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Schriftstellerin Angela Steidele ist für ihren Roman "Aufklärung" für den Preis der Leipziger Buchmesse 2023 nominiert. Bildrechte: Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

InterviewWie Angela Steidele in die Kulturszene des historischen Leipzigs eintauchte

08. April 2023, 04:00 Uhr

Der aktuelle Roman "Aufklärung" von Klopstock-Preisträgerin Angela Steidele spielt in Leipzig. Zuvor schrieb sie über das historische Leben in Halle und Halberstadt. Was sie an der Region und an starken Frauenfiguren wie der Bach-Tochter Dorothea oder der von Lessing historisch nachhaltig diskreditierten Luise Gottsched so fasziniert, hat sie im Interview erzählt.

MDR KULTUR: Halle kennen Sie ziemlich gut durch ihre Recherchen zu ihrem Roman "Rosenstengel" von 2015. Da ging es um die Geschichte der Catharina Linck, die als Mann durch das Ende des 17. und vor allem das 18. Jahrhundert ging, bis sie in Halberstadt hingerichtet wurde. Die Region Mitteldeutschland hat es Ihnen angetan. Auch der neue Roman spielt in Leipzig. Was führt Sie schriftstellerisch immer hierher?

Angela Steidele: Sachsen und Sachsen-Anhalt haben es halt! Tatsächlich hat mich die Geschichte von Catharina Linck alias Anastasius Rosenstengel zum ersten Mal nach Halberstadt und Halle verschlagen. Schon für ihre Biografie, die ich ebenfalls geschrieben habe. Ich glaube, das erleben viele Schriftstellerinnen und Autoren so, dass es da, wo man einmal richtig tief eingestiegen ist, immer weiter geht. Denn während der Arbeit stößt man auf neue, spannende Geschichten. So geht es mir: Ein Buch folgt dem anderen in logischer Folge. Und deswegen bin ich sozusagen hängengeblieben im Sendebereich des MDR.

Im Zentrum ihres neuen Romans "Aufklärung" steht Catharina Dorothea Bach, die Tochter des Leipziger Komponisten. Eine Frau, von der wahnsinnig wenig überliefert ist. Was hat Sie auf sie aufmerksam gemacht?

Genau die Lücke. Ein Roman, der vor allem mit historisch überliefertem Personal arbeitet, über das viel bekannt ist, bei dem die Leserinnen und Leser also auch darauf achten, dass ihnen ein Bach begegnet, so wie sie ihn sich vielleicht vorgestellt haben. Es ist der Roman der historischen Überlieferung streng verpflichtet – aber dann hätte ich ein Sachbuch schreiben müssen und nicht die Form finden können, von der ich hoffe, dass sie mein Anliegen am besten transportiert – nämlich einen Roman.

Ein Roman braucht auch Platz zum Atmen. Diesen Raum hat mir Bachs älteste Tochter gegeben: Dorothea. Über sie wissen wir verführerisch wenig – allerdings Inspirierendes: Sie war die älteste Tochter, hatte also 19 jüngere Geschwister, die sie mit großgezogen hat oder die sie mit bestattet hat. Sie konnte sehr gut singen. Das wissen wir aus einem Halbsatz ihres Vaters in einem Brief, in dem er sagt, dass auch seine Tochter "nicht schlimm einschläget". In dem Gesamtzusammenhang des Briefs ist das ganz klar ein Lob über ihren Gesang.

Wir wissen, dass sie ledig geblieben ist, also immer bei ihrer Familie lebte. Da sie die gesamte Musik ihres Vaters gehört hat und im selben musikalischen Raum wie ihre berühmten Brüder Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emanuel, Christian und Friedrich groß wurde, dürfen wir annehmen, dass sie ein sehr geschultes Gehör hatte und musikalisch viel drauf. Das alles ist herzlich wenig und gleichzeitig sehr viel, um daraus eine Figur zu kreieren, die uns durch ein Handlungsgeschehen führt und somit diese historischen Figuren, Ereignisse und Werke anschaulich aufblättert.

