Buchkritik David Grossmanns "Was Nina wusste" – Wie ein Trauma eine Familie verfolgt

"Was Nina wusste" heißt der neue Roman des Erzählers David Grossmann, der zu den bekanntesten israelischen Künstlern zählt. Der Autor wurde u.a. mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und dem Internationalen Man-Booker-Preis geehrt. Kritikern prophezeien ihm sogar den Literatur-Nobelpreis. Dennoch kann Grossmann unseren Literaturkritiker mit diesem Roman nicht vollständig überzeugen.

David Grossmann gehört zu den prominentesten linken israelischen Intellektuellen. Er ist ein Mann, der zum Beispiel für die Zweistaatenlösung in Palästina und Israel streitet. Doch dieses Thema bestimmt nicht unmittelbar seinen neuen Roman. Wohl aber legt Grossmann offen, wie intensiv er generell über historische Abläufe nachdenkt. Und in diesem Roman ist es speziell die Geschichte der Linken, die ja dann im neugegründeten Israel im Jahr 1948 auch einen gewissen Einfluss hatte, zum Beispiel mit der Kibbuz-Bewegung, so einer Art landwirtschaftlicher Genossenschaft, die sich im jungen Israel sehr kraftvoll verbreitet hatte.

Traumatische Erfahrungen

In einem solchen Kibbuz beginnt auch die Geschichte um die drei weiblichen Hauptfiguren Vera, Nina und Gili; Großmutter, Mutter und Tochter, die, von der älteren zur jüngeren, einander eine bestimmte traumatische Erfahrung weitergegeben haben. Es ist die Erfahrung, dass die Mutter ihre Tochter zurücklässt, weil sie einer anderen Verpflichtung, einem anderen inneren Befehl zu folgen hat. Was das für eine dunkle Kraft war, die eben über zwei Generationen Mutter und Tochter auseinandergerissen hat, das wird nun in diesem Roman aufgeklärt. In gewisser Weise ist Grossmanns neuer Roman also das Protokoll einer Trauma-Behandlung, natürlich als Roman inszeniert, durchaus eindrucksvoll, aber für mich nicht an allen Stellen überzeugend.

Autorenporträt von David Grossman
Der Schriftsteller David Grossman Bildrechte: Hanser Verlag/Sabine Lohmüller

Schatten des Stalinismus

Josip Broz Tito
Josip Broz Tito regierte bis 1980 diktatorisch in Jugoslawien. Bildrechte: dpa

Um es kurz zusammenzufassen: Die Großmutter, Vera (deren Schicksal dem einer in Jugoslawien sehr bekannten jüdischen Frau nacherzählt ist) hat im Zweiten Weltkrieg jene von Josip Broz Tito geführten Kräfte unterstützt, die sich dann nach dem Krieg durchsetzen und in Jugoslawien einen von Stalin unabhängigen sozialistischen Weg einschlagen – was aber eben auch mit stalinistischen Methoden realisiert wurde.

Entscheidung gegen die Tochter

Und so ist diese Frau, Vera, als vermeintliche Stalin-Anhängerin und Tito-Gegnerin in ein Umerziehungslager verbannt worden. Sie hätte das abwenden können, wenn sie ihren Mann, der von Titos Geheimpolizei bereits in den Tod getrieben wurde, öffentlich als Verräter an der jugoslawischen Sache gezeichnet hätte. Im Gegenzug hätte man ihr die Haft erlassen, und ihre sechsjährige Tochter hätte weiter eine Mutter gehabt.

Vera hat sich seinerzeit für den Mann und gegen die Tochter entschieden. Und diese Tochter hat dieses Trauma wiederum weitergegeben an ihre Tochter Gili, die sie, hier nun aber aus freien Stücken bzw. aus der traumatischen Störung heraus, auch wieder verlassen hat.

Das alles wird nun auf einer großen Reise der drei Frauen und drei Generationen ausgesprochen und verhandelt. Die drei reisen aus Israel, wohin Vera nach ihrer Entlassung aus dem jugoslawischen Erziehungslager ausgereist ist, zurück in dieses Lager an der jugoslawischen Adria-Küste, auf die Insel Goli Otok, die bis heute ein Synonym für die Verbrechen Titos als Diktator in Jugoslawien ist.

Roman überzeugt leider nicht

Ganz überzeugt bin ich jedoch nicht von diesem Buch. Und es fällt mir schwer, das so zu äußern, weil diese Geschichte in ihrer rohen, faktischen Gestalt eben so bitter und anrührend ist. Lehrreich ist sie auch, weil man eben dazu angehalten ist, sich dieses immer etwas von Mythen umrankte Modell des jugoslawischen Tito-Sozialismus genau anzugucken.

Aber für meinen Geschmack hat dieser große Erzähler Grossmann hier an vielen Stellen seine Personen zu schematisch gezeichnet. Es fehlt ihnen schlicht – meiner Meinung nach – an wirklicher Persönlichkeit. Es gibt zu wenig Zwischentöne und stattdessen immer gleich schweres Gefühl bis zum Anschlag. Anfangs wird zwischen Mutter und Tochter nur gehasst. Dann, als ließe sich ein Trauma einfach so wegreden durch ein Schuldeingeständnis, schlägt alles ins Gegenteil, in eine durchaus berührende Mutter-Tochter-Liebe um.

Aber funktioniert das wirklich? Kann eine Entfremdung von mehreren Jahrzehnten mit ein paar Geständnissen und einer Flasche Whisky einfach weggespült werden? Hier scheint mir die Trauma-Behandlung dann doch etwas zu glatt nach der psychotherapeutischen Anleitung zu funktionieren, während auf der anderen Seite immer wieder auch so ein allzu naiver Märchenton hineinkommt, wenn die Großmutter Vera von der offenbar völlig konfliktlosen Liebe zu ihrem Mann Milos erzählt – eben dem, der dann von Titos Geheimpolizei in den Tod getrieben wurde.

Wobei übrigens, so sagen es Kritiker, die auch das hebräische Original lesen können, Übersetzerin Anne Birkenhauer hier nahe am Tonfall Grosmanns geblieben ist. Ihre Schuld ist es also nicht.

So – und was machen wir nun: eine Empfehlung oder eher ein Eingeständnis, dass der neue Roman von David Grossmann nicht der beste dieses Autors ist?

Angaben zum Buch David Grossmann: "Was Nina wusste"
Übersetzt aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer
352 Seiten, 25 Euro
ISBN: 978-3-446-26752-7
Hanser Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. September 2020 | 08:10 Uhr