nie gelernt hat, damit zu schießen. Einen von denen wird sie schon treffen, denkt sie sich.

Assoziationen mit Fridays For Future

"Power" ist eine bittere Parabel über eine Gesellschaft, die ihre Kinder nicht ernstnimmt. Dass die Geschichte in einem brüllheißen Dürresommer spielt, weckt Assoziationen an Bewegungen wie Fridays for Future. Und Kerze mit ihrer spröden Aura, der unbändigen Willenskraft und dem Ziel vor Augen, das sie immer wieder in den Fokus rückt, erinnert an eine gewisse Klimaaktivistin. Während Kerze also versucht, mit den anderen Kindern den Hund zu finden, reißen im Dorf tiefen Gräben auf.

Textauszug, Seite 195: "Sie hat keine Schuld, sie ist doch auch noch ein Kind“, gibt Ellen zurück. "Natürlich hat sie Schuld. Das ist doch nicht das erste Mal, dass die hier wichtigtut im Dorf. Du hast deine Tochter nicht im Griff, noch nie gehabt. Da fehlt ein Mann im Haus, der ihr mal zeigt wo’s langgeht und dir gleich mit."

Jugendroman für Erwachsene

In "Power" steckt die unbändige Energie seiner Hauptfigur. Verena Güntner erzählt mit grandiosem Gespür für absurde Dialoge, schräge Situationen und für die Tragik des Lebens. Und mit Kerze hat sie eine sehr coole, faszinierende Protagonistin geschaffen. Man kann in "Power" einen Jugendroman sehen, aber das würde Güntners Text unrecht tun. Zwar kommt er daher wie einer, mit einer Elfjährigen als Hauptfigur, einem verrückten Abenteuerplot und einer leicht verständlichen Sprache, aber die Themen und die düsteren Wendungen, die die Geschichte hier und da nimmt, machen "Power" dann doch eher zur Lektüre für Erwachsene. Und die nehmen hoffentlich eine Lektion aus dem Abenteuer von Kerze mit: "Hingabe!"

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 20. Februar 2020 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2020, 04:00 Uhr

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