Buchkritik Ein psychedelischer Roman, der alle Grenzen sprengt: "Solenoid"

Rumänische Literatur ist in Deutschland nicht sehr bekannt. Ein Name jedoch wird seit Jahren immer wieder genannt, auch als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis: Mircea Cartarescu. Jetzt erscheint sein jüngster Roman "Solenoid" auf Deutsch – ein komplexes, exzessives Werk mit zum Teil psychedelischer Wirkung.

Sigrid Löffler
Bildrechte: MDR/Andreas Lander

von Sigrid Löffler, MDR KULTUR

Mircea Cartarescu
Der rumänische Autor Mircea Cartarescu Bildrechte: imago images / Italy Photo Press

Der Roman "Solenoid" des rumänischen Autors Mircea Cartarescu, Jahrgang 1956, beruht auf einer Fiktion: Er will gar kein Roman sein, sondern das trotzige Ergebnis einer lebensentscheidenden Kränkung, die dem Ich-Erzähler in seiner Jugend widerfahren sei. 1977 habe er als junger Student in einem Lesekreis an der Bukarester Universität sein mit heißem Herzblut geschriebenes Langgedicht "Der Niedergang" deklamiert. Dafür sei er so grausam verhöhnt worden, dass er daraufhin seinem Traum, ein berühmter Schriftsteller zu werden, entsagte, sich von der Literaturszene radikal abwandte und sich für das Leben als schlichter Rumänisch-Lehrer an einer Bukarester Vorstadt-Schule entschied.

Nur für sich (so die Fiktion) schrieb er seither ein privates Journal, um sich selbst sein Leben und seinen Geist zu erklären, "die Geschichte der Anomalien meines Lebens". Dieses Manuskript setzt sich selbst als Mittelpunkt seines eigenen Universums und will "die exzentrische Welt unter meiner Schädeldecke" vollständig erfassen, die sinnliche Wahrnehmung der Außenwelt ebenso wie "die geheime, die intime und phantasmagorische, die Traumwelt meines Geistes".

"Anit-Buch von einem Anti-Schriftsteller"

Trotzig deklariert der Erzähler diese vier voluminösen Tagebuch-Hefte als "Anti-Buch, das für alle Zeiten obskure Werk eines Anti-Schriftstellers". Es ist gewollt paradox (und auch ein bisschen kokett und eitel), dass uns dieses angeblich private Journal eines anspruchslosen Anonymus nun als der literarisch höchst anspruchsvolle und ehrgeizige Großroman "Solenoid" des berühmten und seit Jahren als Nobelpreis-Anwärter gehandelten Schriftstellers Mircea Cartarescu vorliegt.

Buchcover "Solenoid"
"Solenoid" von Mircea Cartarescu Bildrechte: Hanser Buchverlage

Wie schon sein gewaltiger Vorgänger, die Roman-Trilogie "Orbitor", ist auch "Solenoid" kein realistischer Roman, auch wenn ein topografisch genau beschriebenes Bukarest der äußere Schauplatz ist und auch wenn viele Wirklichkeitspartikel aus den Hunger- und Kältejahren der finstersten Ceausescu-Diktatur und so manche autobiografische Details aus Cartarescus eigener Kindheit und Jugend eingearbeitet sind. "Solenoid" ist vielmehr ein komplexes, exzessives, hypertrophes, alle Grenzen sprengendes literarisches Werk, das die Realität auf phantastische, surreale Weise übersteigt und den Ehrgeiz hat, in eine imaginäre vierte Dimension hinter unserer dreidimensionalen Welt vorzustoßen.

"Solenoid" – das sind mehr als 900 sprachmächtige Seiten überhitzter und manierierter Prosa voll exaltierter Metaphern, bizarrer Allegorien und apokalyptischer Bilder. Es entsteht ein flirrendes und glitzerndes Kaleidoskop von Bewusstseinssplittern, Phantasieblitzen, Kindheitserinnerungen, Halluzinationen, Träumen und Visionen, entsprungen im Kopf des Erzählers, seinem "Einverleibungsapparat".

Psychedelische Wirkung

Entworfen wird ein panoramatisches Bild vom inneren Kosmos des Autors und seiner Stellvertreterfigur, des Ich-Erzählers – ein Bild seiner abseitigen und verwegenen Lektüren, seiner extremen Gemütszustände, seiner Obsessionen und Exaltationen, seiner Alpträume und Zwangsvorstellungen, das Ganze vorgeführt in einer Hochfrequenzsprache. Die Wirkung auf den Leser ist horrend – magnetisch, suggestiv, oft bestürzend und verstörend, mitunter auch grausig und eklig, doch in den besten Passagen geradezu psychedelisch.