Es gibt in dem Roman diese beiden Frauenfiguren: Einmal die besser dokumentierte Gottschedin – und dann gibt es Dorothea Bach. Wie war es bei der schriftstellerischen Findung dieser beiden Frauen? Bei der einen hatten Sie große Freiheit und bei der anderen eine Recherche, die hinter dem Schreiben lag.

Luise Gottsched zählt zu den unterschätztesten Frauenfiguren der deutschen Geschichte. Sie war zu ihrer Zeit das berühmteste "hochgelahrte Frauenzimmer" in Europa. Sie war eine Übersetzerin, Wissenschaftlerin, Dramatikerin. Sie hat ein unfassbares Œuvre hinterlassen, von einem Umfang und einer inhaltlichen Breite, dass man eigentlich noch mehrere Doktorarbeiten braucht, damit sich danach in 15 Jahren jemand hinsetzen kann und mal eine ordentliche Monografie zu Luise Gottsched schreibt, die sie mehr als verdient hat.

Weil es die aber nicht gibt, ist sie so überhaupt nicht bekannt. Das hat auch damit zu tun, dass Lessing beide Gottscheds der Lächerlichkeit preisgegeben hat und dafür gesorgt hat, dass an sie nicht mehr erinnert wird. Dabei sind beide hochinteressant – als Aufklärerpaar, das das neue Wissen und neue Denken in breiteste Schichten gebracht hat.

Bei Luise Gottsched war es mir im Roman ein Anliegen, erzählerisch dieser Monografie ein wenig vorwegzugreifen und sie als die historische Gestalt zu würdigen, die sie so ungefähr war, was wir aus den Quellen und aus ihrem enormen Œuvre wissen. Das heißt, die Handlung, die ich um Dorothea und Luise Gottsched entspinne, ist, was die Werke von Louisa Gottsched angeht, sehr genau recherchiert.

Gleichzeitig gab es für mich einen sehr schönen Anknüpfungspunkt erzählerischer Natur: Louisa Gottsched hatte nämlich in den letzten zehn Jahren ihres Lebens eine sehr enge Freundin – Dorothee Henriette von Runkel – an die sie bezaubernde Liebesbriefe geschrieben hat. Die beiden haben sich in Leipzig 1752 kennengelernt. Dann ging Madame Runkel mit ihrem Ehemann, einem Offizier, nach Görlitz und zehn Jahre lang konnten sich die beiden Frauen nur schreiben.

Vielleicht unser Glück, denn dadurch manifestierte sich diese Liebe in wundervollen Liebesbriefen, die Dorothee Henriette von Runkel in den 1770er-Jahren in drei Bänden herausgegeben hat. So dass wir Nachgeborenen uns immernoch an diesen Texten freuen können.

"Aufklärung" von Angela Steidele ist im Insel Verlag erschienen. Bildrechte: Insel Verlag

Die Goldschmiedin hatte damit Teil am Brief- und Freundschaftskult ihrer Zeit. Die Forschung hat mittlerweile festgestellt, dass die Millionen Küsse, die dabei ausgeteilt wurden, nicht immer und nur metaphorisch zu verstehen sind. So auch die Küsse, die Luise Gottsched an Dorothee Henriette von Runkel richtete. Diese Liebe von Louisa Gottschild zu einer Frau – historisch verbürgt – war für mich als Erzählerin eines Romans der Anlass, es könnte sich ja auch Dorothea Bach in Luise Gottsched verlieben. Denn zum Beispiel Eifersucht auf eine andere Frau ist in diesen Originalbriefen ebenfalls ein Thema.

Das Interview hat MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher geführt.
Redaktionelle Bearbeitung: op

Angaben zum Buch"Aufklärung" von Angela Steidele
Erschienen im Insel Verlag
603 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-458-64340-1
Preis: 25 Euro

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 08. April 2023 | 19:05 Uhr