Ursula Krechel
Hat mit "Geisterbahn" ihre Trilogie vollendet: Ursula Krechel Bildrechte: Gunter Glücklich

Buchkritik "Geisterbahn" Warum Ursula Krechels Roman über eine Sinti-Familie so bewegt

Ursula Krechel hat ihre große Roman-Trilogie zu Opfern und Tätern in der deutschen Kriegs- und Nachkriegszeit vollendet. Nach "Shangai fern von wo" und "Landgericht" ist nun mit "Geisterbahn" der letzte Teil erschienen.

von Sigrid Löffler, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Ursula Krechel
Hat mit "Geisterbahn" ihre Trilogie vollendet: Ursula Krechel Bildrechte: Gunter Glücklich

Mit dem Roman "Geisterbahn" hat die Erzählerin Ursula Krechel ihre große Trilogie von Dokumentarromanen über Opfer und Täter in der deutschen Kriegs- und Nachkriegszeit vollendet. Ging es in den beiden vorangegangenen Großromanen um das Schicksal verfolgter Juden im chinesischen Exil ("Shanghai fern von wo") und um einen unerwünschten jüdischen Rückkehrer und dessen zerbrochene Familie ("Landgericht"), steht nun eine verfolgte Sinti-Familie im Mittelpunkt von "Geisterbahn".

Ihr Schicksal steht stellvertretend für die Verfolgung der Volksgruppe der Roma und Sinti während des Nazi-Regimes. Und deren fortdauernde Ausgrenzung und Drangsalierung durch die Nachkriegsgesellschaft - bis in die Gegenwart hinein.

Lyrische Sprachkraft mit Fakten-Genauigkeit

Wie schon die Vorgänger-Romane ist auch dieser aus Krechels penibler Archiv-Arbeit, historischer Recherche und umfangreichem Studium von Zeitdokumenten hervorgegangen. Man merkt, wieviel dokumentarische Arbeit in diesen Roman eingeflossen ist. Krechel kann noch das winzigste zeithistorische Detail genau belegen.

Dabei verfügt sie über ein breites und abwechslungsreiches Spektrum von narrativen Tonfällen. Sie übersetzt ihre Recherche-Ergebnisse in ihre eigene Erzählsprache – in eine Prosa von großer lyrischer Sprachkraft, Prägnanz und lebhafter, farbiger Anschaulichkeit, bei gleichzeitiger nüchterner Fakten-Genauigkeit.

"Zigeuner" unerwünscht

Der Roman beginnt optimistisch, mit der heiteren Szene einer sorglosen Idylle. Krechel zeigt die Schausteller-Familie Dorn mit ihren sieben Kindern in den frühen 30er-Jahren und porträtiert sie als einen glücklichen und innigen Großfamilienverband. Die Familie zieht mit ihrem Fahrgeschäft, einem Karussell, im Moselland rund um Trier von Kirmes zu Kirmes. Sie verdient ordentlich und hat es zu einem eigenen Häuschen und fast schon zu bürgerlichem Wohlstand gebracht.

Buchcover: "Geisterbahn" von Ursula Krechel
"Geisterbahn" von Ursula Krechel Bildrechte: Jung und Jung Verlag

Der Patriarch erwägt nun die Ausweitung des Fahrgeschäfts und die Anschaffung eines neumodischen Autoscooters - doch bei der Berliner Messe erlebt er einen tiefen Schock und eine grobe Abfuhr: Der Händler lehnt brutal ab. Er verkaufe nicht an Zigeuner.

Schweigen aus Scham

Es ist der Sommer der Olympischen Spiele 1936, und die NS-Terror-Maschinerie gegen unerwünschte Minderheiten beginnt anzuspringen. Vater Dorn wird in Berlin bei einer polizeilichen Razzia aufgegriffen, nach Marzahn verschleppt und zusammen mit 600 anderen Sinti in das erste, aber bereits effektiv funktionierende Konzentrationslager gepfercht. Es gelingt ihm die Flucht, doch aus Scham verschweigt er der Familie nach seiner Heimkehr, was ihm widerfahren ist.

Der erste Hauptteil des Romans zeigt die unerbittlich konsequente stufenweise Entrechtung und bürokratische Drangsalierung der Familie Dorn. Sie muss ihr Karussell verschrotten; Mutter Dorn verliert ihr achtes Kind, weil die Hebamme nicht aufkreuzt; und die älteste Tochter und der älteste Sohn werden zwangssterilisiert.

Deportation, Verrat, Gestapo-Verhöre

Der älteste Sohn ist das einzige Familienmitglied, das sich über die Grenze nach Luxemburg retten kann. Er taucht als Bäckerlehrling unter, ehe auch er enttarnt und nach Buchenwald deportiert wird. Am Ende steht die Deportation der Familie nach Auschwitz, wo fünf der Kinder umkommen. Die Eltern Dorn überleben schwer versehrt und fürs Leben gezeichnet.

