Holocaust-Gedenken Gedenkstätte Buchenwald: Verrohung und rechte Tendenzen nehmen zu

Vor dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar hat der Leiter der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, Knigge, die Verrohung in der Gesellschaft beklagt. Auch verharmlosende AfD-Statements wie das von der NS-Geschichte als "Vogelschiss" zeigten Wirkung bis in die Mitte der Gesellschaft. Dies zeige sich auch an Orten wie der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Zugleich fühle er sich ermutigt von einem Erstarken der Zivilgesellschaft.

Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, beobachtet eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft und rechte Tendenzen. "Der relativierende und verharmlosende, der die Geschichte des Nationalsozialismus zum Vogelschiss erklärende Blick auf diese Vergangenheit, hat an Kraft gewonnen“, sagte Knigge bei MDR KULTUR. Verstärkt hätte sich die Zustimmung zu solchen Positionen aus der Mitte der Gesellschaft, auch aus bürgerlichen Milieus heraus, denen man das vorher nicht zugetraut habe.

Wegen Störungen: Besucherordnung geändert

"Das schlägt sich dann auch nieder: In Gestalt von Störungen von Besucherführungen, durch Irritation von Besuchern mit geschichtsrevisionistischen oder sogar ableugnenden Interventionen“, sagte Knigge über das Verhalten in den Gedenkstätten.

Um das einzudämmen, wurde mittlerweile auch die Besucherordnung der Gedenkstätte Buchenwald geändert. Besucher, die im weitesten Sinne als Verteidiger des Nationalsozialismus auftreten, können demnach ausgeschlossen werden. Anlass dafür ist laut Knigge der Besuch des AfD-Politikers Stephan Brandner im vergangenen Sommer gewesen.

Rhetorik der AfD ermutigt "Menschen, die kippeln"

Eingang zur Gedenkstätte Buchenwald
In die KZ-Gedenkstätte Buchenwald kommen auch Besucher, die die Verbrechen der NS-Zeit in Frage stellen oder leugnen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Allgemein macht der Gedenkstättenleiter die Rhetorik mancher Politiker der AfD für die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas verantwortlich. Knigge sagte MDR KULTUR: "Björn Höckes Dresdner Rede war dafür ein Fanal. Er sprach von 'dämlicher Bewältigungspolitik'. Er forderte eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad. Oder Alexander Gauland sprach von den zwölf Jahren, die doch zu fürchterlichsten in der deutschen und der Weltgeschichte, vom 'Vogelschiss'. All dieses Verkleinern, diese Tabubrüche haben für Menschen, die kippeln, offensichtlich eine ermutigende Wirkung." Sie würden sich dann nicht mehr kritisch mit dieser historischen Erfahrung der Deutschen und Europäer auseinander setzen. "Das beunruhigt uns."

Gedenktage werden gegenwartsbezogener

Daher werden Gedenktage wie der Internationale Holocaust-Gedenktag am 27. Januar aktueller und gegenwartsbezogener, meint Knigge. Diese Gedenktage seien keine "museologische, anachronistische Rückschau, sondern sie sind Ermutigung und Sensibilisierung für unser Handeln heute und morgen."

Auch Erstarken der Zivilgesellschaft zu beobachten

Gleichzeitig beobachtet Knigge ein Erstarken der Zivilgesellschaft. Es gebe enorm viele Menschen, die mit einer "Jetzt-erst-Recht- und Trotzdem-Haltung" in die Gedenkstätten kämen. Sie stellten sich hinter deren Arbeit und die selbstkritische Erinnerungskultur der Bundesrepublik. "Es gibt die 'Erklärung der vielen', die jetzt auch für Thüringen nochmal zustande kommt. Wir sehen die enorme Zustimmung, die Europa als Friedensprojekt und gegen den Ultranationalismus mittlerweile wieder findet. Ich sehe da eine starke Mobilisierung. Darüber freue ich mich", so Knigge bei MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kulturnachrichten | 25. Januar 2019 | 06:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2019, 04:00 Uhr

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