Auch wenn die visionären Dunkelmeister des 19. Jahrhunderts, Lautréamont oder Edgar Allan Poe, und die großen Surrealisten des 20. Jahrhunderts als Vorbilder erkennbar sind, ragt dieses Pandämonium von Roman als magischer Solitär aus der Gegenwartsliteratur heraus, allenfalls vergleichbar mit der Borges-Erzählung "Tlön, Uqbar, Orbis Tertius", mit Thomas Pynchons Parabel-Roman oder Hans Henny Jahnns "Fluss ohne Ufer".

Allein schon der deklarierte Vorsatz des Erzählers, eine Geschichte der Anomalien seines Lebens aus dem Inneren seines Kopfes schreiben zu wollen, deutet darauf hin, dass hier zwischen Träumen, Erinnerungen und der Wirklichkeit nicht unterschieden werden kann. Die Aggregat-Zustände des Erzähler-Bewusstseins oszillieren und verschwimmen zwischen Wachsein und Schlaf. Schon seine Kindheitserinnerungen changieren zwischen Erlebtem und Erträumtem. Nichts davon darf normal sein und der Erfahrung jedes beliebigen Kindes ähneln, alles wird ins Exaltierte, ins Metaphysische übersteigert.

Bukarest als metaphysischer Ort des Romans

neben der katholischen Kathedrale Sankt Josef steht ein 19-etagiges Bürogebäude
Bukarest – im Roman gibt es ein geheimnisvolles energetischen Netz unterhalb der Stadt Bildrechte: Annett Müller-Heinze

Der banale Schulalltag des Rumänisch-Lehrers mit seinen profanen Klassen- und Lehrerzimmer-Auftritten kann jederzeit in die Nachtseite des Magischen und Phantastischen kippen. Das Schulhaus kann sich schlagartig in ein Labyrinth verwandeln, sodass der Lehrer das richtige Klassenzimmer nicht mehr findet. Unter der ruinierten Stadt Bukarest, der "traurigsten Stadt auf dem Erdboden", können sich plötzlich Abgründe auftun – phantastische Unterwelten, unterirdische Kavernen und Piranesi-hafte Katakomben, Labyrinthe wie in M. C. Eschers ausweglosen Täuschungswelten. Aus der Ruine einer verlassenen Fabrik, einem Wasserschloss oder einem Museum für Rechtsmedizin kann jederzeit die Hölle mit allen Dämonen hervorbrechen, mit Bosch-artigen Alptraum-Wesen oder Dalí-haften Monstren auf Spinnenbeinen. Selbst das Wohnhaus des Erzählers, das "Haus in Schiffsform", ist ein Ort zum Verirren, ein Labyrinth mit unzähligen, sich ständig wandelnden Korridoren, Treppen und Zimmerfluchten und einem magischen Unterbau.

Angetrieben wird diese nächtige Gegenwelt von sechs mächtigen elektromagnetischen Spulen, den Solenoiden, die im Untergrund Bukarests vergraben sind und unter der Erde die Knoten eines geheimnisvollen energetischen Netzes bilden. An diesen Knotenpunkten – allesamt Orte, die mit besonderer Bedeutung im Leben des Erzählers aufgeladen sind – vibriert eine Energie von solcher Intensität, dass dort die Schwerkraft aufgehoben erscheint.

Am Ende ein prekäres Glück

Als zentraler Schreckensort fungiert das (tatsächlich existierende) Museum Mina Minovici in Bukarest, zugleich Museum, gerichtsmedizinisches Institut und Leichenschauhaus. Darunter vibriert im Roman der stärkste der sechs Solenoide. Hier wird der Erzähler heimgesucht von einer allegorischen Phantasmagorie. Er trifft im zentralen Kuppelsaal des Gebäudes auf eine gewaltige schwarze Obsidian-Statue, die Göttin der Vernichtung, die inmitten ihres Hofstaats von personifizierten Seelenqualen thront, Trauer, Verzweiflung, Ekel, Grauen, Wut und Bitternis. Und doch obsiegt der Träumer am Ende und entscheidet sich für das Leben. Der Autor gewährt seinem Erzähler-Ich zum Schluss ein prekäres Glück in einer zutiefst beschädigten und fragwürdigen Idylle. Immerhin.

Cartarescus Metaphern-Katarakte, seine Bilder-Kaskaden, seine komplizierte Syntax, seine Vorliebe für befremdliche, entlegene und ungewohnte Wörter stellen ungeheure Anforderungen an die Übersetzung. Der Übersetzer Ernest Wichner ist mit geradezu sprachschöpferischer Imagination ans Werk gegangen und hat dem Roman eine kongeniale Übertragung ins Deutsche geschenkt.

Angaben zum Buch Mircea Cartarescu: "Solenoid"
Roman aus dem Rumänischen von Ernest Wichner
Zsolnay Verlag, Wien 2019
906 Seiten, 36 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 24. September 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. September 2019, 04:00 Uhr

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