Parallel zum Schicksal der Dorn-Familie wird die Verfolgung der kommunistischen Eisenbahner-Familie Torgau erzählt: Es geht um politische Untergrund-Arbeit, um den Verrat klandestiner Zellen durch eingeschleuste Spitzel, um Gestapo-Verhöre, Folter und schließlich gleichfalls um Deportation nach Auschwitz.

Schikanen der Nachkriegszeit

Ursula Krechel versagt es sich, die Leiden ihrer Protagonisten im KZ direkt zu erzählen. Sie wählt stattdessen eine indirekte Erzähltechnik: Was den Dorns und den Torgaus in den KZs angetan wurde, ermisst sich an ihren Schmerzen, Depressionen und chronischen Krankheiten, an denen sie für den Rest ihres Lebens laborieren, die ihnen ihr Nachkriegsleben vergällen und bei einigen zu einem frühen und tragischen Tod führen.

Den KZ-Rückkehrern wird auch weiterhin mit Misstrauen und Ressentiment begegnet. Mit Ingrimm und verhaltener Empörung schildert die Autorin die kleinlichen und boshaften behördlichen Schikanen, die die Nachkriegsgesellschaft ebenso wie gegen Juden auch gegen Sinti und Roma einsetzt, um den Opfern des Nazi-Regimes Entschädigungen vorzuenthalten.

Täter- und Opferkinder

Die Nachkriegskapitel kommen in einem anderen, einem entspannteren Erzählton daher – plastisch, farbig, detailreich und eindringlich. Sie profitieren von einem raffinierten erzählerischen Kunstgriff: Im Mittelpunkt stehen nicht die Täter, Mitläufer, Opportunisten und Karrieristen, die sich in Trier unter französischer und später amerikanischer Besatzung durch die Entnazifizierung schummelten und sich mühe- und reuelos in die deutsche Wiederaufbau-Gesellschaft eingliederten, sondern deren Kinder, die gemeinsam Mitte der 50er-Jahre als Zweitklässler in Trier zur Schule gehen.

Täter- und Opferkinder, allesamt vom selben Jahrgang 1947 wie die Autorin Krechel selbst, mischen und befreunden sich untereinander arglos und ohne Vorurteile, auch wenn ihnen allmählich die Rollen dämmern, die ihre Eltern während des Nazi-Regimes jeweils spielten. Hier kann Ursula Krechel ganz offensichtlich auf eigene Schul-Reminiszenzen in Trier zurückgreifen. Ihre einprägsame und warmherzige lyrische Sprachkraft entfaltet sich voll.

Ein herzzereißender und wahrhaftiger Roman

Jetzt wird auch immer deutlicher, dass es in diesem Roman zwei Erzählerstimmen gibt. Die hauptsächlich wortführende Erzähl-Instanz ist von Anfang an die souveräne Stimme, die erkennbar mit der Stimme der Autorin verschmilzt. Doch ebenfalls von Anfang an lässt sich gelegentlich eine zweite Stimme vernehmen, ein Erzähler-Ich, das reinredet und sich mit autobiografischen Erinnerungen an "MEINENVATER", eine autoritäre Polizistenfigur, zu Wort meldet. Jetzt gibt sich dieses Erzähler-Ich zu erkennen und gewinnt immer prägnantere Kontur als einer der Protagonisten der Trierer Schulklasse: Es ist der Mitschüler und Polizistensohn Bernhard Blank, der in seinem Vater allmählich einen dubiosen Komplizen des Nazi-Regimes erkennen muss.

An den Haltungen der Trierer Bevölkerung gegenüber den Opfern hat sich im Grunde wenig geändert. Das Leben der Familien Dorn und Torgau ist und bleibt ruiniert: Als KZ-Überlebende sind sie traumatisiert und zum Teil chronisch krank und suizidal gefährdet. In der Gegenwartsebene des Romans verwüsten und zerstören Neo-Nazis aus Hass auf Sinti und Roma das Restaurant, das sich zwei Geschwister Dorn im aufgelassenen Bahnhof von Trier aufgebaut haben.

"Geisterbahn" ist ein herzzerreißender und bitter wahrhaftiger Roman, ein stellenweise bedrückendes, aber tapferes und zukunftsoffenes  Dokument eines lange verdrängten Kapitels deutscher Zeitgeschichte.

Angaben zum Buch Ursula Krechel: "Geisterbahn", Roman

Verlag Jung und Jung, Salzburg 2018

640 Seiten, 32 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Dezember 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2018, 09:20 Uhr

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